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Tagesspiegel vom 29. September 2006

Wo niemand mich kennt

Das Jüdische Museum Berlin widmet sich mit der Ausstellung »Heimat und Exil« der Vertreibung von Deutschen durch Deutsche

Von Thomas Lackmann


Am Anfang Normalität: »Menschen am Sonntag«, das Berliner Wochenend-Idyll, Ende der zwanziger Jahre. Im ersten Raum der Vertriebenen-Ausstellung, die das Bonner Haus der Geschichte mit dem Jüdischen Museum Berlin (JMB) erarbeitet hat, korrespondiert dieser Film, dessen Autoren und Regisseure wenige Jahre nach der Uraufführung emigrierten, mit einer Portrait-Collage zum »Goldenen Zeitalter« der Juden in Deutschland. Männer, Frauen, Kinder sind da zu sehen - im Faschingskostüm, auf dem Bärenfell, in Lederhosen, im Rabbinergewand, vor dem Gemüseladen. In der Weimarer Republik lebten 500 000 Juden so gleichberechtigt wie keine Generation zuvor. Auf der Fotowand dieser Realutopie finden sich auch Personen, deren Vita uns später begegnen soll, darunter der 14-jährige Andreas Meyer aus Rheda: auf Stelzen.

Im nächsten Raum sagt eine Tagebuchnotiz von 1930: »Heute bin ich das erste Mal geschlagen worden, weil ich ein Jude bin«. Am Ende des Rundgangs werden Zitat und Bilder zusammengeführt: Über den zu Eisschollen zerborstenen Portraits flimmert »Menschen am Sonntag«. Trümmerfeld Erinnerung.

Eine Geschichte zu erzählen, die jeder zu kennen meint, ist nicht leicht. Zwei Museen der alten und der neuen Bundeshauptstadt haben es versucht. »Heimat und Exil. Emigration der deutschen Juden nach 1933« verzichtet dabei auf eine starke Installation zur Versinnlichung des Themas. 15 Kabinette. 1500 Objekte. Diskriminierung, Fluchtvorbereitung, Reisemühen und Neuanfang jener 280 000 deutschen Juden, die der Verfolgung entfliehen konnten, werden veranschaulicht, Aufnahmechancen in Europa, Palästina, Lateinamerika, USA und Shanghai, der Zuflucht ohne Visabeschränkung. 900 Quadratmeter verkanteter Architektur. Nur der Raum zur Schiffs-Passage weitet sich. Die Vitrinen gleichen Bullaugen. Eine Erdkarte mit 91 Fähnchen der Aufnahmeländer rund ums Hakenkreuz des »Dritten Reiches« liefert Fakten zu Einreisebedingungen und Wanderungsströmen. An der Wand Filmprojektion: ferne Gestade, Kielwasserstrudel, Sonnenaufgang. Zur Pointierung wäre es hier hilfreich, den wankenden Boden des Niemandslandes zu simulieren.

2003 hat das Haus der Geschichte bereits eine Ausstellung zur Vertreibung der Deutschen nach 1945 hervorgebracht, die gerade - parallel zur europäisch konzipierten Ausstellung des Bundes der Vertriebenen (BdV) - in Berlin gezeigt wurde. Doch die Chefs der Museen leugnen jeden politischen Zusammenhang der Projekte. Beide Institute betonen im Katalog, dass der in den Holocaust mündende »mörderische Antisemitismus ... diese von allen anderen Vertreibungsgeschichten« unterscheide. Deutschlands integrierte Juden seien von eigenen Landsleuten vertrieben worden, was die Besonderheit ihrer Flucht ausmache, sagt Cilly Kugelmann, JMB-Programmdirektorin. Sie bedauert, dass die vormals rege Exilforschung derzeit im Sande verläuft.

