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Jüdische Allgemeine vom 3. November 2005

Das Dezember-Dilemma

»Weihnukka«: Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Von Nino Ketschagmadse


In der politisch betont unkorrekten US-Zeichentrickserie South Park bricht ein Konflikt aus, als der kleine Kyle, Sproß einer jüdischen Familie, beim Krippenspiel in der Schule den Joseph geben soll. In Friends, einer anderen erfolgreichen amerikanischen Fernsehserie, steht auf einem Kamin, vor dem rote Bescherungssocken für Santa Claus hängen, ein Chanukka- Leuchter. Auf einer Postkarte sind die Worte »Happy Chrismukkah« zu lesen.

Zu sehen sind die Szenen in einem kleinen stilisierten »Dreidel«-Kino. Es ist Teil der neuen Sonderausstellung Weihnukka – Geschichten von Weihnachten und Chanukka mit der das Jüdische Museum Berlin bis zum 29. Januar 2006 das »Dezember-Dilemma« vieler Juden thematisiert: Wie verhält man sich, wenn alle Welt rundherum Christi Geburt feiert?

Der Titel der Ausstellung greift einen ironischen Begriff auf, der im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufkam. Bürgerliche jüdische Familien adaptierten Weihnachten mit seinen Lichtern, Geschenken und Familienzusammenkünften, indem sie den ungefähr zur gleichen Zeit stattfindenden Halbfeiertag Chanukka aufwerteten. Manche übernahmen Weihnachten auch ganz: Die christlich-religiösen Inhalte wurden ignoriert, Tannenbaum und Bescherung zum überkonfessionellen deutschen Volksbrauchtum umgewidmet.

Chanukka – zu deutsch Einweihung – erinnert an die Befreiung Jerusalems von der Vorherrschaft der Seleukiden durch die aufständischen Makkabäer im Jahr 165 vor unserer Zeitrechnung. Nach dem Sieg wurde der zerstörte Tempel wieder eingeweiht, wobei, so steht es im Talmud, das Ölwunder geschah: Das eigentlich nur für einen Tag ausreichende Licht des Tempelleuchters brannte stolze acht Tage lang. Zum Gedenken werden bis heute während der acht Tage Chanukka nach Einbruch der Dunkelheit die Lichter des Chanukka- Leuchters angezündet – jeden Tag eines, bis alle acht brennen.

Nicht nur unter assimilierten Juden wurde Chanukka im 19. Jahrhundert umgewidmet und erhöht. Auch die Begründer der zionistischen Bewegung bedienten sich seiner, um ihr ideologisches Leitbild des kämpferischen Juden zu begründen. Kein Zufall auch, daß der 1921 gegründete Dachverband jüdischer Sportvereine sich »Maccabi World Union« nennt.

Aber nicht nur Chanukka hat sich durch die Jahrhunderte verändert, auch Weihnachten. Christen feiern am 24. Dezember die Geburt Jesu, obwohl über dessen tatsächliches Geburtsdatum im Neuen Testament nichts steht. Der 24. Dezember wurde von den Römern übernommen, für die der kürzeste Tag des Jahres der Geburtstag des Sonnengottes Sol Invictum war. Zum besinnlichen Familienfest wurde Weihnachten in Deutschland zur Biedermeierzeit. Damals kam auch der Tannenbaum zu Ehren. Die Nationalsozialisten versuchten, Weihnachten zu entchristianisieren und feierten die Wintersonnenwende als germanisches »Julfest«. In den USA wiederum ist »Christmas« vor allem ein kommerzielles Ereignis, dessen Symbole wie Santa Claus und seine Rentiere, unter ihnen der berühmte rotnasige Rudolf, bar aller christlichen Tradition sind.

Diesem Themenkreis widmet sich die Ausstellung auf erfrischend unpädagogische und unterhaltsame Art. Anhand von zahlreichen Fotos, mehr als 700 Objekten, Filmausschnitten und Musik erfährt der Besucher Hintergründiges über die Ursprünge beider Feste, die Entwicklung der Traditionen durch die Jahrhunderte und die kulturellen Wechselwirkungen. Zu diesen gehört etwa, daß der erfolgreichste Weihnachtsschlager aller Zeiten, White Christmas, von Irving Berlin stammt, einem jüdischen Komponisten, der das Fest erst kennenlernte, nachdem seine Familie aus dem zaristischen Rußland in die USA eingewandert war.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem unvermeidbaren Kitsch und den Kuriositäten, wie sie untrennbar zu beiden Festen gehören. Dazu zählen Christbaumkugeln mit Davidsternmuster, Chanukkaleuchter mit Micky-Maus-Figuren, christlich-jüdische Mischgrußkarten zu beiden Festen und vieles andere mehr. Etliches davon können Besucher auf einem eigens eingerichteten Weihnukka-Markt käuflich erwerben.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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