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Berliner Zeitung vom 17. August 2007

Heben Sie das gut auf!
Berlin-Nizza-Auschwitz: Charlotte Salomon malte ihr kurzes Leben
Von Ingeborg Ruthe


Drei Farben brauchte die junge Frau, um ihr kurzes Leben in einer langen Serie zu beschreiben: Gelb vor allem, für die Sentenzen, wo Erkenntnis aufscheint und beißende Satire. Rot nahm sie, wenn es emotional wurde: leidenschaftlich oder tieftraurig. Sie war unglücklich, platonisch verliebt. Die Tante, die Mutter, die Großmutter litten an Depressionen und nahmen sich das Leben. Die junge Frau wollte ihre unglückliche Liebe durch das Malen überwinden und der Last und dem Fluch ihrer Gene entkommen. Sie nahm Mengen von Blau und Gelb, stemmte sich damit gegen ihre Angst und steigerte sich mit den Farben hinein in ihre überbordende Phantasie.

Die drei Farben der Charlotte Salomon sind Gelb und Blau gegen das gefühlige Rot. So malte sie vor 67 Jahren das Singspiel »Leben? Oder Theater?«: Die Protagonisten tragen Phantasienamen. Der oft in knappen Textzeilen auf angefügtem Pergamentpapier oder gleich zwischen die Motive geschriebene Kommentar zum zeitgeschichtlichen Hintergrund, die 1930er Jahre in Berlin, bilden die zweite Ebene der jüdischen Mädchengeschichte: das assimilierte, musische Zuhause, die Kunstakademie, die Naziherrschaft. Die Folgen: Berufsverbot für den Vater, einen Arzt. Auftrittsverbot für die Stiefmutter, eine Sängerin. Exil. Internierung. KZ.

Das Jüdische Museum zeigt die erstaunliche, aber hierzulande - mit Ausnahme einer (West-)Berliner Akademie-Ausstellung 1986 - eher unbekannte Bildgeschichte der Charlotte Salomon, geboren 1917 in Charlottenburg, emigriert nach Südfrankreich 1939, ermordet 1943 in Auschwitz. Mit ihr stirbt das Kind, das sie unterm Herzen trägt. Auch ihr Mann seit 1943, Alexander Nagler, überlebt Auschwitz nicht.

Überhaupt kannten den ganzen 1.325 Blätter umfassenden, sensationell comicartigen Gouachen-Zyklus lange eigentlich nur Kunsthistoriker und die Leute vom Amsterdamer Joods Historisch Museum. Dort lagerte der Nachlass 50 Jahre. Nun reist er durch die Welt. Eine Freundin, Amerikanerin, hatte die Mappen 1943 nahe Nizza vor den Deutschen versteckt und sie dann 1947 den Eltern der Künstlerin - sie hatten in Holland überlebt - gegeben, die sie dann dem Museum überließen.

»Heben Sie das gut auf, das ist mein ganzes Leben«, hatte Charlotte Salomon der Freundin in Villefrance noch sagen können. Ihr »ganzes Leben«, das waren Kindheit und Jugend in Berlin und die kurze Zeit des Exils in Südfrankreich, bei den Großeltern. Dort malte sie 1940 bis 1942 in einem Schaffensrausch all das, was von ihrem kurzen Dasein bleiben sollte: die Erinnerung an die Kindertage, Familie, Freunde, die unerfüllte Liebe zum Musiklehrer Daberloh (in Wirklichkeit der Pädagoge Alfred Wolfsohn, dessen Archiv im Jüdischen Museum Berlin lagert). Der aber hatte nur Augen für Charlottes Stiefmutter, die Sängerin Paula Lindberg. Er hat wohl auch nie etwas von der pubertären Liebe seiner Schülerin, auch nichts von deren malerischen Satiren, ihn betreffend, erfahren.

Das Lebensbilderbuch der Charlotte Salomon ist ein Kunstschatz. Nicht nur wegen ihres phänomenalen visuellen Gedächtnisses, des souverän verknappten Stils und des expressiven Einsatzes der Farben. Salomon schuf damit Ungewöhnliches:

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Ihre Bildfolgen wirken wie moderne Filme, mit raschen Schnitten, die ganze Textteile aus einfachen Sätzen bilden, und Melodien aus Traurigkeit und Lachen. Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, ab heute bis 25.11., tgl. 10-20, Mi bis 22 Uhr. Katalog (Prestel) 24,90 Euro.

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