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Berliner Zeitung vom 22. Juni 2005

Die unschuldigen Öfen

Das Jüdische Museum stellt ein Familienunternehmen vor, das die Technik für Konzentrationslager baute

Von Volker Müller


J.A. Topf & Söhne. Maschinenfabrik. Gegr. 1878. An die Bauleitung der Waffen-SS und Polizei, Auschwitz. ... Erfurt 4.11.41 Ihr Schreiben v. 22.10.41 ... Wir danken Ihnen bestens für den uns erteilten Auftrag auf Lieferung von 5 Topf-Dreimuffel-Einäscherungsöfen mit Druckluftanlage / 2 Sarg-Einführungs-Vorrichtungen mit Schienenanlage für 5 Öfen / 3 Topf-Saugzug-Anlagen / 1 Topf-Müll-Verbrennungs-Ofen Rauchkanal-Anlage.« Die Kosten: RM 51 237. Drei Monate Lieferzeit. »Erwähnen möchten wir, dass die Einäscherungskammern jetzt größer gebaut werden als bei den bisherigen Öfen. Hierdurch wollen wir eine größere Leistung erreichen.« Aus dem gleichen Grund hat man »statt 2 Saugzug-Anlagen deren 3 vorgesehen, ...auch berücksichtigt, dass gefrorene Leichen zur Einäscherung gelangen...Wir sichern Ihnen die Erstellung einer sachgemäßen und gut arbeitenden Anlage zu und empfehlen uns mit / Heil Hitler!« Schwungvolle Unterschrift des Prokuristen.

Als dieser Brief nach Auschwitz abgeht, ist die Erfurter Firma Topf & Söhne dem NS-Regime als Partner bei der technischen Durchführung des Holocaust längst bestens empfohlen. Ende 1939 - nach einem epidemischen Massensterben in Buchenwald - lieferte sie zunächst einen fahrbaren Verbrennungsofen, wie er zur Beseitigung von Tierkadavern benutzt wurde. Kurt Prüfer, führender Konstrukteur bei Topf, entwickelte daraus fest installierbare Öfen. Bereits im Frühjahr 1941 waren die Lager Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Mauthausen und Gusen damit ausgerüstet.

Eine Dokumentation zeigt jetzt im Jüdischen Museum Berlin, wie entwicklungsfreudig man sich bei Topf & Söhne als Techniker der »Endlösung« (so der Titel der Ausstellung) in die immer größer dimensionierten Todesfabriken einbrachte. Aus Öfen mit zwei »Muffeln« (Verbrennungskammern) werden für die vier Krematorien von Auschwitz und Birkenau ganze Batterien von 3-Muffel-Öfen. Schließlich scheinen selbst 8 Kammern, ja die Muffel-Technologie überhaupt dem Topf-Prokuristen Fritz Sander nicht mehr »das richtige System« für den »starken Bedarf« zu sein. Er meldet im November 1943 seinen »kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungsofen für Massenbetrieb« zum Patent an: Zeit- und energiesparend sollen die über vier Rostetagen hinab gleitenden Leichname von unten her beständig einander selbst entzünden.

Was sind das für Leute, die solches Werk tun? Was trieb sie an?

Die Ausstellung stellt zunächst eine »ganz normale deutsche Firma« vor. Vom Erfurter Braumeister Johann Andreas Topf 1878 gegründet, wird sie unter dessen Sohn Ludwig zu einem weltweit erfolgreichen Unternehmen für Mälzerei- und Speicheranlagen; nach 1914 verlegt sie sich auch auf den Bau von städtischen Krematorien. Die Enkel Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf junior bringen den Betrieb durch die Weltwirtschaftskrise. Das Arrangement mit der SS? Ein Auftraggeber eben, wie andere auch. Das Forschungsteam an der Gedenkstätte Buchenwald, das dem Fall Topf & Söhne auf den Grund ging und diese Ausstellung schuf, fand in den Akten nicht einen Hauch von Skrupel.

