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Jüdische Zeitung, September 2005

Eine kurze lange Geschichte

Seit vier Jahren ist das Jüdische Museum ein Besuchermagnet

Von Olga Reichmann


Am 13. September wird das Jüdische Museum Berlin vier Jahre alt. In dieser Zeit ist es zu einem der drei meistbesuchten Museen Berlins geworden, neben dem Komplex auf der Museumsinsel und dem Checkpoint Charlie. Besucher aus dem In- und Ausland beeindruckt noch immer beides einem: inhaltliche Gestaltung und äußere Form.

Die Geschichte des Jüdischen Museums Berlin ist kurz oder sehr lang – je nachdem, wie man rechnet. Am 23. Januar 1999 feierten 550 geladene Gäste, darunter Gerhard Schröder, Eberhard Diepgen und Michael Naumann, die Fertigstellung des Libeskind- Baus. Am Tag davor, als der Berliner Kultursenator Peter Radunski und Bausenator Jürgen Klemann im Beisein des Architekten Daniel Libeskind einen symbolischen Schlüssel an Michael Blumenthal übergaben, ging eine lange Geschichte zu Ende, und damit ist nicht nur die sechsjährige Bauzeit gemeint.

Das Eröffnungsdatum war mit Bedacht gewählt worden, es sollte an die Vergangenheit anknüpfen. Denn es gab in Berlin schon einmal ein Jüdisches Museum, das am 24. Januar 1933 in der Oranienburger Strasse eröffnet wurde und im November 1938, nach der »Reichskristallnacht«, von der Gestapo geschlossen worden war. Die vorhandenen Bestände wurden konfisziert.

Erst 1971, als die Berliner Jüdische Gemeinde den 300. Jahrestag ihres Bestehens feiert, wird zu einer Neugründung eines jüdischen Museums aufgerufen, vier Jahre später entsteht die »Gesellschaft für ein Jüdisches Museum in Berlin e.V.«. In den folgenden Jahren existiert lediglich die Abteilung »Jüdisches Museum im Berlin Museum«, die Vera Bendt, 1979-1994 Oberkustodin, leitet. In dieser Zeit erhält das Jüdische Museum den ehemaligen Vortragsraum im Berlin-Museum als Ausstellungsraum und veranstaltet bis 1998 mehrere Ausstellungen im Martin-Gropius-Bau. Währenddessen läuft die Planung für den eigenen Bau, beim dazugehörigen Architektenwettbewerb setzt sich der Entwurf von Daniel Libeskind gegen 165 konkurrierende Entwürfe durch. Bis zur Grundsteinlegung vergehen noch weitere Jahre, am November 1992 ist es dann so weit: Der Grundstein zum Erweiterungsbau des Berlin-Museums – dem Libeskind-Bau – wird gelegt.
1994 wird Amnon Barzel zum Direktor des Jüdischen Museums, als einer Abteilung innerhalb des Stadtmuseums, berufen. Im Dezember 1997 folgt ihm Michael Blumenthal auf diesem Posten. Ein Jahr später wird Tom Freudenheim Stellvertretender Museumsdirektor. Am 9. Dezember 1998 wird der autonome Status des Jüdischen Museums gesetzlich festgeschrieben.

Am 9. September 2001 erfolgt die festliche Gala-Eröffnung des Museums. Nach einem Konzert des Chicago Symphony Orchestra in der Berliner Philharmonie besuchen 850 Gäste die erste Ausstellung des Museums – »Zwei Jahrtausende Deutsch-Jüdische Geschichte«.

