Jüdische Zeitung vom April 2006
»Mr. Blumenthal, I was in your museum.«
Der Direktor des JMB über Amerika, Deutschland, die Dresdner Bank und jüdische Neuanfänge
Von Olaf Glöckner
Herr Blumenthal, vor 9 Jahren haben Sie die Aufgabe übernommen, das Jüdische Museum Berlin als Direktor zu leiten. Sind Sie von dieser Aufgabe denn noch kein bisschen müde oder «burnt out»...?
Ein «burnt out» kann das gar nicht werden, da ich ja nicht täglich hier
bin. Ich komme ein halbes Dutzend Mal im Jahr für ein paar Wochen, und
dann wird hart gearbeitet. Dazu gibt es hier einen kleinen, aber ganz
hervorragenden Arbeitsstab, der die täglichen Aufgaben meistert.
Vielleicht sind Sie ja «burnt out», aber ich nicht. Ich komme immer
sehr frisch hierher (lacht).
Aber nun mal ganz im Ernst: Ich hatte nie die Absicht, diesen Job in
Berlin so lange zu verfolgen. Wenn mir das jemand vor 9 Jahren
prophezeit hätte, dann hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Ich dachte
ursprünglich, ich würde anderthalb bis zwei Jahre an den Dingen
arbeiten, bis das Museum eröffnet ist - und mich dann wieder
zurückziehen.
Ich habe aber weitergemacht, weil die Arbeit mir Spaß macht. Und nun
mag das sogar ein bisschen egoistisch klingen, aber ich tue das
auch für mich. In meinem Alter - und nach all dem, was ich vorher schon
erlebt und getan habe -, empfinde ich es als eine Genugtuung, an einer
Sache mitzuarbeiten, die Permanenz birgt und die Zukunft
hat.
Die Besucherzahlen im Jüdischen Museum Berlin sprechen für sich, und im vergangenen Herbst wurde unter großer öffentlicher Resonanz das vierjährige Jubiläum gefeiert. Gab es in den zurückliegenden Jahren auch ernsthafte Rückschläge, oder konzeptionelle Fehlentscheidungen, die man dann zu revidieren hatte?
Das ist eine gute Frage, und es ist mir sogar ein bisschen unangenehm,
weil meine Antwort vielleicht unglaubwürdig klingen mag. Aber ich muss
Ihnen sagen: Ich würde genau dasselbe wieder machen. Natürlich hat es
kleinere Entscheidungen gegeben - manchmal auch in personellen Fragen
-, die wir hätten anders treffen können, aber da bewegen wir uns sehr
schnell im spekulativen Bereich. Doch die Entscheidung, ein erzählendes
Museum aufzubauen, die Entscheidung, es in eine Bundesinstitution zu
überführen, das pädagogische, künstlerische und wissenschaftliche
Konzept, und auch die Zusammensetzung der wichtigsten Mitarbeiter - da
würde ich überhaupt nichts ändern wollen! Auch das Umfeld hat sich
hervorragend entwickelt, wenn ich nur mal an den «Freundeskreis des
Jüdischen Museums» denke - und wie er geführt wird -, an das
Fundraising, das jährliche Gala Dinner, auch die Unterstützung durch
viele Ehrenamtliche. Was mich, ehrlich gesagt, immer wieder verwundert,
ist der nahezu totale Erfolg dieses Museums.
Als ich nach Berlin kam und wir mit unserem ersten Gestaltungskonzept
an die Öffentlichkeit gegangen sind - da gab es nicht zu überhörende
Kritik und gar nicht so wenige Skeptiker, gerade auch auf der Seite der
Medien. Ich war darauf eingestellt, dass kontroverse Diskussionen
und scharfe Kritik uns weiter begleiten würden. Aber das Gegenteil war
der Fall: In den letzten Jahren gab es so eindeutig positive
Rückmeldungen, dass wir den Erfolg unserer Arbeit bestätigt
sehen. Keine Sorge: Wenn ich Gefahr laufe, zu euphorisch zu werden,
dann liest mir meine Frau schon die Leviten (lacht).
