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Jüdische Allgemeine vom 6. April 2006

Eine Torte für Freud

Das Jüdische Museum Berlin feiert den Psychoanalytiker zu seinem 150. Geburtstag

Von Michael Wuliger


So farbig war die Psychoanalyse selten. Knallbunte Neonschilder mit Grundkategorien der Freudschen Lehre springen den Zuschauer förmlich an, der die Ausstellung PSYCHOanalyse im Jüdischen Museum Berlin betritt, die an diesem Donnerstag eröffnet wird. »Hysterie«, »Ödipuskomplex«, »Über-Ich« und 31 andere Begriffe bilden ein leuchtendes Labyrint, wie man es sonst aus Einkaufsstraßen in der Vorweihnachtszeit kennt.

Vor lauter bunten Schildern übersieht man fast die erste Station der Ausstellung: eine dreistöckige, vier Meter große Torte zu Freuds 150. Geburtstag am 6. Mai. Nicht aus Pappmaché, sondern aus echtem Zuckerguß, hergestellt von einem Berliner Konditormeister. Darauf legen die Museumsleute wert. Der champagnerfarbene Kuchen ist in 24 Segmente aufgeteilt, von denen jedes einen Lebensabschnitt des Begründers der Psychoanalyse repräsentiert: Angefangen bei der Geburt als Sohn einer assimilierten jüdischen Bürgerfamilie, über das Urerlebnis, als der kleine Sigmund seine Mama erstmals nackt sah, das Medizinstudium, erste Konfrontationen mit dem Antisemitismus, die Anfänge der Psychoanalyse und den Weltruhm, bis zur Emigration und den Tod in London 1938. Freud und seine Zeitgenossen sind auf der Torte durch kleine Puppen der Berliner Künstlerin Diana Dart dargestellt, die halb nach Sesamstraße, halb nach South Park aussehen. Scheinwerfer beleuchten im Wechsel die einzelnen Tortensegmente, dazu ertönen aus Lautsprechern kleine Hörstücke, die das dazugehörige Kapitel aus Sigmund Freuds Vita erklären.

Mehr wird vom Geburtstagskind nicht gezeigt. Keine Fotos, keine Originalexponate. Nicht die berühmte Couch aus der Praxis in der Wiener Berggasse, keine Erstausgaben seiner Bücher, auch nicht Freuds geliebte Zigarren, auf die er nicht einmal verzichten wollte, als er an Mundhöhlenkrebs erkrankt war. Die Ausstellung verzichtet bewußt auf klassische Museumsstücke, sagt Daniel Tyradellis, der die Schau als wissenschaftlicher Leiter konzipiert hat. Tyradellis ist für seinen Job schon familiär qualifiziert: Beide Eltern sind Psychoanalytiker.

Was Psychoanalyse ist, wie sie funktioniert und was ihr Begründer sich gedacht hat, erfährt der Besucher bei den bunten Neonschildern. Auf ihren Vorderseiten leuchten Wörter, die mancher schon einmal gehört und – seien wir ehrlich – gelegentlich auch benutzt hat, ohne wirklich zu wissen, was gemeint ist. »Kastrationskomplex«, »Trieb« oder »Abwehr« zum Beispiel. Was darunter zu verstehen ist, wird auf der Rückseite der Schilder knapp und verständlich erklärt, teils in Freuds eigenen Worten. Das wird manchem Besucher ein Aha-Erlebnis bescheren – übrigens auch ein Freudscher Begriff.

Sechs weitere Neonschilder tragen Namen wie »Anna O.«, »Der kleine Hans« oder »Rattenmann« – berühmte Fälle Freuds, aus denen er seine Theorie entwickelte. Ihre Obsessionen und Assoziationen sind durch Mobiles oder Figuren repräsentiert. Ein lebensgroßes Pferd steht für den Fall des kleinen Hans, eines Jungen, der hysterische Angst vor Pferden hatte. Im Verlauf der Behandlung stellte sich heraus, daß der Bub einmal von seiner Mutter dabei erwischt worden war, als er an seinem Penis herumspielte. »Faß das Wiwi-Ding nicht an«, schalt ihn die Mama. Kurze Zeit später sah Hans auf der Straße einen Jungen mit seinem Vater bei einem Pferd stehen. »Faß das Pferd nicht an, es beißt«, sagte der Vater. In der Phantasie des kleinen Hans vermischten sich beide Episoden zu der Angst, ein Pferd könne seinen Penis abbeißen. Kastrationsangst heißt das im psychoanalytischen Jargon.

Die Methode, mit der Freud derartige verdrängte Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein hervorholte, heißt »freie Assoziation«. Der Patient läßt seinen Gefühlen und Gedanken, so wirr sie auch sein mögen, unzensiert freien Lauf. Nach und nach schält sich so langsam ein Muster heraus, das der Analytiker gemeinsam mit dem Patienten deutet und entwirrt.

Bei diesem Verfahren liegt der Patient auf einer Couch. Um dieses Möbel dreht sich der dritte Teil der Ausstellung. 150 Berliner Psychoanalytiker haben ihre Behandlungscouchs fotografiert. Die Bilder sind mit den jeweiligen Praxisadressen betitelt. Dabei fällt auf, daß Kreuzberg, Neuköllln und die Ostbezirke recht spärlich vertreten sind. Die meisten Freudadepten arbeiten in den besseren Bezirken der Hauptstadt – Charlottenburg, Wilmersdorf und Zehlendorf. Nicht weil die Menschen dort neurotischer wären als anderswo. Sie sind nur wohlhabender und können sich die langwierige und teure psychoanalytische Behandlung leisten.

Komplettiert wird die Ausstellung durch eine 15minütige Collage mit Psychoanalyse-Szenen aus rund 100 Spielfilmen. Ein großformatiges Vexierbild von Freuds Sessel verabschiedet schließlich den Besucher.

Kein Thema der Schau ist Freuds Auseinadersetzung mit seinem Judentum. Was ebenfalls fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse als Theorie und als Therapie. Die erbittert ausgetragenen Richtungskämpfe innerhalb der psychoanalytischen Gemeinde kommen ebenso wenig vor wie die moderne wissenschaftliche Kritik an Freud. Das mag am Anlaß der Ausstellung liegen: Schließlich hat der Held der Schau demnächst Geburtstag. Und zu Geburtstagen gibt es nun mal Geschenke.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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