Seitdem gibt es immer wieder Ausstellungen, Publikationen, Kunstprojekte, die der Geschichte und der Moderne gleichermaßen Rechnung tragen sollen und Kunst, Politik und Geschichte verbinden. Die künstlerische Avantgarde gehört ebenso selbstverständlich dazu wie aktuelle, politisch stark aufgeladene Themen. Die Ausstellungsreihe »Zeitgenössische Kunst im Jüdischen Museum Berlin« wird im Mai 2002 mit Arbeiten aus dem Freud-Zyklus des amerikanischen Künstlers Robert Longo eröffnet. Im September gleichen Jahres folgt »Ich bin kein Antisemit«: Eine Ausstellung von Briefen an den Journalisten Henryk M. Broder und die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung im Umfeld der aktuellen Antisemitismusdebatte in Deutschland. Das Museum will in loser Folge ebenso bekannte und vergessene Persönlichkeiten zeigen oder neu entdecken. Im März 2003 widmet sich eine Kabinettausstellung »Exil in Bolivien« dem künstlerischen Wirken und Schaffen des Malers Kurt Bialostotzky und des Musikers Erich Eisner im bolivianischen Exil. Im April 2003 wird die Ausstellung »Carlo Levi – Ausgewählte Werke 1926-1974« eröffnet, zum 100. Geburtstag des Malers, Schriftstellers und Widerstandskämpfers. Immer wieder zeigt das Museum zeitgenössische Kunstwerke, es will keine rein historisierende Auseinandersetzung führen.

Die Ausstellung »Schriftbilder« im November 2003 zeigt Arbeiten von Daniel Ben-Hur, Ruth Liberman, Oliver Siebeck und Max Wechsler, die sich auf eine sehr unkonventionelle aber auch auf eine traditionsreiche Weise mit der Schrift auseinandersetzen. 2002 auf der Frankfurter Buchmesse stellen das Jüdische Museum Berlin und der DuMont Literatur und Kunst Verlag die Buchreihe »Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin« vor. Es folgen weitere beachtenswerte Publikationen, unter anderem eine eigene Reihe für den Schulunterricht. Seit Mai 2004 sind auch 1051 Interviews, die die Shoah Foundation mit deutschsprachigen und in Deutschland lebenden Zeitzeugen des Holocaust geführt hat, im Lesesaal des Jüdischen Museums öffentlich zugänglich.

Mittlerweile wachsen die Besucherzahlen schneller als in jedem anderen Berliner Museum. Im Jahre 2001 waren es 275.000 Besucher, in den Jahren 2002 und 2003 jeweils 660.000, im Jahre 2004 sogar 700.000. Das Publikumsinteresse gilt nicht nur den Ausstellungen, sondern – und häufig auch hauptsächlich – dem Gebäude selbst. Umstritten und auffällig, passt der Libeskind-Bau nicht in die Stadtlandschaft Berlins und ist gerade deswegen hier richtig am Platz. Die Museumschronik verzeichnet ein heiteres Zahlendurcheinander, das sie der Architektur verdankt. Am 14. Dezember 1999 gibt Michael Blumenthal bekannt, dass die Eröffnung des Museums wegen einer Aufbesserung der technischen Infrastruktur des Gebäudes in das Jahr 2001 verschoben wird. Aber bereits drei Tage später, am 17. Dezember 1999, wird der hunderttausendste Besucher begrüßt. Ein halbes Jahr später gibt es immer noch keine Ausstellung, aber man begrüßt die zweihunderttausendste Besucherin. Die Besucher wurden durch das leere Haus geführt: es werde sehr spannende und eindrucksvolle Führungen. Der leere Raum in dem merkwürdigen Gebäude war auf seine Weise der Geschichte angemessen, in ihm war die Luft der Tragödie und der Hoffnung. Hier fällt ein Beispiel ein, das – bei allem Unterschied – mit einem ähnlichen Pathos geladen ist: Während der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg, als die Gemäldesammlung der Eremitage ausgelagert und evakuiert waren, veranstalteten die langjährigen Mitarbeiter des Museums Führungen vor den leeren Bilderrahmen. Die Fotos, die diese Führungen in verwüsteten Räumen zeigen, vermitteln beides: Tragödie wie Erlösung in der Hoffnung.

