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Berliner Zeitung vom 19. September 2008

Jede Kiste ist ein Leidensweg
Kunstraub und Restitution: eine ergreifende Ausstellung im Jüdischen Museum

Von Sebastian Preuss


Das Schicksal von Ismar Littmann und seiner Sammlung ist so traurig wie fast alles, was diese Ausstellung erzählt. Der jüdische Anwalt war einer der bedeutendsten Kunstkenner Breslaus. Er beteiligte sich dort maßgeblich an der Gründung eines Jüdischen Museums; er unterstützte Künstler, wo er konnte, und lieh freigiebig seine Sammlung aus, wenn es galt, die Avantgarde dem Publikum näher zu bringen. Neben den Berliner Sezessionisten galt seine Passion vor allem den Expressionisten: 1930 besaß er 347 Gemälde und 5814 grafische Blätter.
Dann kam Hitler an die Macht, und Littmann verlor schon im März 1933 seine Anwaltszulassung. Der soziale und wirtschaftliche Fall, den alle Juden erleben mussten, begann. Bald hatte Littmann zunehmend Not, der Ausgrenzung, der Hetze gegen alles, was jüdisch war, etwas entgegen setzen zu können. Im September 1934 vergiftete er sich.

Münchener Schandschau

Seine Witwe und sein ältester Sohn brachten einen Großteil der Bilder nach Berlin, um sie dort versteigern zu lassen und so ihre Emigration zu finanzieren. Aus dem Verkauf wurde nichts, denn zwei Tage vor der Auktion sperrte die Gestapo die Werke und übergab 18 Bilder der Nationalgalerie. Eberhard Hanfstaengl, der dortige Direktor, wählte vier Gemälde aus, die übrigen verbrannte man im März 1936 im Heizungskessel des Museums. Hanfstaengl verlor übrigens ein Jahr später selbst sein Amt, weil er sich weigerte, an der Aktion "Entartete Kunst" mitzumachen. Das bewahrte die vier Littmann-Bilder der Nationalgalerie, darunter zwei bedeutende Gruppenakte Otto Muellers, nicht davor, auf der Münchener Schandschau als "degenerierte Kunst" an den Pranger gestellt und danach verscherbelt zu werden.
Nach dem Krieg kamen die beiden Werke Muellers - über bis heute noch nicht ganz erforschte Wege - ins Museum Ludwig in Köln und in die Kunsthalle Emden. Als Ruth Haller, Littmanns letzte lebende Tochter - sie musste Ende der Dreißiger ein Jahr Einzelhaft durchleiden, ehe sie nach Palästina fliehen konnte - und einige seiner Enkel nach dem Krieg ein Inventar der Sammlung fanden, begann die Familie nach dem verlorenen Besitz zu fahnden. Auf einen Zeitungsartikel der beauftragten Provenienzforscherin hin meldete sich die Emdener Kunsthalle bei den Erben und erkannte rasch deren Restitutionsansprüche an. Auch das Museum Ludwig verweigerte nicht die Rückerstattung. Im guten Einvernehmen mit der Familie konnten beide Museen die Bilder zurückkaufen. Teure US-Anwälte oder die großen Auktionshäuser waren nicht im Spiel. Während um ein anderes Littmann-Bild in Duisburg schon seit Jahren gestritten wird, fand die tragische Geschichte dieser Sammlung wenigstens für zwei Werke einen versöhnlichen Abschluss. Restitutionen sind moralische und finanzielle Gesten; das Leid der Familie kann selbst das wertvollste Kunstwerk nicht rückgängig machen.
