_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Die Zeit vom 29. Dezember 2005

Ein Menschenfreund

Michael Blumenthal zum 80. Geburtstag

Von Michael Naumann


Am 3. Januar wird er 80 Jahre alt - ein Alter, in dem sich die meisten Menschen längst im Ruhestand befinden oder in Melancholie flüchten: Michael Blumenthal hingegen schreibt gerade ein politisch-autobiografisches Buch, leitet das Jüdische Museum in Berlin, nimmt seine Aufsichtsratspflichten in diversen amerikanischen und deutschen Unternehmen wahr, fliegt zwischen New Jersey, Kalifornien und Berlin hin und her - ohne den Verdacht aufkommen zu lassen, er sei ein rastloser Mensch. Er ist nur neugierig auf andere Menschen, auf politische Schicksale und das Land, das ihn 1939 verstoßen hat und das er doch nicht vergessen konnte, auf Deutschland.

In Berlin wohnt der ehemalige US-Botschafter (unter Kennedy) und Finanzminister (unter Carter) im selben Haus, wo vor 200 Jahren in Rahel Varnhagens Salon das große Experiment der deutsch-jüdischen Assimilierung erste Früchte trug. Die umschwärmte Dame zählt zu den bedeutenden Vorfahren Blumenthals, die seit dem 17. Jahrhundert rings um Berlin siedelten - darunter Bankiers, Komponisten, Poeten. Neben den unauffälligen Mitbürgern jüdischen Glaubens gab es, allgemein gesprochen, immer wieder auch solche, an deren Exzellenz sich Neid, Missgunst und schließlich ein mörderischer Antisemitismus entzünden sollten. In letzter Minute waren die Blumenthals 1939 entkommen. Schließlich fand sich die Familie im Ghetto von Shanghai wieder. So lernte der junge Michael Straßenchinesisch. Ein Leben in finsterer Armut endete, als er sich 1947 nach San Franzisko durchschlug. Er wurde US-Staatsbürger, machte als Ökonom akademische, bald unternehmerische Karriere - zwanzig Jahre später war er Präsident der Bendix Corporation. Später folgten Chefposten bei noch größeren Konzernen und schließlich die Partnerschaft in einer Investmentbank. Das war eine Laufbahn, die in unserer inzestuösen Unternehmerkultur unvorstellbar ist, in der 80 Prozent der Topmanager aller Dax-Aktiengesellschaften Unternehmersöhne sind. Wie hat Blumenthal das geschafft?

Wer die kurze Geschichte des Jüdischen Museums in Berlin und die rettende Rolle Blumenthals beim Aufbau dieser Institution betrachtet, erfährt mehr über amerikanische Managementmethoden als aus hundert Lehrbüchern. Die Stadt hatte das anspruchsvolle Gebäude des Architekten Daniel Libeskinds zwar gebaut, doch dem damaligen Direktor Amnon Barzel fehlte zwei Jahre vor der geplanten Eröffnung eine allgemein akzeptierte Idee, was darin gezeigt werden sollte. Man ging von 300 Besuchern täglich aus (heute sind es bis zu 2000). Geplant war ein Betriebshaushalt von rund 9 Millionen Mark (heute sind es 12 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt plus 2,5 Millionen Euro Nebeneinnahmen).

Berlins damaliger Kultursenator Peter Radunski hatte in dieser peinlichen Situation im Herbst 1997 den rettenden Einfall, Michael Blumenthal zu berufen. Der hatte gerade das Manuskript zu seiner autobiografisch eingefärbten Studie Die unsichtbare Mauer abgeschlossen - die kummervolle Geschichte der gescheiterten Assimilation deutscher Juden und eines Berliners, der zwar glücklicher Amerikaner geworden war, dem aber, wie seinem Freund Heinz Berggruen, eine Sehnsucht nach der Stadt seiner Kindheit nie völlig abhanden kam. Das Nachkriegsdeutschland kannte er gut, mit Helmut Schmidt hatte er sich als Minister harte Debatten über Washingtons Währungspolitik geliefert; sein Mentor George Ball verkörperte jene atlantische Perspektive des Ostküsten-Establishments, die zu Blumenthals Zorn dem Kabinett des derzeitigen Präsidenten völlig fehlen.

Kurzum, die Herausforderung, in Berlin eine völlig neue Aufgabe zu übernehmen, gefiel ihm.

Als Erstes rief er Museumsleiter in aller Welt an und fragte nach dem besten Kurator oder Manager eines zeitgenössischen Museums. Nachdem alle Kandidaten gemustert worden waren, blieb einer übrig – Ken Gorbey, ein Neuseeländer, der weder Deutsch sprach noch Jude war, aber ein begnadeter Ausstellungsmacher. Ihm vertraute Michael Blumenthal das »unbespielbare« Haus an. Es sollte eine Ausstellung werden, in der Deutschlands Juden nicht als ewige Opfer auftreten sollten, sondern auch als schöpferische Minderheit, aus deren Mitte das kulturelle und naturwissenschaftliche, das intellektuelle und philosophische Wunder aufstieg, das mit den Namen Heine, Meyerbeer, Marx, Einstein, Haber, Kafka, Cassirer, Benjamin, Scholem, Adorno, Horkheimer verbunden ist. Gerade in der Widerspiegelung des normalen bürgerlichen Lebens deutscher Juden im 19. Jahrhundert sollte die abgründige Blödheit des Antisemitismus schockartig bewusst gemacht werden. Heute ist das Museum das wahrscheinlich erfolgreichste in ganz Deutschland: auf der Höhe museologischer Didaktik, mit preisgekrönten Publikationen, geführt von einem enthusiastischen Team. Blumenthals Fundraising-Dinners bescheren dem Museum jährliche Spenden in Höhe von 500.000 Euro.

In den acht Jahren seiner halben Rückkehr nach Berlin ist er ein gesuchter Ratgeber geworden, im Bundeskanzleramt genauso gern gesehen wie von den Aufsichtsräten einiger deutscher Konzerne. Wahrscheinlich ist er der Einzige unter ihnen, der Heine genauso gut kennt wie Keynes. Seinen Gesprächspartnern und Freunden steht er mit einer ironiefähigen Zuneigung gegenüber, einer unverkennbaren Menschenliebe, gedämpft durch die noch größere Menschenkenntnis, die zu erwerben ihn eine Kindheit in Deutschland gezwungen hat. Es stimmt, er ist ein später Freund dieses Landes geworden und doch loyaler Bürger jenes anderen Staates geblieben, der ihm all das bot, was Deutschland seinen Juden nach 1933 entzog: Anerkennung, Gerechtigkeit, Toleranz. Michael Blumenthal: Bleiben Sie da, kommen Sie wieder, je nachdem. Wir gratulieren zum Geburtstag.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

In Kontakt bleiben über