In der Tat müsste man lange in den Archiven suchen, um eine Negativschlagzeile über das Jüdische Museum zu finden. Allerdings erinnere ich mich noch an öffentliche Missklänge im Februar, als das JMB den Vorstand der Dresdner Bank zur Präsentation der vierbändigen Studie «Die Dresdner Bank im Dritten Reich» eingeladen hatte. Kritiker meinten, dies sei der falsche Platz, und ein Versuch der Bank sich anzubiedern...
Diese Kritik war mir unverständlich, und ich versuche es zu erklären:
Unser Haus hat den Anspruch, nicht nur ein Museum, sondern auch ein
kommunikativer Ort zu sein. Wir sind eine Institution des Bundes – zu
weiten Teilen vom Bund auch finanziert -, und wir wollen etwas bewegen
für Toleranz, für das Zusammenleben von Minderheiten, aber auch dafür,
dass die
schwärzesten Kapitel deutscher Geschichte aufgearbeitet werden - mit
allen ihren schrecklichen Seiten. Wir reden hier nicht von Vergeben,
und auch nicht von Vergessen, sondern davon, dass wir gemeinsam in die
Vergangenheit schauen. Dazu gehört, dass wir in die Schulen gehen, aber
auch dass wir hier kontemporäre Probleme diskutieren, egal ob bei
Buchpräsentationen, Vorträgen oder bei Podiumsdiskussion. So gesehen,
sind wir ein offenes Forum. Wenn nun ein Unternehmen wie die Dresdner
Bank profilierte und unabhängige Historiker engagiert, um ihre in der
Tat schreckliche Geschichte - als die einer SS-Bank - darzustellen und
daraus auch Konsequenzen zu ziehen, und dies öffentlich vorstellen und
diskutieren möchte – dann ist unser Haus der absolut richtige Platz
dafür. Ich sehe das überhaupt nicht als Anbiederung. Jedes große
deutsche Unternehmen der damaligen Zeit hat, wie man so schön sagt,
«Butter auf dem Kopf». Wenn einige dieser Unternehmen nun
tatsächlich ernst machen, die Archive öffnen und ihre Vergangenheit
auch öffentlich debattieren wollen - dann sehe ich das
positiv.
Das ist auch der Grund, warum ich die Dresdner Bank eingeladen hatte,
ihre historische Studie hier vorzustellen. Es bedeutet doch nicht, dass
wir damit unseren «stamp of approval» auf alles geben. Man muss der
Bank wohl vorwerfen, diese Studie erst so spät in Auftrag gegeben zu
haben. Aber den Willen, eine in der Tat sehr dunkle
Unternehmensgeschichte aufhellen zu wollen, den erkenne ich an. Auch in
der historischen Zuordnung ist der Fall klar: Was die Dresdner Bank in
den 30er Jahren getan hat – das berührt den Bereich der
deutsch-jüdischen Geschichte sehr direkt.
Als dann im Februar der Vorstand der Dresdner Bank von sich aus bei mir
anrief und erklärte, man stelle die Studie dann doch im eigenen Haus
vor, habe ich das natürlich akzeptiert. Das Historikerkolloquium hätte
aber genauso gut im Jüdischen Museum stattfinden können.
Taucht das Jüdische Museum Berlin denn auch in den amerikanischen Medien und in der amerikanischen Öffentlichkeit auf?
In der New York Times und den führenden Medien werden sie nicht allzu
viel darüber lesen. Unser Museum wird aber in erstaunlich großem Umfang
unter den amerikanischen Juden wahrgenommen. In den Vereinigten Staaten
arbeiten auch die «Friends of the Jewish Museum Berlin», eine Art
Pendant zum deutschen Förderverein. Und egal, wo ich hinkomme - ob nun
nach New York, Princeton, Philadelphia oder San Francisco - und dort
auf amerikanische Juden treffe: Es passiert bemerkenswert oft, dass die
Leute mir dann sagen: «Mr. Blumenthal, I was in your museum.»
Viele ältere Juden in Amerika hatten sich eigentlich geschworen, nie
wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen und auch keine deutschen
Produkte kaufen zu wollen. Das hat sich in den letzten Jahren spürbar
geändert. Zum Teil ist das natürlich generationsbedingt
Aber die Aufgeschlossenheit gegenüber der jetzigen deutschen
Gesellschaft - die nimmt zu. Und in diesem Kontext sehe ich das
Jüdische Museum als ein Instrument, den Menschen zu zeigen: Zwischen
Juden und Nichtjuden in Deutschland entsteht wieder etwas Neues, und
die Verhältnisse haben sich geändert. Damals, vor 9 Jahren, wurde ich
in Amerika oft gefragt: «Warum machst du das eigentlich?» Heute wird
mir diese Frage nur noch ganz selten gestellt.
