_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Siegener Zeitung vom 12. Juni 2007

Erste Tourneestation: Bad Berleburg

Das Jüdische Museum Berlin schickte gestern eine mobile Abordnung nach Wittgenstein

Von Jens Gesper


Bad Berleburg. Was haben Levis Jeans, Nivea-Creme und Fromms Kondome gemeinsam? Diese Frage stand gestern Morgen am Anfang, sowohl im geschlossenen Raum als auch unter freiem Himmel. Denn im Berleburger Johannes-Althusius-Gymnasium startete gestern eine Sommer-Rundreise, die unter dem Leitmotiv »on.tour - das JMB macht Schule« firmierte. Hinter JMB verbirgt sich das Jüdische Museum Berlin. Das ist zwar an und für sich schon eine Erfolgsgeschichte, doch insbesondere Schülergruppen aus Nordrhein-Westfalen sind hier unterrepräsentiert. Und so arbeitete sich das Museum ein schlüssiges Konzept aus, charterte einen Kleinbus und schickte seine Mitarbeiter auf Reisen.

Fünf Wochen lang wird der Bus nun in den unterrepräsentierten Bundesländern unterwegs sein: Neben Nordrhein-Westfalen sind das Rheinland-Pfalz, Bremen, Thüringen und Bayern. Insgesamt werden Schulen in 25 Städten angefahren. Seine Welt-Premiere feierte das mobile Museum gestern in Bad Berleburg. Heute steht es schon in Solingen.

Zu danken war der Besuch dem Berleburger JAG-Lehrer Jürgen Bem. Der hatte gesehen, dass man sich um solch eine Visite bewerben konnte. Das machte er vor drei Wochen. Viele andere bewarben sich ebenfalls. Und die Berleburger hatten Glück – in diesem Fall: Massel – im anschließenden Los-Verfahren.
Das gestrige Angebot war zweigeteilt: Während des gesamten Morgens stand der Bus auf dem Schulhof, hier warteten unkaputtbare Ausstellungswürfel mit spannenden Exponaten und informationsreichen Erläuterungen zum Thema »Judentum« auf die Schüler. Zum vierköpfigen Team in Wittgenstein gehörten die Projektleiterin Ivana Scharf und Tanja Groenke als Leiterin der Bildungs-Abteilung des Jüdischen Museums sowie die beiden Referenten Simone Windeisen und Jan-Martin Ogiermann, die ansonsten auch Besucher durch das stationäre Museum in Berlin geleiten.

Diese beiden besuchten außerdem zwei neunte Klassen, in denen 90-minütige Workshops auf dem etwas abgewandelten Stundenplan standen. »So einfach war das« – lautete die beruhigende Überschrift. Dabei ging es um jüdische Kindheiten oder Lebensläufe in Deutschland. Bezugszeit war die Zeit nach dem Holocaust, Auskunft gaben insgesamt 18 Leute: Sechs Geschichten davon hatten die Museums-Mitarbeiter gestern dabei. Über iPods lauschten die Jugendlichen den Berichten. In Wittgenstein, wo man heute nicht mehr so einfach die Gelegenheit hat, einen echten Juden zu treffen, hörten Jugendliche Juden zu, schauten sich ihre Fotos an und beschäftigten sich mit den dazugehörigen Menschen.

Zuvor hatte Simone Windeisen die deutsch-jüdische Geschichte wenigstens grob eingeordnet: Seit dem 9. Jahrhundert gebe es in dem Gebiet, was heute Deutschland heiße, Juden. In den späteren Zeiten seien etwa ein Prozent der Deutschen Juden gewesen. Vor dem Nationalsozialismus habe es rund 500 000 deutsche Juden gegeben, nach dem Zweiten Weltkrieg gerademal noch 18 000 in Deutschland. Heute bezifferte die Fachfrau die Zahl auf etwa 100 000 eingetragene jüdische Gemeinde-Mitglieder.

In Gruppenarbeiten beschäftigten sich die Schüler mit Rachel Singer. 1947 in München geboren passte das dunkelhaarige Mädchen mit dunklen Augen nicht in das deutsche Klischee. Und so erzählte sie in der Schule, sie sei die Tochter eines amerikanischen Indianer-Häuptlings. Und die JAGler lernten die 1947 in Frankfurt geborene Minka Pradelski kennen, deren Eltern nicht wollten, dass ihr Kind etwas vom Holocaust erführe. Und die nicht wusste, dass ihre älteren Schwestern ihre Cousinen waren, die Minkas Eltern adoptiert hatten, weil die Mädchen Ghetto-Waisen waren. Und sie hörten von Andrzej Bodek, der mit seinen Eltern Ende der 60er Jahre vorm polnischen Antisemitismus nach West-Deutschland floh – und hier einen noch viel schlimmeren Antisemitismus erleben musste. Und von Tsafrir Cohen, der gebürtige Israeli wollte lieber in einem liberalen Berlin leben als im engen Tel Aviv. Seine Mitbewohner erledigten ihm hier sogar den Abwasch, weil sie den Juden aus einer falschen Vorsicht heraus nicht an seine WG-Pflichten erinnern wollten. Und von Ekaterina Kaufmann, die nach Deutschland auswanderte, weil der jüdisch-deutsche Name ihr das Leben in Russland schwermachte. Und von Zvi Wasserstein. 1955 geborener Frankfurter, der sein Glück in Amerika suchte. Und sich vor allem an seine türkische Freundin aus der Kindheit erinnerte.

In der gemeinsamen Analyse dieser Geschichte stießen die Berleburger auf ein Grundproblem im heutigen Denken: die scheinbare Unvereinbarkeit, gleichzeitig Deutscher und Jude zu sein. Obwohl sich die Schüler seit drei Monaten ausführlich mit dem Thema »Judentum« in Religion beschäftigt haben. Obwohl sie das Buch »Verweigerte Rückkehr« des Schmallenberger-Wittgensteiner Juden Hans Frankenthal gelesen haben. Obwohl sie in Dortmund die Synagoge und das ehemalige SS-Gefängnis und heutige Mahnmal »Steinwache« besichtigt haben. Das Türkenmädchen und Judenjunge hätten sich wohl verstanden, weil beide »nicht normal deutsch« gewesen seien oder weil er »auch Ausländer« war. Langsam und behutsam – so sehr es die letzten Minuten einer sechsten Stunde erlaubten – näherte sich das Museums-Team dem Grundgedanken an, dass jemand gleichzeitig Deutscher und Jude sein kann.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Und wenn man das begriffen hat, dann kann man sich als Deutscher darüber freuen, dass jüdische Landsleute von uns so tolle Sachen wie die weltbekannte Nivea-Creme, die Jeans und das nahtlose Gummi-Kondom erfunden haben.

In Kontakt bleiben über