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Süddeutsche Zeitung vom 18. Juni 2005

Furchtbare Effizienz

Das Jüdische Museum in Berlin dokumentiert die Geschichte der Firma »Topf und Söhne«, die Öfen für Auschwitz baute

Von Franziska Augstein


Wie war das möglich, wie hat es zur Endlösung kommen können? Die Frage, Kernfrage der heutigen Sicht auf die deutsche Geschichte, wird in der Ausstellung »Techniker der Endlösung«, die gestern im Jüdischen Museum zu Berlin vorgestellt wurde, zu einer fürchterlichen Antwort geführt: Es ging mühelos.

Der Massenmord in den KZs hatte auch eine »handwerkliche« Seite. Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, die diese Ausstellung mit Unterstützung des Jüdischen Museums und der Gedenkstätte Auschwitz konzipiert hat, scheute sich, das Wort auszusprechen. Aber ein besseres gibt es nicht: Die Erfurter Firma Topf & Söhne, ursprünglich auf den Bau von Mälzereien und Dampfkesselanlagen spezialisiert, baute die Öfen für die Krematorien der KZs. Sie baute auch Belüftungsanlagen für die Gaskammern: Je schneller das Zyklon B abzog, desto schneller standen die Räume für die nächste Mordaktion zur Verfügung.

Topfs Monteure verbrachten beim Aufbau der Anlagen etliche Monate in den Vernichtungslagern. Damit die Öfen reibungslos funktionierten, wurden sie in Anwesenheit der Monteure auf ihre Kapazitäten getestet: Niemand in der Firma scheint sich an den bestialischen Schauspielen im mindesten gestört zu haben. Wie viel Erfindergeist und eigenes Engagement die Ingenieure an den Tag legten, zeigen die Dokumente, Pläne und Schaubilder, die nach dem Krieg in den Archiven der Firma gefunden wurden. Sie belegen, dass die Chefs, die Ingenieure und Monteure genau wussten, dass ihre Anlagen dem Massenmord dienten. Sie zeigen auch, dass die Führungskräfte, die alle nicht radikale Antisemiten oder glühende Nationalisten genannt werden können, nicht bloß auf Bestellung der SS arbeiteten, sondern sich sogar aus eigenem Antrieb Gedanken machten, wie in der Zukunft immer größere Leichenaufkommen zu bewältigen wären. Der Effizienz zuliebe, das verstand sich von selbst, hatte die Firma von Anfang an alle Regeln, die auch damals für die ordnungsgemäße Einäscherung toter Menschen galten, fallen lassen: Die Krematoriumsöfen in den KZs wurden nicht so gebaut wie solche für Friedhöfe, bei denen die Flamme nicht den Körper berühren darf. Sie funktionierten vielmehr wie Abfallverbrennungsanlagen.

Einer der Ingenieure war stolz darauf, eine Art Perpetuum Mobile der Leichenverbrennung entwickelt zu haben: Einen vierstöckigen Ofen, der ohne Koks oder Erdöl betrieben werden konnte: Die Toten selbst gaben in dieser Konstruktion den Brennstoff her.

Zu Bau und Einsatz dieses Ofentypus kam es dann nicht mehr. Und auch sonst fanden die Topf-Leute nach Kriegsende Anlass zu Beschwerden. »Ich war anständig stets«, schrieb Ludwig Topf in einem larmoyanten Abschiedsbrief kurz vor seinem Selbstmord, »das Gegenteil von einem Nazi.« Schrecklich ist es, dass dieser Mann und alle übrigen, die mit ihm und seinem Bruder zusammenarbeiteten, das offenbar wirklich so sahen: In den Gesprächsnotizen und Aktenvermerken der Firma Topf wurden keine Euphemismen verwendet. Das Wort »Gaskeller« etwa schrieben die Sekretärinnen in der Chefetage unumwunden hin. Als im Januar 1945 angesichts des russischen Vorrückens Teile der Vernichtungsanlagen in Auschwitz zerstört wurden, ließ das Unternehmen das Gebläse einer Gaskammer demontieren, um es nach Mauthausen zu verfrachten: Dort sollte die Produktion von Toten weitergehen. Man hatte kein Unrechtsbewusstsein und folglich keine Angst. Mochten die Topf-Leute auch keine feurigen Nazis sein, so fanden sie doch offenbar die Annahme normal, dass es massenhaft unwertes oder feindliches Leben gebe, das vernichtet werden musste.

Erst nach dem Krieg finden sich auch in den Annalen der Firma Topf die üblichen Formen der Verschleierung: Man habe nichts gewusst, hieß es. Man habe doch nur – angeblich ordnungsgemäß – Tote verbrannt, deren Körper sonst zu Seuchenherden geworden wären. Ernst-Wolfgang Topf, der zweite Firmenchef, gründete eine neue Firma in Wiesbaden, sie war auf beides spezialisiert: Krematorien und Abfallvernichtung, 1963 ging sie Konkurs. Die Erfurter Mutterfirma wurde für »herrenlos« erklärt und errichtete nun Mälzereianlagen für den Sozialismus.

Der Bühnenbildner Hans Dieter Schaal, der die Ausstellung inszeniert hat, schuf Räume, in denen die Texte und Pläne nicht neben den Sachobjekten untergehen. Verglichen mit heutigen Multimedia-Veranstaltungen hat die Ausstellung ein fast altmodisches Gepränge. Rikola-Gunnar Lüttgenau, der Kurator, sorgte dafür, dass die Texttafeln alles Nötige betreffend das Wie und Was enthalten, während die moralische Infamie, die hier dargestellt wird, nicht mundgerecht und damit abbuchbar zurechterklärt wird. »Man darf nicht alles ganz erklären wollen«, sagt Volkhard Knigge, »man muss manches einfach aushalten.«

Die Stadt Erfurt hat sich mit dem Erbe der Firma Topf nicht leicht getan. Man fürchtete um Erfurts guten Ruf. Erst gestern morgen erhielt Volkhard Knigge ein Fax des Bürgermeisters: Ja, auch in Erfurt solle die Ausstellung gezeigt werden. Das Verwaltungsgebäude der Firma Topf steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Vielleicht wird die Stadt es kaufen. Vielleicht wird diese Ausstellung dort einmal als Dauerausstellung eingerichtet werden. Zu wünschen wäre es. Topf & Söhne war übrigens nicht die einzige Firma, die KZ-Krematorien baute. Ihr Konkurrent hieß Kori. Dieses Unternehmen gibt es noch. Aber die Ansuchen der Stiftung Buchenwald, Einblick ins Firmenarchiv zu erhalten, wurden nicht einmal beantwortet.

Techniker der Endlösung, Jüdisches Museum Berlin, Tel: 030 259 933 00. Bis 18. September. Der Katalog (Verlag Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora) kostet 7,90 Euro.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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