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Frankfurter Rundschau vom 19. März 2007

Das Morden in Darfur

Mit einer Aktionswoche will das Jüdische Museum in Berlin den Opfern des Bürgerkriegs eine Plattform verschaffen

Von Antje Hildebrandt


Ein Junge, der eine Kalaschnikow geschultert hat. Ein Flussbett voller skelettierter Leichen. Eine Mutter, die neben ihrem Kind wacht. Es liegt nackt auf dem Boden, seine Glieder sind merkwürdig verrenkt. Es stirbt.

Bilder aus Afrika, aus der Krisenregion Darfur. Sie sind überlebensgroß, man kann sich ihrer Wirkung nicht entziehen. Nach Einbruch der Dunkelheit flimmern sie über drei 30 Quadratmeter große Leinwände an der Fassade des Jüdischen Museums in Berlin. Es sind symbolträchtige Bilder an einem noch symbolträchtigeren Ort. Das Museum bewahrt die Erinnerung an den Holocaust, an den größten Völkermord der Geschichte. Sein Direktor, Michael Blumenthal, versteht sich aber nicht nur als Archivar der Geschichte. Blumenthal, 1926 in Oranienburg bei Berlin geboren, weiß, was Vertreibung bedeutet. 1939 musste er selber vor den Nationalsozialisten fliehen.

Heute fühlt er sich verpflichtet, verfolgten Minderheiten in aller Welt eine Öffentlichkeit zu verschaffen. Wie wichtig ihm dieses Anliegen ist, kann man derzeit im Jüdischen Museum erleben. Zusammen mit der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veranstaltet er die Aktionswoche »Darfur: Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Er hat dafür den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan als Schirmherrn gewonnen.

Der Darfur also. Ein Gebiet im Herzen Afrikas, anderthalb mal so groß wie die Deutschland. Darfur bedeutet »Heimat der Fur«, doch »die Fur« gibt es nicht. In dieser Region im Westen Sudans leben fünf bis sieben Millionen Menschen aus 80 verschiedenen Stämmen und Ethnien. Dort spielt sich eine Tragödie ab, von der Beobachter sagen, es sei eine der schwersten humanitären Krisen unserer Zeit: Bis heute hat der Bürgerkrieg im Darfur 200 000 Menschen das Leben gekostet und etwa 2,4 Millionen Menschen heimatlos gemacht.

4446 Kilometer liegen zwischen Khartum und Berlin, und ob Deutschlands Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier als Vertreter der EU soeben im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UN) die fortdauernden Menschenrechtsverletzungen der sudanesischen Regierung angeprangert hat oder in Darfur ein Sack Reis umfällt - dürfte kaum einen Unterschied machen. Es ändert sich nichts daran, dass das Morden weitergeht. Trotz eines Friedensabkommens, das die sudanesische Regierung im Mai 2006 auf internationalen Druck hin mit der größten Rebellengruppe geschlossen hat.

Die Lage verschlechtert sich

Seither, sagt Adrio Bacchetta, der Geschäftsführer der deutschen Sektion von »Ärzte ohne Grenzen«, habe sich die Lage sogar noch verschlimmert. Die Fronten in dem Bürgerkrieg hätten sich verwischt. Inzwischen kämpfe jeder gegen jeden: Araber gegen Araber, Afrikaner gegen Afrikaner, Nachbar gegen Nachbar. Die Flüchtlingslager seien hoffnungslos überfüllt, und selbst dort seien die Menschen nicht mehr vor bewaffneten Übergriffen sicher. Irakische Verhältnisse im Darfur. Resigniert bilanzierte Bacchetta: »Wir steuern auf eine Anarchie zu.«

Mit diesem Statement eröffnete er eine Internationale Konferenz zum Auftakt der Aktionswoche. Sind das, was dort im fernen Afrika passiert, Verletzungen der Menschenrechte? Oder rottet die muslimische Regierung die afrikanische Zivilbevölkerung auf dem Land systematisch aus, handelt es sich bei den Massakern, Vergewaltigungen und Bombardierungen von Dörfern also gar um einen Völkermord wie den Holocaust? Und wenn ja, warum macht der UN-Sicherheitsrat seine Drohungen nicht wahr und setzt die angedrohten Sanktionen gegen die Regierung in Khartum um?

Von der Konferenz im Jüdischen Museum, diese Hoffnung äußerte die Direktorin des Büros von Human Rights Watch in Brüssel, Lotte Leicht, sollte ein Signal an die Politik ausgehen. Die BRD hat gerade die Ratspräsidentschaft in der EU, deshalb komme ihr eine Schlüsselrolle zu. Ohne politischen Druck von außen, darüber waren sich die Teilnehmer einig, werde sich die Regierung in Khartum nicht bewegen. Zwar hat der UN-Sicherheitsrat unlängst den Einsatz einer Friedenstruppe von 20 000 Blauhelmen in der Krisenregion beschlossen. Daran sollen sich auch Soldaten aus Staaten der Afrikanischen Union (AU) beteiligen.

Doch die Regierung in Khartum weigert sich, diese Mission in ihr Land zu lassen. Sie bekommt dabei Rückendeckung von anderen Staaten. China bezieht den Großteil seines Erdöls aus dem Sudan und ist neben Russland größter Waffenlieferant des Landes. Und andere asiatische, arabische und afrikanische Staaten verschließen vor dem Bürgerkrieg einfach die Augen.

Höchste Zeit, die Daumenschrauben für die sudanesische Regierung anzuziehen, sagte die außenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Kerstin Müller, an die Adresse der EU. Vorschläge breitete sie gleich aus: ein Flugverbot über Darfur, um den Bombardements aus der Luft ein Ende zu setzen, diplomatische Initiativen zur Einigung der zerstrittenen Rebellen und zur Umkehr der Vetomächte China und Russland. Und eine Veröffentlichung der Liste mit den 51 Namen der Hauptverantwortlichen des Krieges, die der UN vorliegt.

Deutsche Verantwortung

Gegen zwei der Haupttäter wird seit 2005 vor dem Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag ermittelt. Wie Lotte Leicht von Human Rights Watch erklärte, sei es die - damals noch - rot-grüne Bundesregierung in Berlin gewesen, die das Verfahren zusammen mit deutschen Diplomaten in Gang gesetzt habe. So schließt sich der Kreis. Deutschland, so scheint, scheint sich seiner besonderen Verantwortung für verfolgte Minderheiten also doch bewusst zu sein. Für Lotte Leicht eine ermutigende Erkenntnis: »Man kann etwas bewegen, wenn man nur will.«

Darfur: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Aktionswoche im Jüdischen Museum Berlin, bis 22. März

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Für Schüler ab der 9. Klasse bietet das Museum noch bis zum 9. April Workshops zum Bürgerkrieg in Darfur an. So lange zeigt das Museum auch die Ausstellung »Vom Krieg gezeichnet«, Bilder von Kindern aus Flüchtlingslagern. www.juedisches-museum-berlin.de

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