Fünfzehn solcher Fallbeispiele erzählt das Jüdische Museum in seiner Ausstellung "Raub und Restitution". Jeweils von einem zurückerstatteten Kunstwerk oder einem Sammlungskonvolut ausgehend, das im Original zu sehen ist, verfolgt die Schau deren verschlungene Wege durch den Nazi-Terror, die menschenverachtenden Strategien der Beraubung, die Kriegszerstörung, die oft beschämende Rückerstattungs- und Wiedergutmachungspolitik in der Nachkriegszeit. Die Ausstellung taucht ein in die Verstrickungen des Kunsthandels und zeigt detailliert, wie Museen heute mit solchen Stücken heikler Herkunft umgehen. Es ist eine ergreifende Ausstellung, obgleich sie Rührseligkeiten wie jede pamphlethafte Beeinflussung meidet. Die eiskalten Fakten, die vielen Dokumente und Fotos sprechen für sich. Der Besucher soll sich selbst ein Bild machen, seit die heftig umstrittene Restitution von Kirchners "Straßenszene" aus dem Berliner Brücke-Museum zu dem Thema so viel Stammtischwissen in Umlauf brachte.
Angestoßen vom Kirchner-Fall, leisten die Jüdischen Museen in Berlin und Frankfurt am Main mit dieser Ausstellung jetzt eine bedeutende Aufklärungsarbeit. Dies geschieht auch aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums der internationalen Washingtoner Konferenz, die im Dezember 1998 eine Restitutionswelle auslöste, deren Höhepunkt wohl noch nicht erreicht ist. Es ist ein belastetes, äußerst komplexes, vielschichtiges Thema. Und es ist bewunderungswürdig, wie die Kuratoren Inka Bertz und Michael Dorrmann ihre spannenden Erzählstränge durch die historischen Verstrickungen und die schwer zu verstehenden Rechtslagen lenken.
Jahrzehnte dauerte die Odyssee der geraubten Kunstwerke, deren Schicksal hier vorgestellt wird. Das suggestive Ausstellungsdesign macht das anschaulich, indem es die Barockbilder aus dem Besitz der Rothschilds oder der Goudstikkers in Sperrholzkonstruktionen zeigt, ebenso die Bücher aus der Bibliothek Arthur Schnitzlers, die Meißner Porzellan-Statuetten des Gustav von Klemperer oder die Silberstücke, die nach den "Arisierungen" aus namenlosem Besitz im Berliner Stadtmuseum strandeten und nach der Wende der Jewish Claims Conference übereignet wurden.
Kiste für Kiste lassen sich die Stationen der verschleppten Werke und die Leidenswege der jüdischen Besitzer nachvollziehen. Mit Akribie suchten Bertz, Dorrmann und ihre Mitarbeiter - darunter die renommiertesten Provenienzforscher, die aus ihrer Arbeit der letzten zehn Jahre schöpfen - nach den Dokumenten und Fotos, die im Original oder in Kopie den Besucher ganz nahe ans historische Geschehen rücken. Wie die heutige Fahndung nach verlorenen Werken laufen kann, das zeigt etwa das schwarze Notizbuch des Amsterdamer Kunsthändler Jacques Goudstikker. Vor seiner Flucht trug er hier über tausend Werke aus seinem Besitz ein. Ohne dieses Inventar hätten die Provenienzforscher kein Goudstikker-Werk gefunden, die Erben nichts bekommen. So wird ein kleines Ringbuch zum Schlüssel für Gerechtigkeit.

Niemals verjährt

Man muss Zeit und auch einige Leselust mit in die Ausstellung bringen. Denn nicht nur Einzelschicksale von Kunstwerken werden ausgebreitet, sondern an den Wänden laufen zwei weitere Erzählstränge ab: einerseits die Raubmechanismen der Nazis mit all ihren infamen Methoden, den jüdischen Besitz bis zum letzten Silberlöffel auszupressen. Dazu wird die Geschichte der Rückerstattungspraxis nach dem Krieg erzählt: vom Central Collecting Point der Amerikaner über die Wiedergutmachungsgesetze bis zur Washingtoner Konferenz. Wer immer noch meint, mit den Restitutionen müsste doch endlich Schluss sein, der soll sich diese Ausstellung anschauen. Es ist eine Geschichte, die nie verjährt.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Jüdisches Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, bis 25. Januar. Täglich 10-20, Mo bis 22 Uhr. Das hervorragende Katalogbuch kostet 24,90 Euro. Danach geht die Ausstellung ins Jüdische Museum in Frankfurt am Main.

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