Wie hat denn Ihre Familie reagiert, als Sie zum ersten Mal Ihre Berlin-Pläne auf den Tisch gelegt haben?
Wissen Sie, meine Familie ist es gewohnt, dass ich unerwartete
Entscheidungen treffe. Meine Verwandten wussten zudem, dass ich schon
sehr lange Kontakt zu Deutschland hatte. Das fing schon 1953 an, als
ich mich für längere Zeit als Doktorand in der Bundesrepublik aufhielt.
Mein Interesse an Deutschland war schon damals vorhanden. Das hatte
absolut nichts mit Sympathie oder Liebe für das Land zu tun, ich hatte
dieselben Antipathien wie viele ehemalige deutsche Juden. Nein, es war
für mich intellektuell interessant, die Nachkriegsentwicklung und auch
die philosophischen Fragen nach der Katastrophe: Wie konnte so etwas
überhaupt passieren? Was waren das für Menschen? Später hatte ich
geschäftlich in Deutschland zu tun, und in den 70er Jahren kamen noch
diplomatische Aufgaben hinzu.
Einige Verwandte, zum Beispiel meine Schwester, waren über mein
Engagement in Berlin trotzdem sehr verwundert. Ich habe es meiner
Schwester versucht zu erklären, und jetzt versteht sie es. Sie ist
mehrfach nach Berlin gekommen, hat sich das Jüdische Museum angeschaut
und gestaunt. Das heißt nicht, dass sie sich in Deutschland sehr
wohl fühlt, so kann es sicher auch nicht sein. Es bleibt ein unsicheres
Gefühl.
Böse Zungen behaupten, die Deutschen beschäftigen sich lieber mit jüdischer Geschichte auf quasi nostalgische Art. Ein Besuch im Museum oder bei einem Klezmer-Konzert sei eben einfacher, als sich mit der jüdischen Gegenwart in Deutschland zu beschäftigen. Was halten Sie von dieser Kritik?
Ich denke, wir müssen da ein bisschen differenzieren. Natürlich gibt es
in Deutschland so etwas wie eine ungeschriebene «political
correctness», was den Umgang mit Juden und jüdischer Geschichte
betrifft. Grundkenntnisse über die Schoa sind oft vorhanden.
Aber gerade unter jungen Leuten gibt es oft auch ein Interesse, das
weit über diese «political correctness» hinausgeht. Junge Deutsche
fahren nach Israel, viele Nichtjuden studieren Judaistik - ich wundere
mich selbst manchmal über dieses enorme Interesse. Psychologisch
gesehen, kann vieles als Reaktion auf die schrecklichen Ereignisse von
damals erklärt werden. Manches davon ist - ob bewusst oder unbewusst -
ein Versuch der Wiedergutmachung, auch das Bestreben zu beweisen, dass
man keine Vorurteile mehr gegenüber den Juden hat. Das verstehe ich
alles.
Wir erleben als Jüdisches Museum sehr viel positive Resonanz von
Nichtjuden, die sich nicht in ein paar Lippenbekenntnissen erschöpft.
Es gibt nichtjüdische Spender und Unterstützer, die Leute engagieren
sich freiwillig. Für viele bleibt das letztendlich auch der geeignete
Weg, mit Judentum heute überhaupt in Kontakt zu kommen. Das ist
bestimmt auch einfacher, als manche Jüdischen Gemeinden aufzusuchen, in
denen noch vorrangig Russisch gesprochen wird.
Sie sind in Oranienburg geboren und wurden nach der deutschen Wiedervereinigung von dieser Stadt zum Ehrenbürger gemacht. Haben Sie heute noch Kontakte dorthin?
