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Die Rheinpfalz vom 8. November 2006

Auch mal einen Schweinebraten

Sonderschau in Berlin widmet sich jüdischem Leben heute

Von Marco Heinen


Wie leben Juden in Deutschland und was ist überhaupt jüdisch? Solchen Fragen geht die aktuelle Sonderschau »jüdisch - jetzt. Fotografien und Interviews« im Jüdischen Museum Berlin nach. Angehende Kommunikationsdesigner der Hochschule Konstanz und Studenten der Studienrichtung Fotografie und Medien an der Fachhochschule Bielefeld stellen darin Projektarbeiten vor.

Der 20-jährige Dan aus Mannheim kam vor fünf Jahren nach Deutschland. Geboren wurde er in Israel, als Sohn eines Deutschen, der sich in Israel verliebte und heiratete. Für Religion hat sich Dan nie besonders interessiert, nur seine Mutter drang darauf, dass er »etwas über seine Wurzeln« lernen solle. Als religiös würde er sich nicht bezeichnen, steht im Interview mit Dan zu lesen, aber er habe Anschluss an die Gemeinde. Ansonsten ist er einfach ein junger Mann, der »in einer sehr modernen Welt« lebt und auch »sonntags weggeht«. Anfeindungen wegen Israel habe er schon erlebt, wegen seiner Religion aber nicht. Einmal, da ist er mit Freunden aus einer Dönerbude in Mannheim rausgeflogen. Einer seiner Kumpels trug ein T-Shirt des Fußballvereins Maccabi Tel Aviv. Und sonst? Zu den Türken in seinem Freundeskreis habe er ein »lockeres Verhältnis«, sagt Dan: »Es ist cool, dass die Leute normal sind und nicht irgendwelche abfälligen Bemerkungen machen. Sie gehen respektvoll mit dem Gegenüber um.«
So wie den Mannheimer befragten die Konstanzer Studierenden zahlreiche junge Leute über ihre Beziehung zum Judentum, ihr Verhältnis zu Deutschland oder ihrem Heimatbegriff. Zu den ausgelegten Interview-Texten hängen Porträts der Befragten an der Wand. Über die Personalisierung ein vielschichtiges Bild jüdischen Lebens in Deutschland zu zeichnen, ist als Ansatz nicht eben neu. Aber interessant, überraschend und anregend sind die einfühlsam geführten Gespräche trotzdem.

Da ist beispielsweise ein Geschwisterpaar aus Konstanz. »Meine Schwester und ich sind zwar von den Regeln her jüdisch, aber ich ess’ schon gerne mal ’nen Schweinebraten«, gesteht der 20-jährige Robert freimütig. Für Liza aus Freiburg wäre das hingegen unvorstellbar. Die Schülerin findet es schwer, in Deutschland als gläubige Jüdin zu leben. Wenn sie in ein Restaurant gehe, esse sie meist Salate: »Obwohl schon das Besteck wahrscheinlich nicht koscher ist.« Die Opernsängerin Hadar Frydman aus Berlin indes wundert sich, wie sehr sich die Deutschen mit dem Holocaust auseinander setzen: »Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen immer meinen, die Israelis denken schlecht von ihnen, aber das ist nicht so. Uns beschäftigen der Holocaust und Deutschland in Israel einfach nicht so«, erzählt die 24-Jährige, die in der Nähe Tel Avivs aufwuchs.

Etwas unergiebiger ist der von den Bielefelder Studierenden beigesteuerte Beitrag zur Ausstellung. Die Bielefelder Fotografien sowie eine Installation zeigen die jüdischen Protagonisten in ihren kulturellen, sozialen und politischen Zusammenhängen. Doch leider geht dies nur bedingt mit einem Bemühen um Verständnis für Zusammenhänge einher. Die Mehrzahl der Fotoserien, die etwa eine jüdische Hochzeit, einen jüdischen Sportclub aus Frankfurt oder eine Party jüdischer Studenten in Brüssel zeigen, erzählen zu wenig, als dass sie wirklich faszinieren könnten. Sie sind so normal, wie Fotos von christlichen Hochzeiten, jedem anderen Fußballverein oder einer Studentenparty in Berlin. So ist es wohl auch beabsichtigt.

Die Ausstellung: Bis 29. Januar täglich von 10 bis 20 Uhr, montags bis 22 Uhr. Eintritt mit Ticket für die Dauerausstellung.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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