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Die Welt am Sonntag vom 24. September 2006

Rette sich, wer kann

Jede Zeile ein Hieb auf unser Gewissen: Ein bewegendes Buch schildert Flucht und Vertreibung der deutschen Juden. Es beschreibt eine Welt, die sich den Juden gegenüber in zwei Gruppen teilte: in Staaten, die ihre Juden loswerden wollten, und in solche, die nicht bereit waren, welche aufzunehmen.

Von Fritz J. Raddatz


Ein Schreckensbuch. Aber kein modischer Horror-Trip. »Heimat und Exil - Die Emigration deutscher Juden nach 1933« ist das erschütternde Dokument von Vertreibung, Flucht und Elend: jener Abertausender, die sich vor uns, den Verfolgern, noch retten konnten in irgendein fernes Exil, nachdem zwei Monate nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler der »Judenboykott« begann, uniformierte SA-Männer und Hitlerjugend die Eingänge der Läden jüdischer Eigentümer, die Praxen jüdischer Ärzte oder Rechtsanwälte bewachten, Kunden, Patienten oder Klienten pöbelnd und handgreiflich den Eintritt verwehrten.

Bald (im April 1933) folgte das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«, hinter welch nebulöser Formulierung das Aus für »nicht arische« Beamte sich verbarg. Wir, die wir bis heute reklamieren, von allem nichts gewusst zu haben, schauten weg, arisierten, stahlen Eigentum und Leben.

Erosion moralischer Hemmschwellen

Avraham Barkais eher kühles Vorwort zu diesem Buch konstatiert: »In weiten Kreisen der deutschen »Volksgemeinschaft« hatte die Erosion moralischer Hemmschwellen und menschlichen Anstands gegenüber dem jüdischen »Volksfeind« mit erheblichem Erfolg eingesetzt. An jeder Straßenecke verkündete das im »Stürmerkasten« aushängende NS-Blatt: »Die Juden sind unser Unglück«. [...] Waren die deutschen Juden schon vorher weitgehend isoliert, so nahm ihnen jetzt das Gesetz auch noch den rechtlichen Status des deutschen Reichsbürgers.«

Was nun begann, war ein beispielloser Exodus von jüdischen Menschen aller Altersgruppen vom Kleinkind bis zum Greis. Es flohen - wenn sie noch konnten, wenn sie irgendwo Aufnahme fanden - ja nicht nur Max Reinhardt und Erwin Piscator, Thomas Mann und Bertolt Brecht. Dieses sorgfältig recherchierte Buch zeigt den ganzen Umfang einer Flucht, die nach Moskau oder New York, nach Südafrika oder Palästina (wie es damals hieß), nach Mexiko oder Schanghai (das letzte ohne Visum zu erreichende Schlupfloch) führte: Handwerker, Bäcker, Kaufhausangestellte, Schneider oder Friseure. 1938, das Jahr, in dem in Deutschland die Synagogen brannten, ist das Datum, das für den Anfang vom Ende des deutschen Judentums steht. Rette sich, wer kann.

Als Flüchtende gebrandmarkt

Doch viele konnten nicht - oder erst spät. Manche auch zögerten (oft zu lange), weil sie nicht glauben konnten, dass sie über Nacht undeutsch waren. Nicht zuletzt Hannah Arendt hat davon berichtet, dass sie Jüdin erst wurde durch die Nazis. Doch die rettenden Ufer waren zumeist fern und unzugänglich. Selbst die USA hatten ja die berühmte Quote, die Einwanderer nach Ländern geordnet gruppierte.

Doch wer nun Zuflucht suchte, erhoffte sie nicht als Pole oder Ungar oder Deutscher oder (das Allerschlimmste) als Staatenloser: sondern als Jude. Die Schweiz bat 1938 die deutschen Behörden, die Pässe deutscher Juden mit dem berüchtigten »J« zu kennzeichnen, damit man sie von den willkommenen zahlungskräftigen Touristen unterscheiden könne. In Südafrika, bald Heimstatt für knapp 6000 Flüchtlinge, formierten sich Kampagnen gegen mögliche Konkurrenten der heimischen Industrie, 1936 wurde dem aus Hamburg kommenden Flüchtlingsschiff »Stuttgart« mit 537 Passagieren an Bord die Erlaubnis zum Anlegen verweigert.

