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Stern.de vom 25. März 2008

Von Pippi Langstrumpf zum Holocaust

Wie wir mit Vorurteilen und Verallgemeinerungen die Angst vor allem Fremden in uns kleinhalten, zeigt die Berliner Ausstellung »typisch! - Klischees von Juden und Anderen«. Und sie zeigt auch, dass der Weg vom schlechten Witz zum Massenmord führen kann.

Von Almut F. Kaspar


Wie immer fängt es ganz harmlos an: Denken Sie an alte Kinderbücher, in denen »Tim und Struppi« durch den finsteren, unzivilisierten Kongo stromern oder auch Astrid Lindgrens Taka-Tuka-Land, dessen Einwohner einen weißen Kapitän, nämlich Pippi Langstrumpfs Vater, zu ihrem neuen Häuptling machen, weil der ihnen endlich zeigt, wo's lang geht. Da rauchen Indianer unentwegt Friedenspfeife, tanzen Afrikanerinnen mit großen Nasenringen durch Tag und Nacht, reiten stolze Araber auf schwarzen Hengsten durch die endlose Wüste. Immer wieder gesehen, immer wieder gelesen. Einverleibt.

»Typisierungen und Klassifizierungen sind aus der populären Kultur nicht wegzudenken, wo sie uns mit dem Mittel der Vereinfachung dabei helfen, unsere Angst vor dem Unbekannten und Fremden zu bewältigen, jedoch auch das Material für rassistische Ideologien liefern«, sagen die Organisatoren einer Ausstellung, die sich diese Typisierungen und ihre Wirkung genauer ansieht. »typisch! - Klischees von Juden und Anderen« heißt die Schau, die vom 20. März bis zum 3. August 2008 im Jüdischen Museum Berlin gezeigt wird und die im kommenden Jahr erst in Chicago und dann in Wien zu sehen ist.

Wenn Nationen übereinander herfallen

Wenn es darum geht, Menschen aus anderen Ländern zu charakterisieren, muss fast immer die verzerrende Karikatur herhalten. Dieses Phänomen kennt keine Grenzen. Und das war schon immer so: Um das Unbekannte und Fremde einordnen zu können, neigt der Mensch dazu - und das unabhängig von Hautfarbe oder sozialer Herkunft -, sich scheinbar typische Bilder zu schaffen.

Wenn die Nationen übereinander herfallen, sind Sympathie und Toleranz schnell vergessen. Denn das augenscheinliche Anderssein verunsichert erst einmal. Um dem entgegenzuwirken, wird auf Teufel komm raus nach den »typischen« Eigenschaften eines Volkes gesucht. Um es einzuordnen, zu katalogisieren, abzustempeln. Subtilen Alltagsrassismus nennt man das - und das Schlimme ist, dass sich wohl niemand davon ganz frei machen kann. Eine endlose Kette von Stereotypen und Vorurteilen, ist, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr aufzuhalten. Dieses Phänomen hat auch einen Namen: Es nennt sich Klischee.

Wie brutal solche Klischees sein können, haben Felicitas Heimann-Jelinek, Chefkuratorin des Jüdischen Museums Wien, und ihr Kollege Hannes Sulzenbacher bei der Zusammenstellung der Ausstellung erfahren. »Bilder, Objekte und Geschichten, die vermutlich als harmloser oder schlechter Witz empfunden wurden, erscheinen heute vielen als Ausdruck einer Haltung, die den Völkermord vorwegnimmt«, schreiben sie im Katalog. Mehr als 200 Exponate - darunter Kunstwerke, kunsthandwerkliche Objekte, Reklame- und Filmplakate sowie haufenweise antisemitischer Nippes - werden unter anderem in 25 Triptychen gezeigt:

In jedem dieser Dreier-Ensembles wird ein typologisierendes Beispiel aus der etablierten Hochkultur präsentiert, dazu ein meist groteskes Objekt aus der Volks- und Trivialkunst sowie ein zeitgenössisches Werk, das mit subversiver Ironie das Klischee aufzudecken versucht. Zum Beispiel Dennis Kardons Skulptur »Jewish Noses« (Jüdische Nasen), in der er die Nasen prominenter Amerikaner aus einer Wand ragen lässt.

Nährboden für Menschenfeindlichkeit

Thematisiert werden jedoch nicht nur Klischees über Juden, sondern auch die hartnäckigen Vorurteile und Etikettierungen von Schwarzen, Asiaten, Indianern, Muslimen und Homosexuellen. Die Schau will sensibilisieren für die allgegenwärtige Präsenz solch boshafter wie stupider Vorurteile, »das Bewusstsein dafür schärfen, dass Stereotype ein Nährboden für Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind«.

Ein Großteil der Exponate stammt aus der Antisemitismus-Sammlung von Martin Schlaff, der bereits 1993 der Stadt Wien zur Eröffnung des dortigen Jüdischen Museums 5000 seiner Sammlerstücke überlassen hat. Dabei handelt es sich um Objekte aus der Zeit zwischen 1490 und 1946 - wie die »Wiener Stöcke« aus dem 19. Jahrhundert, deren Knäufe geschnitzte Köpfe mit übergroßen Nasen sind.

Die Falle schnappt zu

Es fällt nicht leicht, sich auf die brisante Vielfalt dieser Ausstellung einzulassen - und es ist schon gar nicht amüsant. Der letzte Schau-Teil ist das Figurenkabinett, und es konfrontiert den Besucher mit seinen eigenen vorgefertigten Bildern: In einer zylinderförmigen Vitrine stehen Figuren, die den Klischees entsprechen. Durch Drehen des Zylinders kann man sie namentlich zuordnen. Und schon schnappt die selbstgebaute Falle zu. »Unser Figurenkabinett«, heißt es im Katalog, »ist als Metapher für die Sinnlosigkeit und Absurdität von Zuschreibungen zu verstehen, an die sich die unstillbare Sehnsucht knüpft, einfache Erklärungen für komplizierte Zusammenhänge zu erhalten.«

Das ist der Anspruch der gesamten Ausstellung, denn Fragen bleiben hier bewusst unbeantwortet, dafür gibt es Raum für die Selbstreflexion. An deren vorläufigem Ende steht die Erkenntnis, dass Vorurteile, Klischees und Stereotypen uns seit der Kindheit prägen - und uns damit die offene Sicht auf die Welt verstellt haben.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Die Ausstellung »typisch! - Klischees von Juden und Anderen«, vom 20. März bis 3. August 2008 im Jüdischen Museum Berlin Der Katalog »typisch! Klischees von Juden und Anderen«, 128 Seiten, 24,90 Euro, Nicolai Verlag, Berlin

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