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Eßlinger Zeitung vom 26. März 2008

Jüdische Nasen und schwule Handtaschenträger
Das Jüdische Museum Berlin zeigt eine Sonderausstellung über Klischees und Vorurteile

Von Fides Middendorf


Berlin - Eine lange, gekrümmte Nase, eine Schläfenlocke, ein kleiner Hut: Die Karikatur eines Juden ziert das Poster, mit dem das Jüdische Museum in Berlin für seine neue Sonderausstellung »Typisch! Klischees von Juden und Anderen« wirbt. So bringt das Museum schon mit dem Plakat auf den Punkt, was die Schau vermitteln will: Zwar ist nicht jede Karikatur eines Juden gleich im strengen Sinne antisemitisch. Und trotzdem können schablonenhafte Bilder und Vorstellungen leicht in dumpfe Ressentiments und Rassismus umschlagen. Auf 650 Quadratmetern werden Kunstobjekte und Alltagsgegenstände gezeigt, die stereotype Botschaften über Juden, Muslime, Homosexuelle oder Afrikaner verbreiten. Den historischen Exponaten werden moderne Kunstwerke gegenübergestellt, die die gezeigten Klischees konterkarieren. »Der Besucher soll sich überlegen, wie das alles zusammenhängt«, erklärt die Programmdirektorin des Museums, Cilly Kugelmann.
In 25 Themen-Räumen werden jeweils drei Exponate gezeigt: Ein Kunstwerk, das zur Typenbildung beiträgt, ohne direkt negative Vorurteile zu transportieren, und ein klischeebehaftetes Objekt aus der Alltagskultur. Den beiden stereotypen Exponaten wird außerdem eine künstlerische Arbeit gegenübergestellt, die sich kritisch oder selbstironisch mit dem dargestellten Thema auseinandersetzt.

»Büchernörgeli« als Quietschfigur
In einem der durch weiße, lichtdurchlässige Vorhänge abgetrennten Räume geht es um das antisemitische Stereotyp der »jüdischen Nase«: In einer Glasvitrine steht eine abstrakte Skulptur des Bildhauers Rudolf Belling von 1927, die den Kunsthändler Alfred Flechtheim zeigt. Die Nase ist karikaturenhaft dargestellt: Lang und gekrümmt dominiert sie das ganze Gesicht. Neben dem Kunstwerk steht der »Büchernörgeli«, eine Quietsch-Figur aus Gummi, die den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki karikiert. Auch er hat eine riesige, gekrümmte Nase. Ad absurdum geführt wird das Klischee schließlich von der provozierenden Skulptur »Jewish Noses« des amerikanischen Künstlers Dennis Kardon: Aus einer Wand ragen 49 Nasenabdrücke prominenter amerikanischer Juden hervor. »Es gibt viele klischeehafte Vorstellungen, die nicht unbedingt negativ gemeint sind, aber ins Negative umkippen können«, erklärt Kugelmann. Ein Beispiel ist die harmlose Puppe »Gypsy Rose«, die ein folkloristisches Bild einer barfüßigen, schwarzhaarigen und Tamburin spielenden Zigeunerin zeigt. Dass verallgemeinernde Zuschreibungen in Schubladendenken und Rassismus umschlagen können, beweisen die dumpfen Vorurteile, mit denen Sinti und Roma bis heute zu kämpfen haben.

Rassistischer Nippes
Dass die Grenzen zwischen Klischee und Rassismus ohnehin leicht verschwimmen, zeigen Alltagsgegenstände und Nippes-Figuren, die menschenfeindliche Ideologien transportieren: Ein Salzstreuer in Form eines Juden mit Bart, Hut und Schläfenlocken. Oder ein Spazierstock, dessen Knauf ein jüdisches Gesicht zeigt. Holzkisten mit Menschenhaaren oder eine Hautfarbentafel aus Natur- und Völkerkundemuseen beleuchten die Instrumentalisierung von Forschung für rassistische Zwecke.
Viele der als antisemitisch eingeordneten Ausstellungsstücke stammen aus der Sammlung Martin Schlaff, die das Jüdische Museum Wien 1993 erhalten hat. »Wir wollten diese Sammlung einmal anders präsentieren, als das üblicherweise der Fall ist«, erläutert Kugelmann. Wie hartnäckig und bizarr Vorurteile sein können, beweist die Figur des »Tinky Winky« aus der britischen Kinderserie »Teletubbies«: Weil der kleine Junge eine Handtasche trägt, forderte die Kinderbeauftragte der polnischen Regierung im vergangenen Jahr eine psychologische Untersuchung der Serie, weil sie angeblich »homosexuelle Werte« vermittele. So sensibilisiert die Ausstellung den Besucher nicht nur für alltägliche Klischees und eigene Denkmuster. Sie zeigt gleichzeitig eindrucksvoll auf, dass Stereotype der Nährboden für Menschenfeindlichkeit und Rassismus sein können.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Bis 3. August. Öffnungszeiten: montags von 10 bis 22 Uhr, dienstags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr. Die Ausstellung ist anschließend in Chicago und Wien zu sehen. www.juedisches-museum-berlin.de

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