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Berliner Morgenpost vom 17. Dezember 2007

Leben in den israelischen Grenzgebieten

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum zeigt den Alltag in einem Land, das Normalität sucht

Von Gabriela Walde


Die Bilder gehen unter die Haut. Wie aus einem fahrenden Zug heraus fällt der Blick auf eine graue Mauer, Bäume fliegen vorbei und Landschaftsfragmente. Bei uns stellt sich sofort ein Wiedererkennungseffekt ein: das ist die Mauer! Richtig, aber sie steht nicht in Berlin, sondern dient als Grenzwall zwischen Israel und dem Westjordanland. 32 lange Minuten und 50 Sekunden fährt die Videokamera der britischen Künstlerin Catherine Yass die monotone "Wall" ab. Filmisch wirkt das wie ein lautes Abtasten der Wirklichkeit nach einer Wahrheit. Die aber gibt es nicht.

Die Mauer steht in Israel

Yass ist eine von 22 Künstlern, die ihre Arbeiten in der Ausstellung mit dem nachrichtlich-nüchternen Titel "betrifft: Israel" zeigen. Die Schau ist ein Import aus dem Jewish Museum New York und nun erstmals in Europa zu sehen. Anlass ist die Gründung Israels vor 60 Jahren im nächsten Jahr. Fotografie und Video stehen im Mittelpunkt, weil, so die amerikanische Ausstellungsmacherin Susan Goodman, mittels dieser Medien viel aktueller und schneller reagiert werden kann. Malerei beispielsweise ist da weniger zeitkompatibel.

Aber arbeiten israelische Künstler wirklich anders, haben sie eine spezielle Ästhetik? Diese Grenzlinie ist beim Rundgang durch die Ausstellung nicht ganz einfach auszumachen. Vielleicht ist es eine Frage der Nähe, die Sicht der Israeli auf Dinge und Menschen scheint unmittelbarer und unverstellter. Während ausländische Künstler wie der Deutsche Wolfgang Tillmans und der aktuelle britische Turnerpreisträger Mark Wallinger bewusst die fotografische Distanz halten. Zwischen Wirklichkeit und künstlerischer Umsetzung ist eine poetische Ebene eingezogen. Tillmans hat Tel Aviv in goldenes Licht getaucht und als Postkartenmotiv aus der Vogelperspektive aufgenommen - eine Metropole, menschenleer.

Schwierig bleibt oft die Unterscheidung zwischen Kunst und Sozialreportage, in deren Bereich viele der Fotografien gehören. Kaum verwunderlich, da jene Fotografen für die Presse arbeiten und in Zeitungen und Magazinen gedruckt werden. Der Bogen in der Schau spannt sich dabei von der Bibellandschaft bis hin zu Porträts und digitalen Montagen von Künstlern wie Motti Mizrachi und Barry Frydlaender, einem der bekanntesten israelischen Künstler. Eine Perspektive auf den Alltag dieses Landes, dessen Menschen in einem permanenten Spannungszustand leben, gibt es nicht, nur unterschiedliche Blickwinkel und verschieden stark wahrgenommene Konflikte: Es geht um Gebietsansprüche, Religion, Moderne, Geschichte, Holocaust.

16 von den 22 in der Ausstellung vertretenen Künstler leben und arbeiten in Israel. Die einzige palästinensische Künstlerin, Noel Jabbour, zog ihre Arbeit nach der Ausstellung in New York zurück, vermutlich im Konflikt über die Ausgrenzung im eigenen Land. Dabei zeigt ihre Arbeit genau das heikle Problem der Territorialität auf, "Abu Dis Wall" beschäftigt sich mit der Sperranlage im Westjordanland, zu sehen sind beide Seiten. Ein Symbol dafür, dass Gewalt zwei Seiten hat.

Aus der Reihe fallen in gewisser Weise die Fotografien der "Ghost-Serie" von Ori Gersht; hier hat sich die Wirklichkeit scheinbar ganz der Poesie anverwandelt. Gersht zeigt knorrige Olivenbäume, komplett überbelichtet, die wie geisterhafte Gnome in einem irrealen Nichts existieren. Doch für die Israeli ist der Olivenbaum mehr als nur ein Baum. Er steht für Frieden, Beständigkeit und Freiheit.

Gillian Laub geht in ihren Porträts ganz nah ran an die Menschen. Das Porträt von "Guy und Ranit" scheint auf den ersten Blick ein perfekter Schnappschuss fürs schöne Familienalbum. Doch lächelt das junge Paar wirklich? Guy wurden nach einem Bombenschlag beide Beine unterhalb der Knie amputiert.

Auf einer beschrifteten Tafel beschreibt Guy seine Gefühle: "Ich glaube, dass wir alle eine extreme innere Kraft haben, die nur in solchen Situationen freigesetzt wird. Aus diesem Grund ist mein Zustand jetzt besser als zu der Zeit, in der ich meine Beine noch hatte." Die Wahrheit hat viele Gesichter.

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Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, Tel. 259 933 00. Tgl. 10-20 Uhr, Mo. 10-22 Uhr. Bis 24. Feb. Katalog: 29,90 Euro.

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