Bei meiner ersten Bekanntschaft mit Oranienburg, nachdem die Mauer gefallen war, hatte ich sehr gemischte Gefühle. Mir lag schwer im Magen, dass Oranienburg während der NS-Zeit eine Hochburg der SS gewesen war und mit Sachsenhausen ja auch ein eigenes Konzentrationslager hatte. Und in der DDR wurden die Anlagen fast nahtlos von der Kasernierten Volkspolizei übernommen - das hat mir schon ein etwas gruseliges Gefühl vermittelt. Aber auch in Oranienburg passieren hoffnungsvolle Dinge. Man unternimmt heute so einiges, um mit der eigenen Vergangenheit besser fertig zu werden. Ich bin beispielsweise Pate einer Oberschule, die ein eigenes Toleranzprojekt verfolgt. Vor deren Schülern habe ich gesprochen, und für dieses Projekt spende ich ab und zu Geld. Die Jugendlichen nehmen das Projekt sehr ernst. Auch mit dem Bürgermeister von Oranienburg habe ich einen sehr freundschaftlichen Kontakt.
Oranienburg hat seit geraumer Zeit wieder eine Jüdische Gemeinde, bestehend aus einigen Familien zugewanderter russischsprachiger Juden. Wie beurteilen Sie, als amerikanischer Jude mit deutschen Wurzeln, den Neubeginn jüdischen Gemeindelebens in Deutschland, ermöglicht durch den osteuropäischen Zuzug? Glauben Sie, es gibt hier wieder jüdische Perspektiven?
Das ist ja der Grund, warum ich hier bin. Auf lange Sicht gesehen bin
ich sehr optimistisch. Ich werde das nicht mehr erleben, aber ich
glaube, das entwickelt sich. Denn die Geschichte einer jüdischen
Diaspora ist ja immer dieselbe. Die erste Generation hat immer sehr
eigene Charakteristika, fühlt sich fremd im neuen Umfeld, doch die
Nachkommen integrieren sich schon recht gut. Amerika ist das beste
Beispiel.
Im heutigen Deutschland kann man erleben, wie Nichtjuden sich bemühen,
ein gutes Verhältnis zu den immigrierten Juden aufzubauen. Ich bin
überzeugt, dass sich die junge Generation der russischen Juden -
diejenigen, die jetzt hier studieren - ihren Weg in Deutschland
erfolgreich bahnen werden. Einige von ihnen werden in 10 bis 15 Jahren
im Bundestag sitzen , andere werden Universitätsprofessoren sein,
wieder andere erfolgreiche Unternehmer und Künstler. Aber ich denke,
das braucht noch etwas Zeit.
Im Moment ist das alles - für beiden Seiten - noch sehr neu. In meiner
Generation wirken die schrecklichen Erinnerungen weiter nach, und auf
der nichtjüdischen Seite halten unter den Älteren die Schuldgefühle an.
Dieses Verhältnis ist kein normales. Aber die nachfolgenden
Generationen werden weniger Probleme mit einander haben.
Als langjähriger US-amerikanischer Politiker und einstiger Finanzminister unter Jimmy Carter interessieren Sie sich bis heute für die transnationalen Beziehungen. Ist das deutsch-amerikanische Verhältnis seit dem Irak-Krieg irreparabel beschädigt?
Natürlich ist es schmerzhaft für mich zu sehen, wie das Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika vor einigen Jahren unnötig zerrüttet worden ist. Jetzt wird es wieder besser, aber ich sehe auch, wie viel wir durch die Außenpolitik der Bush-Administration in den letzten Jahren an Prestige verloren haben. Demokratie ist eines unserer wichtigsten Güter in Amerika, und wir sollten versuchen, das so auch wieder zu vermitteln. Insgesamt bin ich aber verhalten optimistisch, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Amerika sich wieder verbessern und normalisieren werden.
In Ihrem Bestseller «Die unsichtbare Mauer», welcher in Deutschland mittlerweile die vierte Auflage erreicht hat, beschreiben Sie, wie sich seit den 80er Jahren Ihr Wunsch verstärkt hat, die eigenen, deutsch-jüdischen Wurzeln zu erkunden und zurückzuverfolgen. Geht dieses historische und familiengeschichtliche Interesse auch einher mit einer zunehmenden Rückbesinnung auf die jüdische Tradition und Religion?
In religiöser Hinsicht überhaupt nicht, ich bin nicht religiös. Mir ist
natürlich bewusst, dass die jüdische Religion die Religion des Buches
ist - und dass dies auch eine wichtige Klammer in der Geschichte des
jüdischen Volkes bildet. Aber ich würde mir und anderen etwas
vormachen, wenn ich mich als religiös bezeichnen würde.
