_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Berliner Morgenpost vom 26. Oktober 2005

Hitler verdanke ich Weihnukka

Über das Verhältnis des jüdischen Lichterfestes zum christlichen Weihnachten

Von W. Michael Blumenthal


Unter dem Titel »Weihnukka« untersucht eine Ausstellung im Jüdischen Museum die Ursprünge der Feste Chanukka und Weihnachten. Museumsdirektor W. Michael Blumenthal erinnert sich an seine eigene Kindheit.

»Weihnukka« ist auch für mich, wenn auch nur vorübergehend, ein Begriff gewesen. Das habe ich, wie so einiges in meinem bunten Leben, Adolf Hitler zu verdanken. Ich wurde 1926 in Oranienburg als Sprößling einer assimilierten, bürgerlichen deutsch-jüdischen Familie geboren. Mein Ur-Urgroßvater soll, laut Familienlegende, noch ein frommer Jude gewesen sein, der täglich jeden Morgen seine religiösen Pflichten in der Synagoge von Wittstock verrichtete. Seinen Sohn, meinen Urgroßvater, nannte er Levi mit Vornamen. Aber als dieser, Jahrgang 1818, als junger Mann nach Oranienburg übersiedelte, hieß er bereits Louis. Das klang einheimischer und gefiel ihm besser, denn er war ein guter brandenburgischer Preuße. Seine eigenen Kinder nannte er Emil, Martin und Louise.

Urgroßvater Louis wurde im 19. Jahrhundert einer der Oranienburger Stadtväter, mein Großvater ebenso. Den Blumenthals ging es in dieser Kleinstadt gut. Man war weder reich noch wohlhabend, aber in der Familie sagte man bescheiden, man wäre »gut situiert«. Ewald, mein Vater, war als junger Mann auf den Spuren seiner Vorfahren in die kleine Familienbank eingetreten; jedenfalls hatten wir Personal - eine Köchin, ein Dienstmädchen und, für meine Schwester und mich, ein Kinderfräulein. Das kam aus einer verarmten adligen Familie und hieß Else von Willmanns, Edle von Wildenkron. Meine Eltern fanden das spannend.

Außerdem war da auch noch ein Chauffeur, denn mein Großvater hatte sogar schon ein Auto. Das war in den 1920er-Jahren noch etwas Besonderes. Der Chauffeur hieß Paul. Urgroßvater und Großvater waren zwar noch Vorsitzende der kleinen Oranienburger jüdischen Gemeinde, aber nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Pflichtgefühl. Die jüdischen Feste wurden in der Familie schon lange nicht mehr gefeiert. Von Chanukka keine Spur, dafür aber natürlich Weihnachten: mit Weihnachtsbaum, Geschenken und allem Drum und Dran. Daran kann ich mich noch aus frühester Kindheit erinnern: an eine sich jährlich wiederholende Zeremonie, die - so hieß es jedenfalls bei uns - in einer gut situierten Familie zum guten Ton gehörte. Heiligabend versammelte sich die Familie um den Weihnachtsbaum, und als erstes lief die Bescherung des Personals ab. Köchin, Dienstmädchen, Kinderfräulein und Paul erschienen festlich gekleidet und wurden beschenkt. Dann sangen wir Weihnachtslieder - »Oh Tannenbaum«, »Ihr Kinderlein kommet« und natürlich auch »Stille Nacht«. Darüber hat sich meine jüdische Familie (denn getauft waren wir ja nicht) auch keine weiteren Gedanken gemacht. Das gehörte sich so in einer deutschen Familie. Danach wurde das Personal verabschiedet, die Köchin kümmerte sich wohl um die Weihnachtsgans und die Lebkuchen, und dann - kam der Weihnachtsmann. Als kleines Kind war es mir nie aufgefallen, daß zufällig Fräulein Else jedes Mal zeitweise verschwunden war und erst als der Weihnachtsmann weg war, wieder auftauchte. Meine viereinhalb Jahre ältere Schwester hatte diesen Zufall schon bald verstanden. Ich jedoch freute mich über den Mann mit dem langen Bart und die Geschenke, die er brachte.

Dann kam Hitler. Wir wohnten jetzt in Berlin, und nach Ansicht der Nazis waren wir auch keine Deutschen mehr. Nur noch »Juden«, was meine Eltern nur schwer verstehen konnten. Und 1936, ich war nun zehn Jahre alt, konnte ich auch nicht mehr auf ein normales Gymnasium und wurde daher in ein jüdisches in Dahlem eingeschult. In der Kaliski-Schule lernte ich unter anderem, wie das so mit der jüdischen Religion und den Festen ist. Man bemühte sich, auch uns allen aus assimilierten Familien stammenden Schülern Hebräisch beizubringen. Freitags wurden die Kerzen angezündet und dazu lernten wir den Segen singen. Dort hörte ich zum ersten Mal auch etwas von Chanukka und den dazugehörigen Zeremonien, wie dem Lichtanzünden.

Als ich dann eines Tages zu Hause erzählte, ich könnte das jetzt alles fein vorsingen und als Juden sollten wir doch Chanukka feiern, fanden das meine Eltern zwar merkwürdig, aber auch sie fühlten sich wegen der Umstände wieder mehr jüdisch und stimmten zögernd zu. Also erschien circa 1937 bei uns ein Chanukka-Leuchter, ich sang den Segen und jeden Tag wurde eine Kerze angezündet. Aber der Weihnachtsbaum wurde nicht abgeschafft. Somit hatten wir beides - presto: Weihnukka!

Ende 1938 kam mein Vater aus dem KZ Buchenwald zurück und meine Eltern waren panisch damit beschäftigt, aus Deutschland herauszukommen, um uns das Leben zu retten. Ob wir bei unserem letzten Weihnukka noch Weihnachtsbaum oder Chanukka-Leuchter hatten, weiß ich nicht mehr. Zumal die Wohnungseinrichtung gerade an die Horden williger Schnäppchenjäger verhökert wurde, damit wir unsere Schiffskarten nach China bezahlen konnten. Dort, in Shanghai, gab es sowieso keinen Weihnachtsbaum für uns. Aber jetzt, in den USA, gibt es ihn bei uns in Princeton wieder.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Helfen Sie uns, ...

... unsere Website zu verbessern, indem Sie an unserer Online-Umfrage teilnehmen!
(Zeitaufwand: 1 Minute)

In Kontakt bleiben über