Das ist der moralisch aufstörende Impetus der Dokumente aus der NS-Zeit: Dass es doch offenbar »ganz normale Leute« waren, die sich da bedenkenlos der Technologie des Massenmords widmeten. Die Topf-Brüder oder der Oberingenieur Prüfer waren, wenn auch NSDAP-Mitläufer, keine notorischen Nazis, keine Antisemiten (in der Belegschaft hatten »Halbjuden« und verfolgte Kommunisten weiter ihren Platz). Auch materielles Gewinnstreben konnte kein Motiv sein, der Anteil der KZ-Geschäfte am Gesamtumsatz betrug nur etwa zwei Prozent. Sie handelten nicht auf Befehl oder unter politischem Druck; sie traten - allen voran Prüfer - als selbstbewusste Partner und Berater der SS-Größen auf. Entwicklungsbesessen eilten sie erwarteten neuen Dimensionen der Menschenvernichtung voraus. Auf bestürzende Weise haben Briefe oder firmeninterne Aktennotizen das Selbstverständnis von »Normalität« festgehalten, mit dem sie ihre Produkte für die Vernichtungslager konstruierten, bauten, am Bestimmungsort montierten, Probeläufe beobachteten. Ohne Chiffre tippt die Sekretärin in Erfurt den mahnenden Anruf des nach Auschwitz gereisten Abteilungsleiters Schultze, die Lüftungsanlage für den »Gaskeller« sei nicht eingetroffen.
Ganz gewöhnliche Deutsche also, die Auschwitz als Bestandteil des Alltags akzeptiert haben und sich, staatlich legitimiert, auf Ausgrenzung und Ausrottung von »Gemeinschaftsfremden« auf Dauer einrichten. Wie anders wäre es sonst zu begreifen, dass Topf-Ingenieure noch im Februar 1945, Auschwitz ist schon befreit und Nazideutschland am Ende, eine gigantische Todesfabrik für Mauthausen projektieren?

Im Schlussteil berichtet die Schau, wie es nach dem 8. Mai 1945 weiter ging mit den Leuten von Topf & Söhne. Prüfer wird von den amerikanischen Besatzern Ende Mai verhaftet und bald auf freien Fuß gesetzt. Er geht wieder zu Topf arbeiten, bis ihn die nachrückenden Sowjets erneut verhaften, wie auch Fritz Sander, Karl Schultze und Betriebsdirektor Gustav Braun. In den Verhören leugnen sie nicht, was sie gewusst und getan haben, von kritischer Selbsteinkehr ist nichts vermerkt. Sander erliegt nach wenigen Wochen Haft einer Herzschwäche. Prüfer stirbt 1952 im Gulag. Schultze und Braun kommen 1955 frei.

Ludwig Topf begeht am 30. Mai 1945 Selbstmord, in einem Abschiedsbrief erklärt er, dass er »bewusst und absichtlich niemals Böses« getan habe. Ernst-Wolfgang Topf beharrt auf seiner These von den »unschuldigen Öfen«.

In der DDR wurde Topf als volkseigener »Mälzerei- und Speicherbau« weitergeführt, die NS-Mittäterschaft dem abgeschafften Kapitalismus angelastet. Die Firmenakten ließ man ruhen. Auch nach der Wende fand eine Bürgerinitiative zur Erinnerung an jenes Kapitel der Werksgeschichte (dabei auch Akteure aus der Sippe Topf), in Erfurt nur widerstrebendes Gehör. Das Firmenarchiv überließ die Führung des reprivatisierten (inzwischen in Konkurs gegangenen) Betriebs dem französischen Apotheker Jean-Claude Pressac, der von einem Holocaust-Leugner zum Erforscher der Verbrechen wurde. Nach dessen Tod vor einem Jahr kamen die Akten zurück nach Thüringen, ins Landesarchiv nach Weimar. Wie die Ausstellung vorführt, ist das Dokumentenstoff in Fülle, Nazideutschland und Auschwitz nicht als Verkehrsunfall der Geschichte zu betrachten oder lediglich als Ausgeburt einer abnormen Clique. Moralisch herausforderndes Material: Wie hättest du gehandelt? Wer ein Fallbeispiel sucht für das sehr gewöhnliche Funktionieren einer Zustimmungsdiktatur mit verdammt viel normalen Leuten drin - hier ist eines.

Die Berater der SS

Die Ausstellung über »Topf & Söhne - die Ofenbauer von Auschwitz« wird im Jüdischen Museum Berlin bis zum 18. September gezeigt. Geöffnet täglich von 10 bis 20, montags bis 22 Uhr. Eintritt (Museumsticket) 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.
Ein illustrierter Begleitband kostet im Museum 7,90 Euro.
Mehr im Internet unter: www.topfundsoehne.de

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
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