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Welt am Sonntag vom 30. Oktober 2005

Bilder verschwundener Welten

Roman Vishniac zog in den 20er und 30er Jahren als Lichtbildner durch Europa. Das Jüdische Museum zeigt erstmals seine Berlin-Fotos

Von Frank Thinius


Eigentlich war Roman Vishniac ein Mann fürs Detail. Die meiste Zeit widmete der Pionier der Mikrofotografie den Aufnahmen von Tieren und Kleinstorganismen. Aber berühmt machten ihn seine Fotografien jüdischer Gemeinden in Osteuropa. Der Fotoband "Verschwundene Welt" zeigt sie noch, bevor die Nazis sie auslöschten.

Vom 4. November an sind jetzt zum ersten Mal die Berlin-Fotografien des gebürtigen Russen Roman Vishniac im Jüdischen Museum zu sehen. Aufnahmen der Metropole aus den zwanziger und dreißiger Jahren, wertvolle Zeitdokumente, die erst nach seinem Tod im Jahr 1990 entdeckt wurden.

Der 23jährige Vishniac kam 1920 nach Berlin. Er folgte seinen Eltern, die wie viele Mitglieder des russischen Bürgertums vor der Revolution in die deutsche Hauptstadt geflohen waren. Die meisten von ihnen lebten in Charlottenburg, das sie "Charlottengrad" nannten. Vishniacs Familie zog ins angrenzende Wilmersdorf.

Auch in Berlin galt Vishniacs Interesse in erster Linie der Natur. Eher beiläufig entstanden die Aufnahmen, in denen er auf subtile, manchmal fast zärtliche Weise seine Wahlheimat und ihre Bewohner porträtierte. Es waren Bilder "am Ende einer Pflanzen- oder Insektensequenz", "die er machte, um einen Film voll zu bekommen", heißt es im fundiert und liebevoll editierten Ausstellungskatalog.

Oft sind es die Kleinigkeiten, die den Charme der kunstvollen Kompositionen ausmachen. Der gebannte Blick der Besucher einer "Kellerkneipe" in Charlottenburg, der kleine Sprung des Jungen zwischen den ernsten Eltern am Bahnhof Zoo. Andere Aufnahmen zeigen das jüdische Leben Berlins und die Großstadt der frühen Moderne. Etwa die Fotografie vom Alexanderplatz, auf der die Architektur Peter Behrens' selbst die Automobile alt aussehen läßt.

Vishniacs Aufnahmen sind Zeugnisse einer vergangenen Epoche. In Polen, Ungarn, Litauen und Rumänien trieb ihn ein soziologisches Interesse an. Mit systematischem Ernst dokumentierte er dort die jüdischen Schtetl. Seine Berlin-Fotografien sind dagegen heitere Launen des Augenblicks.

So verschieden die Anlässe für Vishniacs Fotografien auch waren. In beiden Fällen wurden seine Aufnahmen zu letzten Bildern. Sie zeigen Europa am Vorabend der Katastrophe und Roman Vishniac als Chronisten einer verschwundenen Welt.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
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