Andererseits: Mein Bewusstsein, wer ich bin und wer meine Familie ist,
welche Wurzeln wir haben, und auch mein Stolz, Jude zu sein – all das
hat sich vergrößert. Die jüdische Tradition im Sinne von sozial und
gesellschaftlich verantwortlichem Handeln ist mir auch wichtig. Durch
meine eigenen Erlebnisse und Recherchen, durch das Zusammentreffen mit
vielen anderen Juden, auch durch die Arbeit an der «Unsichtbaren
Mauer» ist mein Bewusstsein gewachsen, Teil einer großen
Gemeinschaft zu sein. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, Jude zu
sein, aber jetzt fühle ich mich stärker an diese Schicksalsgemeinschaft
gebunden als früher.
Haben Sie als junger Mensch im Exil in Shanghai - oder auch in späteren Jahren als US-Amerikaner - darüber nachgedacht, zeitweise oder ganz nach Israel zu gehen?
In Shanghai war mir bald klar, dass mein Weg nach Amerika führen würde.
Nach Kriegsende habe ich dort noch für die US Army gearbeitet, und ich
wollte studieren. Ich wusste, welche großen Möglichkeiten dafür in den
USA offen standen. Palästina und Israel fand ich interessant, schon
wegen eines Cousins, der 1934 dorthin emigriert war und einen Kibbutz
mit aufgebaut hat. Ich habe ihn dort später des Öfteren besucht, aber
als junger Mensch war Israel für mich keine Alternative gegenüber
Amerika. Ich habe auch später immer Sympathien für das Land gehabt,
aber ich war nie aktiver Zionist und kam auch nicht auf die Idee, mein
Leben in Israel führen zu wollen.
In meiner Zeit als Diplomat ist mein Blick auf Israel noch schärfer
geworden, und ich fahre noch heute privat gern dorthin. Ich habe großen
Respekt vor dem Land, es ist mir sympathisch, und manchmal verfolge ich
mit Sorge die Entwicklungen im Nahen Osten.
Aber natürlich wäre das eine spannende Frage: Für welches Land würde
ich mich entscheiden, wenn ich jetzt noch einmal 19 Jahre alt wäre -
aber alles wüsste, was ich jetzt weiß. Würde ich es anders machen?
Vielleicht. Doch das ist reine Theorie.
Pünktlich zu Ihrem 80. Geburtstag haben Freunde, Weggefährten, Kollegen und Historiker Sie mit einem Band zur eigenen Person, «The first eighty years», überrascht. Ein spannendes Buch über Michael Blumenthal - aber wie wäre es denn mit einer Autobiographie?
Die werde ich nicht schreiben, so interessant bin ich nun auch wieder nicht. Aber Ihre Vermutung liegt nicht völlig daneben: Ich schreibe derzeit an einer Geschichte des 20. Jahrhunderts, wohlgemerkt: an einer persönlich gefärbten Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wenn das Buch fertig ist, wird man hoffentlich auch mein Leben daraus ersehen können, aber es ist keine Autobiographie im klassischen Sinne. Ich schreibe eher wie ein Wanderer durch die Zeit, wie ein Erzähler am Rande der Bühne. Jedes Jahrzehnt, das ich bewusst erlebt habe, beschreibe ich in seinen wichtigsten globalen Ereignissen, und der Horizont der eigenen, persönlichen Erlebnisse fließt mit ein. Sie wissen, das markanteste Ereignis der 30er Jahre war der Aufstieg von Adolf Hitler. Aber was ich persönlich beschreiben kann, ist das jüdische Berlin der 30er Jahre. Dort habe ich als Kind gelebt, unsere Welt wurde vollkommen verändert, schließlich mussten wir fliehen. Oder ein anderes Beispiel: In den 80er Jahren erlebten wir im Westen die elektronische Revolution, und just zu dieser Zeit war ich Vorstandsvorsitzender eines großen amerikanischen Computerunternehmens. Solche Verzahnungen von Globalem und Privatem werden Sie dann in jedem Kapitel finden. Es gibt an dem Buch noch viel zu tun.
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