Verloren zwischen den Staaten

Selbst in Palästina - dem Land, das den meisten Flüchtlingen eine neue Heimat bot - waren die »Jeckes« (so der Spitzname der deutschen Juden) nicht vorbehaltlos willkommen, weil sie schlecht hebräisch sprachen, ihre Kaffeehäuser mit »ordentlicher Kleidung, gepflegtem Deutsch und Torte mit Schlagsahne« aus Berlin oder München nach-installierten.

Ein Zeitgenosse verspottet sie: »Sie führen das Leben fort, das sie in Berlin oder anderen Städten Deutschlands geführt haben. Sie [...] wollen ihre deutsche Zeitung lesen und [...] haben nicht gelernt, dass ihre Instinktlosigkeit gegenüber dem, was in Deutschland vorging, die Katastrophe über sie hat hereinbrechen lassen.« Umgekehrt gibt es bewegende Briefe von Arnold Zweig aus dem ihm immer fremd gebliebenen Israel, voller Sehnsucht nach Deutschland und deutscher Kultur. Einige der Bilddokumente zeigen den absurden Spagat, zu dem Juden vielerorts gezwungen wurden. Chaim Weizman, Präsident der Zionistischen Weltorganisation, summierte: Die Welt habe sich den Juden gegenüber in zwei Gruppen geteilt - in Staaten, die ihre Juden loswerden wollten, und in solche, die nicht bereit waren, welche aufzunehmen.

Tucholsky musste ohne Papiere in Schweden leben

Eine Geister-Armee Passloser, Visa-Erbettelnder, nach »Affidavits« (Bürgschaften amerikanischer Staatsbürger) Gierender zog durch Europa, dort, wo es noch nicht besetzt war. Kurt Tucholsky - inzwischen mittellos wie fast alle ausgebürgerten, ungedruckten Autoren - hat nie schwedische Papiere erhalten, obwohl er von 1929 bis zu seinem Selbstmord 1935 in Schweden lebte. Die Bitterkeit über diesen würdelosen Zustand - ohne Pass, der deutsche war abgelaufen, konnte er sich nicht mehr von der Stelle rühren - kann man in seinen späten Briefen nachlesen.

Anna Seghers hat in ihrem Roman "Transit" das angstflatternde Schlangestehen vor Konsulaten geschildert. Die noble Rettungsaktion des Amerikaners Varian Fry ist inzwischen bekannt - er konnte Hunderte aus dem besetzen Frankreich retten, das Juden scharenweise an die Gestapo auslieferte. Zu filmreifem Ruhm gekommen ist die von ihm organisierte Flucht von Franz Werfel, dessen Frau Alma, Golo Mann und dem bereits über 60-jährigen Heinrich Mann über »die Ziegenpfade der Pyrenäen zu Fuß« ins schließlich rettende Portugal zum Schiff nach Amerika.

Erbärmlich reisen in eine ungewisse Zukunft

Keineswegs - an diesem einzigen Punkt muss ich das Buch korrigieren - waren das dann komfortable Reisen auf Kreuzfahrtschiffen. Die meisten, um ihren Besitz gebracht und ohne helfende Freunde - »reisten« unter erbärmlichsten Umständen, eingepfercht zwischen Ballen und Kisten der Frachtdampfer, in eine völlig ungewisse Zukunft.

Man stelle sich vor: Zivilisierte Mitteleuropäer - eine Musikprofessorin aus Wien, ein Architekt aus Berlin - ohne ein Wort chinesisch 1938 in Schanghai (das ja durchaus nicht der heutigen Weltmetropole glich)! Man stelle sich vor, die elegante Frau des Schriftstellers Johannes R. Becher als Dienstmädchen »ohne Ausgang« in London - ihre Briefe lesen sich wie die einer Erstickenden; in jenem London, in dessen Oberhaus eine Demarche vorgetragen wurde, in der es hieß »Heute wird dieses Land überlaufen von Dienstmädchen fremder Herkunft, und viele von ihnen sind nicht vertrauenswürdig!«

Die Meisten flüchten nach USA, Palästina oder England

Immerhin konnten sich 60.000 Menschen nach England retten - die größte Zahl nach Palästina und den USA. Ich habe noch sehr viele der Emigranten gekannt, sie Tage und Nächte berichten lassen von ihrer Not - Hans Sahl oder Hanns Eisler oder Alfred Kantorowicz. Der entkam nach New York; er entkam der Folter - um die Folterer tagein, tagaus im Ohr zu haben: in einem luftlosen Studio hörte er für amerikanische Dienste die Reden von Hitler, Göring, Goebbels et tutti quanti ab. Eine Beckett-Szene.

