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Berliner Morgenpost vom 15. Dezember 2005

Wenn vom Leben nur ein Paket bleibt

Von Kai Ritzmann


Was soll man sagen? Denken? Fühlen? Elfriede Thunsdorff-Mollenhauer jedenfalls entschied sich für das Schweigen. Was sie darüber dachte und fühlte, kam allein dadurch zum Ausdruck, daß sie, wenn sie von ihren Kindern darauf angesprochen wurde, anfing zu weinen. Dann schwieg sie wieder. So ging es Jahrzehnt um Jahrzehnt. Sie konnte und sie wollte nicht darüber reden - über dieses Paket.

Es maß kaum mehr als zwei Briefbögen, von außen waren nicht mehr zu sehen als grobes, braunes Packpapier, darauf ein Aufkleber: »Expressgut, München, Hbf. 3«, dazu die Nummer »1979«. Auf der Rückseite, mit der Hand geschrieben, ein Name: »Ellen Kämpfer«. Jene Ellen Kämpfer lebte in Hamburg, zusammen mit ihrer Schwester Betty, gemeinsam arbeiteten sie als Büroangestellte in einem Handelskontor. Vermutlich im Oktober 1941 wurden die beiden Jüdinnen ins Ghetto Lodz deportiert, von dort aus weiter in das Vernichtungslager Chelmno, wo sie ermordet wurden. Das Paket übergab Ellen Kämpfer ihrer nichtjüdischen Freundin Elfriede kurz vor dem Beginn ihrer Odyssee, die sie in den Tod führen sollte.

Seither hat Elfriede Thunsdorff-Mollenhauer das Paket aufgehoben, durch den Krieg hindurch, auch bei vielen Umzügen ging es nicht verloren. Es blieb verschnürt - und ein Geheimnis, eine Art dunkles, blindes Fenster in eine tragische Vergangenheit. Es sollte nicht aufgestoßen werden, es hätte nur böse Erinnerungen geweckt.

Elfriede Thunsdorff-Mollenhauer starb im Jahr 1994 in Weinheim an der Bergstraße, doch das Paket blieb weiter verschlossen, auch ihr Sohn, in dessen Besitz es übergegangen war, traute sich nicht daran. Es war wie ein Versprechen, das von der Mutter gegeben wurde und fortwährte, das Versprechen, den einmal übergebenen Besitz nicht anzutasten. »Sie dachte, sie hätte nicht das Recht gehabt, es aufzumachen«, sagt Peter Thunsdorff. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2000 entschloß sich der Sohn, das Geheimnis endlich zu lüften. Gestern übergab er alles offiziell dem Jüdischen Museum.

Als der Sohn das Paket öffnete, konnte er seine Rührung nicht verbergen, Tränen schossen ihm ins Gesicht. Zum Vorschein kam ein berührendes Sammelsurium von Alltagsgegenständen: Fotografien, ein Stück »Dralle-Blumenseife«, ein weißes Nachthemd mit den Initialen »E.K.«, ein Bündel mit Spitzendeckchen darin, ein Fläschchen »Odol«, »Braunschweiger Notgeld« über 75 Pfennige, private Schuldscheine über geringe Beträge, dazu kurze Erklärungen, etwa »Aus Kleiderkasse entnommen für Reparatur der Aktentasche«.

Eine Sammlung wie aus dem prallen Leben gerissen, sortiert, als ob nichts Schlimmes droht, von fast surrealer Zusammenhangslosigkeit. Ein ungelöstes Rätsel. Das also blieb von einem ganzen Leben.

Für Peter Thunsdorff und seine Frau hat sich mit der Schenkung ans Jüdische Museum »ein Kreis geschlossen«. Sie empfinden nun so etwas wie »Erlösung«. Der Tränen sind genug vergossen.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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