Tatsächlich können die oft erzählten Exilanten-Stories in der öffentlichen Wahrnehmung den thrill-Vergleich mit dem Kerngeschehen des Holocaust, das Gedenkstätten und Medien drastischer zu präsentieren gelernt haben, kaum noch bestehen. Exil wird als Auftakt zum Happy End verstanden. Das Thema konkurriert im Betroffenheits-Ranking mit Opfer-Dramen der Volksgemeinschaft. Um so wichtiger wäre es, das traumatische Spezifikum einer Emigration begreiflich zu machen, deren Überlebende erkennen müssen, dass viele »andere« ermordet wurden: weil sie lange warteten, kein Geld, keine Papiere bekamen, weil ein Konsulat gerade geschlossen war. Wie glücklich-verloren, wie schuldbewusst ein Entwurzelter leben kann: Das wären Psycho-Annäherungen an eine Erzählung, deren Intensität uns globalisiert Reisenden zu entgleiten scheint. »Heimat und Exil« verlegt sich stattdessen auf eine imposante Material-Schau.
Wir begegnen Biografien. Artur Kirchheimer (1910-2004), Modeeinkäufer bei Tietz, nach Luxemburg geflüchtet, 1940 in Frankreich interniert, wurde 1941 in der Dominikanischen Republik Viehzüchter, gewann für seine deutschen Würste viele Pokale. Andreas Meyer (geb. 1921), kam 1935 als Schlosserlehrling nach Palästina, lebte im Umzugscontainer, ernährte mit seiner Werkstatt die Familie, verteidigte seine Siedlung gegen Araber-Attacken, baute mit seinen Söhnen eine Glasfabrik auf. Oder Kurt Roberg (geb. 1924), der nichts wegwerfen konnte: 1938 aus Celle nach Rotterdam, 1940/41 über Portugal in die USA geflohen. Wir sehen eine Zeichnung von seinem Straßenkreuzer-Traum, während der Überfahrt angefertigt, die Geldbörse samt Münzen bei seiner Ankunft, einen jüdischen Neujahrs-Gruß der Army, sein erstes Radio, Fußballstrümpfe ... Die Heimat der Dinge.

Wir lesen: dass die Jewish Agency 1933 mit der NS-Regierung einen Vertrag abschloss, der es Palästina-Einwanderern ermöglichte, über den Kauf deutscher Waren Vermögen zu transferieren. Dass Großbritannien aufgrund arabischer Unruhen 1936 die Emigration ins Mandatsgebiet Palästina drosselte, nach England aber erleichterte. Wir erkennen dass Mobilität und Deportation nah beieinander liegen - wie im Internierungslager Westerbork, wo holländische Behörden zunächst Flüchtlinge kasernierten, bis dort, unter deutscher Besatzung, Transporte nach Auschwitz starteten.

Grundakkorde der jüngsten Vertriebenen-Ausstellungen - die Integration (Haus der Geschichte) und Focussierung des Leids (BdV) - wurden hier zusammengeführt. Der Doppelklang Verbannung und Rettung verhindert emotionale Eindeutigkeit. Und doch: Wo wir bei der genauen Lektüre auf die Wucht grausamer Zufälle stoßen, vermag diese kleinteilige Erzählung zu bewegen. So erwähnt ein Geheimbericht der deutschen Botschaft in den USA im Oktober 1940 einen Fluchttunnel in den Pyrenäen. Daneben der Abschiedstext des Flüchtlings Walter Benjamin, nach seiner Zurückweisung durch spanische Grenzer, am 25. September 1940: »In einer ausweglosen Lage habe ich keine andere Wahl, als Schluß zu machen. In einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, in dem mich niemand kennt, wird mein Leben sich vollenden.«

Wer nach dem Rundgang durch den Keller des Libeskindbaus in den Garten des Exils hinaustritt - 49 senkrechte Betonsäulen auf schrägem Boden - , erfährt, wie das Gebäude seine neue Ausstellung überbietet. Aus den Säulen sprießen Ölbäume der Verheißung; wer hindurchtapst, verliert die Balance. Ein Ort der Seekrankheit.

Hier fällt uns Andreas Meyer ein, der Junge auf Stelzen; und dass deutsche Flüchtlinge in England friendly enemy alien hießen. Und ein Brief der Emigrantin Hilde Domin aus dem Heimkehrer-Epilog der Ausstellung. »Lebenszeit, überhaupt so ein schillernder Begriff: immer auf der Kippe«, schreibt die Dichterin, und zaudert gemeinsam mit ihrem Mann, ein Angebot der Heidelberger Universität anzunehmen: »Wir waren ganz krank von der Entscheidung zwischen Ja und Nein.« Heimkehr wohin? Zuhause unterwegs, im Garten des Exils. Menschen am Leben: ein Heimatfilm.

Jüdisches Museum Berlin, bis 9. April, tgl. 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr. Katalog 24,90 Euro.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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