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Neue Zürcher Zeitung vom 20. März 2007

Europas Ignoranz

Warum wird Darfur ausgeblendet?

Von Joachim Güntner


Es gibt viel Rot auf diesen Bildern, aber nie ist es die Farbe der Liebe. Das Rote markiert Blut und Feuer. Rot sind die zerschossenen Gesichter und Unterleiber, die niedergebrannten Hütten. Ströme von Blut müssen es sein, gemessen an der Ausdehnung der roten Flächen. Irritierend ist der kindliche Strich, in welchem diese Szenerien gehalten sind. Man ist es allenfalls gewohnt, dass Kinder solche Bilder spielerisch zeichnen: All diese bewaffneten Kamelreiter und bombenwerfenden Flugzeuge - wirken sie nicht, als seien sie einer auf Abenteuer gestimmten kindlichen Phantasie entsprungen?

Kinderzeichnungen als Zeugnisse

Doch das sind sie nicht. Kinder eines Flüchtlingslagers an der Grenze zwischen Darfur und Tschad haben sie gezeichnet, als ihnen Ermittler der Organisation Human Rights Watch Buntstifte und Papier gaben, damit sie ihre Erlebnisse festhalten. Nun sind diese auf den ersten Blick naiven, auf den zweiten grausig sachlichen Zeugnisse des Schreckens im Rahmen der Aktionswoche »Darfur: Verbrechen gegen die Menschlichkeit« im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. Seit vier Jahren wird das Leben in Darfur von Hinrichtungen, Morden, Vergewaltigungen und dem Niederbrennen von Dörfern bestimmt. Über zweihunderttausend Tote und zwei Millionen Flüchtlinge zählt der Konflikt.

Die Kämpfe tragen Züge eines Völkermords, doch im öffentlichen Bewusstsein der Europäer spielt der Westsudan keine Rolle. Fernsehberichte sind rar, die Massaker sind ohne Gesicht. Fast scheint es, als müssten wir uns an jene Kinderzeichnungen halten. Als die authentischsten Bilder, die wir aus Darfur haben, bezeichnete sie Marianne Heuwagen, Direktorin des Deutschland-Büros von Human Rights Watch, an einem Symposium der Aktionswoche, das die Frage stellte: »Warum blendet das europäische Bewusstsein politische Konflikte und Kriege auf dem afrikanischen Kontinent aus?«

In der Antwort darauf zeigte sich das mit den Politologen Manfred Henningsen und Herfried Münkler, dem Historiker Dan Diner und dem Journalisten und Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann besetzte Podium wiederholt uneins. Wenn es um Völkermord gehe, sei zumal die deutsche Erinnerung so sehr auf den Judenmord fixiert, dass dies die Aufmerksamkeit für »genozidale Begebenheiten« in anderen Weltgegenden absorbiere, meinte Henningsen - ein Argument, das im Publikum sofort böses Blut machte, da mancher den Eindruck hatte, Henningsen wolle den Holocaust relativieren (ein Vorwurf, gegen den er sich verwahrte).

Michael Naumann genügte für die europäische Ignoranz gegenüber afrikanischen Leiden ein deutliches Wort: Rassismus. Er erinnerte daran, dass auch der erste Völkermord im 20. Jahrhundert, die Ausrottung der Hereros in Südafrika durch ihre Kolonialherren, zum deutschen Erbe gehöre. Sowohl die deutsche Aussenpolitik wie auch die Literatur und der Tourismus schleppten noch immer die Last des Rassismus mit sich herum, meinte Naumann, und so sei denn auch der Blick nach Darfur geprägt von Herablassung gegenüber »diesen schwarzen Barbaren, die sich gegenseitig umbringen«.

Damit nun konnten Herfried Münkler und Dan Diner wenig anfangen. Auf die Hautfarbe komme es nicht an, meinte Münkler. Es fehle schlicht noch an Migrationsdruck in Deutschland. Stünde man vor der Aufgabe, im eigenen Land zweihunderttausend Darfur-Flüchtlinge unterzubringen, dann wäre auch die Aufmerksamkeit da. Dan Diner zog es vor, statt von »Rassismus« von »kultureller Dissonanz« zu sprechen. Afrika gehöre nun einmal nicht zu dem »Narrativ«, zu der Geschichtserzählung, in welche die Europäer ihre Identität fassten. Zu viel Fremdheit also. Würden die Verbrechen in Darfur von Menschen begangen, die wir als Teil unserer Kultur betrachten, von französischen Fallschirmjägern etwa, wäre die Empörung gross.

Viele Fingerzeige, keine Lösung

Die Diskussion auf dem Berliner Podium, in welche nach zwei Stunden auch das Publikum einbezogen wurde, gab einige überraschende Fingerzeige: Ans Licht geholt wurden etwa die Verstrickungen der deutschen Rüstungsindustrie, die lange Jahre der wichtigste Waffenlieferant des Sudans gewesen ist (das Gewehr G3, im Idiom der Region ausgesprochen, könnte zur Bezeichnung der arabischen Milizen als Janjawid geführt haben). Und ein schiefes Licht fiel auf die Philosophie der Aufklärung, welche, anders als das mit Afrika auf vertrautem Fuss stehende Mittelalter, eine Rangfolge von nordischen und subkontinentalen Rassen gekannt hat. Manfred Henningsen ging gar so weit, im Denken Herders, Kants und Hegels einen »Zivilisationsbruch« zu lokalisieren. Herfried Münkler warnte vor einem Moralismus, der Interventionen in Darfur gutheisse, ohne dessen Folgen und Nebenfolgen zu bedenken.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
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Zudem sei Deutschland heute eine »postheroische Gesellschaft« ohne Fähigkeit zum Durchhalten. Wehe, es kämmen Särge mit eigenen Soldaten. Aber damit war man bereits bei den Gründen für die militärische Abstinenz des Westens angelangt, ohne die Frage nach der europäischen Ignoranz erschöpfend beantwortet zu haben.

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