Insgesamt besuchten knapp 350.000 Besucher den noch leeren Libeskind-Bau.

Die Verbindung zwischen dem Museum und seinem Architekten ist über all diese Jahre sehr eng geblieben. Als das Jüdische Museum seinen zweiten Geburtstag feiert, wird die Ausstellung »Kontrapunkt – Die Architektur von Daniel Libeskind« gezeigt. Hier kann man dreizehn Architekturprojekte Libeskinds sehen – darunter auch das Modell für das neu zu gestaltende World-Trade-Center-Gelände.

In diesen Jubiläumstagen stehen den Besuchern Dauerausstellungen sowie zwei Sonderausstellungen offen.
Die Ausstellung »Techniker der ›Endlösung‹. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz« führt ein Forschungsprojekt zu einem Industrieunternehmen fort, das seit 1939 im Auftrag der SS Leichenverbrennungsöfen baute, am Anfang für Buchenwald, später auch für andere Lager. Für die Krematorien in Auschwitz wurde bei Topf ein besonderes Entlüftungssystem entwickelt. Topf & Söhne, gegründet 1878 als eine Spezialfirma für feuerungstechnische Anlagen in Erfurt, fing 1914 damit an, Einäscherungsanlagen für Krematorien zu bauen und eroberte bald die Marktführerschaft in Deutschland. Seit 1939 war die SS der Auftraggeber. Bilder, Objekte, Schriftstücke, technische Dokumentation und Skizzen zeigen die Geschichte von Menschen, die gut arbeiteten, erfinderisch waren und sich selbst als durchaus anständig begriffen. Keine Fanatiker, sondern gute Handwerker und ehrgeizige Ingenieure mit Erfahrung und Berufsstolz. Ein offenbar ganz normales Betriebs- und Geschäftsleben, zu dem Pläne, Skizzen, Briefwechsel mit Auftraggebern und Lieferscheine gehören. Und ein Werbeplakat, das eine Weltkarte mit Firmenstandorten darstellt: »Topf in aller Welt.«

»…auf der verfluchten deutschen Erde. Jüdische Überlebende nach der Befreiung« – diese Kabinettausstellung widmet sich ihrerseits dem Chaos der frühen Nachkriegsjahre. Damals lebten eine Viertelmillion Juden auf dem Gebiet des besiegten Dritten Reiches. Etwa 20.000 von ihnen waren ehemalige deutsche Staatsbürger, die die nationalsozialistische Verfolgung in Ehen mit Nichtjuden oder in Verstecken überlebt hatten. Nahezu 60.000 Juden waren von den alliierten Streitkräften aus Konzentrationslagern befreit worden. Bis zu ihrer Auswanderung bildeten sich teilweise parallele jüdische Gemeinden: die deutschen Juden in den wiederbelebten Strukturen der Vorkriegszeit, die Osteuropäer als »displaced persons« in speziellen Lagern oder als »Illegale«, hauptsächlich in der US-amerikanischen Zone.

Am Jubiläumstag, dem 13.September, ist der Eintritt im Jüdischen Museum in alle Ausstellungen frei. Außerdem inszeniert das Fotostudio Art & Photo Urbschat ein »mobiles Studio«, wo Kinder und Jugendliche kostenlos fotografiert werden und – wer weiß – einen Beitrag zum vielleicht längsten Kinderfoto der Welt leisten können.

Auch an anderen Tagen im September und Oktober lohnt der Besuch von Lesungen, Konzerten und Sonderausstellungen: Iris Berben stellt Hermann Kasacks »Die Stadt hinter dem Strom« vor (4. September), Zeruya Shalev liest aus ihrem neuen Buch »Späte Familie« (25. September). Zur Uraufführung kommt die Komposition »alle kennen meine Visage…«: Das Reisetagebuch Albert Einsteins wird hier durch drei Stimmen, 10 Instrumentalisten und Videoprojektionen zum Wort-Bild-Musik-Kunstwerk (27. September).

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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