Berliner Morgenpost vom 14. November 2006
Der Wunsch nach Normalität
Die Ausstellung »jüdisch-jetzt«: Fotografien und Interviews im Jüdischen Museum Berlin
Von Uwe Sauerwein
Im Prinzip, so meint Shiri aus Pforzheim, sei man gar nicht anders: »Es ist ja nur eine andere Religion.« Sascha hingegen glaubt, dass sie »irgendwie anders« ist: »Ich möchte schon wie ein normaler Mensch leben«, meint die 17-Jährige aus Halle. Für Daniel, der an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg studiert, ist »Jüdischsein Privatsache.« Hadar, die aus Tel Aviv kommt, fühlt sich in Berlin plötzlich jüdischer als zuvor in Israel. Und der in St. Petersburg geborene Eugen, der jetzt in Köln lebt, sagt von sich: »Ich habe mehr von der deutschen Mentalität, aber dennoch bin ich nicht eingedeutscht.«
Zwei Juden, drei Meinungen, sagt ein jüdisches Sprichwort. So gesehen, stößt man in der Sonderausstellung des Jüdischen Museums auf mindestens 60 Meinungen. Denn so viele Porträts und die dazu gehörenden Interviews finden sich an den Wänden der Eric F. Ross Gallery im Libeskind-Bau. Für ihr Projekt »Jüdische Jugend heute in Deutschland« befragten Studierende der Hochschule Konstanz junge Juden in 14 deutschen Städten nach ihrer Herkunft, Geschichte, ihrer Beziehung zum Judentum und ihrem Verhältnis zu Deutschland. Gespräche unter Gleichaltrigen also, und durchaus auf Augenhöhe: Der Holocaust scheint die Begegnungen weit weniger zu dominieren als in älteren Generationen, ohne dass die Vergangenheit ausgeklammert wird. Eine gewisse Entkrampfung kennzeichnet diese Interviews, die nicht zuletzt den Wunsch nach Normalität widerspiegeln. Wenngleich sich am Begriff Heimat, wie sollte es bei den so unterschiedlichen Hintergründen anders sein, die Geister scheiden. »Ich habe überall eine Zukunft«, erklärt Erik. Ebenso pragmatisch-nüchtern sieht es Konstantin, der als so genannter Kontingentflüchtling aus der früheren Sowjetunion übersiedelte: »Deutschland ist meine Heimat, weil ich hier aufgewachsen bin.«
Die Konstanzer Porträts sind nur ein Teil der Doppelausstellung »jüdisch jetzt«. Fotografie- und Medienstudenten der Fachhochschule Bielefeld haben sich ebenfalls mit verschiedenen Aspekten jüdischen Lebens in Deutschland beschäftigt. Ihre Fotos zeigen Frauen von Rabbinern, Szenen jüdischer Partys und religiöser Feste, Synagogenbauten, Mitglieder des TUS Makkabi Frankfurt, des größten jüdischen Sportvereins in Deutschlands, aber auch Eindrücke von Besuchen in Auschwitz und anderen KZ-Gedenkstätten. So ist ein äußerst facettenreiches Bild entstanden, das Stereotypen eindrucksvoll entgegen wirkt. Klischees, die das Bild von Juden in Deutschland immer noch mitbestimmen, verarbeitet ein Kunstprojekt auf witzige Weise: Stefan Sätteles Video-Szenenspiel »Wenn Samstag immer Sonntag ist« steht ein »jüdisches Bett« der Objektkünstlerin Anna Adam gegenüber, auf dem sich neben Kishon, dem Talmud, der »Geschichte der Juden in Deutschland« als Gute-Nacht-Lektüre auch eine Illustriere mit der Schlagzeile »Deutschland sucht den Superjuden« findet.
Superjuden findet man in dieser originellen Schau ebenso wenig wie böse
Juden. Allenfalls junge Menschen, die ähnliche Hoffnungen und Ängste
haben wie ihre nichtjüdischen Altersgenossen. Man hat das Museum
unlängst zum fünften Geburtstag, ausgerechnet aus den Reihen des
Zentralrats der Juden in Deutschland, gerügt, es kümmere sich nicht
ausreichend um die Gegenwart. Mit »jüdisch jetzt« dürfte dieser Vorwurf
entkräftet werden.
Jüdisches Museum Berlin, Eric F. Ross Gallery, Lindenstr. 9-14,
Kreuzberg. Tel.: 25 99 33 00. Bis 29.1., Di-So 10-20 Uhr, Mo 10-22 Uhr
Kontakt
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