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Berliner Morgenpost vom 9. November 2005

Blick durchs Mikroskop

Vergessene Fotos: Das Jüdische Museum Berlin präsentiert »Roman Vishniacs Berlin«

Von Christiane Meixner


Mit Bildern aus dem Leben osteuropäischer Juden wurde Roman Vishniac berühmt. Bis zu seinem Tode unentdeckt blieben jedoch die Fotos aus dem Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre. Nun zeigt sie das Jüdische Museum.

Das Haus könnte überall in der Stadt stehen. Mit seiner Eckkneipe, deren Rolladen fast völlig heruntergelassen sind, und dem nassen Asphalt paßt die Straßenszene ebenso nach Kreuzberg wie Charlottenburg. Bloß der Pulk spielender Kinder, die sich barfüßig und in Latzhosen um das Wasser im Rinnstein scharen, weist auf die Zeit, in der Roman Vishniac seine Szene festhielt: an einem sommerlichen Samstagnachmittag 1934 in Berlin.

Im Jüdischen Museum hängt das schwarzweiße Foto neben anderen urbanen Impressionen. Vom Alexanderplatz, Landwehrkanal und Café Kranzler, wo sich Männer in Anzug und Krawatte um die zierlichen Tische drängen. Keine dieser Aufnahmen zeigt Spektakuläres, und dennoch sind sie eine kleine Sensation: Denn bislang galt Vishniacs Berlin, so wie es der jüdische Fotograf bis zu seiner Emigration nach New York gesehen und erlebt hatte, als verschollen.

Fast zwanzig Jahre verbrachte Vishniac in der deutschen Hauptstadt. Von hier aus unternahm er kurz vor dem Zweiten Weltkrieg seine Reisen in die jüdischen Gemeinden Osteuropas und dokumentierte das Elend in den dortigen Schtetln - historische Aufnahmen einer verschwundenen Generation, mit denen er später dank mehrerer Publikationen weltberühmt geworden ist. Erst nach Vishniacs Tod 1990 tauchte in seinem Schreibtisch ein Bruchteil jener privaten Fotos wieder auf. Ein Bündel mit Vintages, Kontaktabzügen und Negativen, von denen eigens für die Ausstellung Abzüge gefertigt wurden.

Zusammen liefern sie das eindrucksvolle Bild einer Stadt über zwei Jahrzehnte. Von der Ankunft im Berlin der zwanziger Jahre, das zum Zentrum russischer Intellektueller geworden war und in dem sich mit Wassily Kandinsky, Naum Gabo oder László Moholy-Nagy ein beachtlicher Teil ihrer Avantgarde aufhielt. Ihre Nähe hat Vishniac, der Wissenschaftler, allerdings nicht gesucht. Seine Passion waren Mikroskope und Kameras, und so verwundert es zum einen nicht, daß er nebenbei auch als Pionier der Mikrofotografie gewirkt hat. Und zweitens läßt sich dieser sachliche, auf die Details konzentrierte Forscherblick auch in den Berliner Ansichten seiner Familie, einer jüdischen Schulklasse oder den anonymen Spaziergängern erkennen, die das Trottoir bevölkern.

Vishniac verzichtet fast gänzlich auf ästhetische Experimente, wie sie en vogue waren. Einzig die »Treppe«, ein Bild aus den dreißiger Jahren, und vielleicht noch »Sonntag im Grunewald« erproben die Wechselwirkung von Licht und Schatten und reduzieren den Menschen zur flächigen Silhouette. Im übrigen widmet er sich dem Alltag, den er in wunderbaren Kompositionen festhält, die mehr dem Impressionismus des späten 19. Jahrhunderts als der sachlichen Fotografie seiner Zeit verpflichtet sind.

Auf Distanz geht Vishniac, als die politische Atmosphäre in Berlin zunehmend feindlich wird. Mehrfach lichtet er seine Kinder Mara und Wolf vor den Plakaten der Nationalsozialisten ab - ein stummer Protest gegen ein System, das der nachfolgenden jüdischen Generation keine Chance mehr auf ein Leben in Deutschland läßt. Entsprechend warm ist der Blick, den der Fotograf zum Schluß der umfangreichen Schau mit über 90 Aufnahmen auf das landwirtschaftliche Ausbildungslager Gut Winkel wirft, in dem zionistische Pioniere Kinder und Jugendliche auf ein neues Leben in Palästina vorbereiten.

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstr. 9-14., Kreuzberg. Bis 5.2.2006, tgl. 10-20 Uhr, Mo 10-22 Uhr. Katalog: 24,90 Euro

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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