Was sollte eine Anna Seghers in Mexiko? Was ein Heinrich Mann in einem Hollywood-Studio, dankbar jedoch über den Wochenlohn für nicht geleistete Arbeit? Die eine ohne ein Wort Spanisch, der andere ohne ein Wort Englisch. Was sollte der - heute zu Unrecht wenig bekannte - Lyriker Erich Arendt in Kolumbien? Dort fabrizierte seine Frau Katja in einer Blechhütte unter tropischer Sonne Pralinés, und die packte der spätere Übersetzer der beiden Nobelpreisträger Pablo Neruda und Vicente Aleixandre in einen Pappkoffer, um sie am Dienstboteneingang der europäischen Botschaften feilzubieten.

Harter Kampf ums Überleben im Exil

Es war Scham für die Exilierten und Schande für uns - die wir währenddessen uns in Ufa-Filmen vergnügten oder besinnlich Furtwängler-Konzerten lauschten. Laut schreien möchte man noch heute.

Und so mancher schrie stumm - Leonhard Frank stand allabendlich in Kalifornien am Meer und seufzte sehnsüchtig »dort drüben liegt Deutschland«; und niemand traute sich, ihm zu sagen, dass »dort drüben« Japan lag. Von diesem zehrenden Heimweh zeugen Gedichte, Stücke, Romane - mal des in Moskau sich unter den Prozessen wegduckenden Johannes R. Becher und mal des in diesen Wehmutsgedichten so gar nicht frivolen Brecht, Lügen verkaufend in Hollywood.

Zerrisene Abscheuwehmut

Thomas Manns Faustus-Roman, sein »Wehe«-Buch, schmerzlich Rache, Ränke und Ruchlosigkeit zu einem gigantischen Canto über das vermisste, vergiftete Deutschland fügend, ist das vielleicht berühmteste Zeugnis zerrissener Abscheuwehmut. Der deutsche Nobelpreisträger war es auch, der das Wort vom »Herzasthma des Exils« prägte und, nie endgültig zurückgekehrt, denen entgegenhielt, die in Deutschland verblieben nach dem Krieg ihre Not so g'schamig und selbstgenügsam betonten - und doch gerne die Care-Pakete der Geflüchteten öffneten.

Das Thema dieser schmückenden »inneren Emigration« von Autoren, die gleichwohl mal bei der Ufa - wie Erich Kästner und Axel Eggebrecht -, mal wie Günter Eich im Reichsrundfunk und mal in der Zeitschrift »Das Reich« publizierten, ergäbe ein eigenes Kapitel.

Überzeugende Bildsprache

Das aber schlägt dieser Band nicht auf. Wie das hervorragend mit bewegenden Fotos und Dokumenten ausgestattete Buch insgesamt auf grelle Töne verzichtet. Die Bildsprache überzeugt für sich, der kärgliche Petroleumkocher in Palästina, der schäbige Koffer für die Überfahrt nach USA, die kleine Dose des jüdischen Frauenvereins in Guayaquil, der blutjunge Fotograf Helmut Newton am Meer in Singapur oder die Passagierliste der SS Conte Rosso, die im März 1939 von Triest nach Schanghai dampfte: Ikonen des Schreckens auf der Flucht vor dem sicheren Tod. Jede Seite, jedes Foto, jedes Briefzitat ein Hieb in unser faules Gewissen.

Das Buch ist konzipiert als Begleitband zu der großen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin und der Stiftung Haus der Geschichte, Bonn, die vom 28. September 2006 bis zum 9. April 2007 in Berlin gezeigt werden wird; beiden, dem Buch und der Ausstellung, kann man nur wünschen, dass die Menschen sich nicht MoMA-übersättigt dieser Gesamtschau des erzwungenen Exodus der deutschen Juden in über einhundert Länder entziehen, sondern sich ihr stellen; dass sie für einen langen Moment aufwachen aus ihren per Visa Card und Internet gebuchten Traumschiffreisen - um vor den Zeugnissen der gestohlenen Leben Tausender unserer Landsleute zu verharren. Und nachdenken.

»Heimat und Exil - Die Emigration deutscher Juden nach 1933«, Jüdischer Verlag, 24,90 Euro

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

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