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Die Tageszeitung vom 20. September 2008

Kunst in der Zwischenhölle
Die Ausstellung »Raub und Restitution« im Berliner Jüdischen Museum erzählt, wie die Nazis überall in Europa Kunstschätze raubten – und davon, wie schwierig es bis heute ist, sie zurückzuerstatten

Von Klaus Hillenbrand


Nein, keine »Straßenszene« von Ernst Ludwig Kirchner, dem Gemälde, dessen Restitution an die jüdischen Erben noch vor wenigen Jahren für bildungsbürgerliche Empörung in konservativen Kreisen geführt hat. Man mag nicht für unnötige Emotionen sorgen. Überhaupt sind in dieser Ausstellung nur wenige Kunstwerke zu sehen - ein Gemälde Otto Muellers, zwei von Lovis Corinth, eine Winterlandschaft Jan van Goyens. Ein Cembalo aus dem Jahre 1633. Ein paar deutsche und hebräische Bücher. Die Sonderschau »Raub und Restitution« im Berliner Jüdischen Museum ist keine Kunstausstellung und will auch gar keine sein. Denn hier geht es zwar um Kunst, doch mehr noch um Diebstahl.

Nein, keine "schöne Schau", kein Platz zum Flanieren. Die Räume sind voll gestellt mit sperrigen hölzernen Kisten, die den Besucher zu einem Slalomlauf zwingen. "Vielleicht ist diese Ausstellung nicht für jedermann", sagt Museumsdirektor Michael Blumenthal noch vor der Eröffnung. Sie sollte es aber sein.

Denn »Raub und Restitution« lässt Fotos und Dokumente davon sprechen, wie die Nazis von 1933 an den Juden zuerst in Deutschland und später in fast ganz Europa ihr künstlerisches Eigentum gestohlen haben. Von Raum zu Raum, immer eine Wand entlang, wird diese Geschichte erzählt, angefangen mit Berufsverboten, die zum eiligen Notverkauf des Familienbesitzes zwangen, über Beschlagnahmungen ganzer Bibliotheken derjenigen, die das rettende Exil erreichen konnten, bis zu den Versteigerung des Hab und Guts von den Menschen, die in die Vernichtungslager deportiert wurden. Da hängt die Verfügung des Oberkommandos der Wehrmacht nach dem Frankreichfeldzug: »Reichsleiter Rosenberg hat beim Führer beantragt: 1.) die Staatsbibliotheken und Archive nach für Deutschland wertvollen Schriften, 2.) die Kanzleien der hohen Kirchenbehörden und Logen nach gegen uns gerichteten politischen Vorgängen zu durchforschen und das in Betracht kommende Material beschlagnahmen zu lassen«. Der Raub war Teil der Vernichtung. Es profitierten nicht einige Nazis, sondern Händler, Schnäppchenjäger, Galeristen - ganz normale Leute eben.

Die andere Wand aber zeigt den bis heute andauernden Versuch, den Bestohlenen, ihren Nachkommen und - wenn, wie in vielen Fällen, keine Nachkommen mehr da sind - jüdischen Institutionen ihr Eigentum zurückzuerstatten. Es beginnt mit Kunstschätzen, die in der Wochenschau von lachenden US-Soldaten aus Bergwerksstollen geborgen werden. Riesige Bücherberge lagern 1945 im Central Art Collecting Point in München. Die Alliierten im Westen machen Druck. Vieles geht tatsächlich schon bald an die Eigentümer - Museen und Sammlungen im Ausland - zurück. Das meiste eher nicht.

Restitution, ein hoffnungsloses Unternehmen? Sicher, denn deutsche Museen, Galeristen, Auktionshäuser und Sammler mochten sich nach dem Krieg nur äußerst ungern von ihren schönen Stücken trennen, die sie schließlich »in gutem Glauben« gekauft hatten. Und auch das gerade zehn Jahre alte Washingtoner Abkommen verpflichtet zwar die Museen zur Rückgabe gestohlener Kunst. Private dagegen lassen sich nicht zwingen, denn zivilrechtlich sind alle Ansprüche lange verjährt. Und schließlich liegt es in der Art vieler Gegenstände selbst, dass eine Rückerstattung schwierig bis unmöglich war und ist: Gestohlene Gemälde sind in aller Regel dokumentiert, oft finden sich alte Fotos, manchmal Spuren ihrer Provenienz. Anders ist es mit Bibliotheken oder Musiksammlungen. Sie wurden oftmals noch während der Naziherrschaft gefleddert und zerstreut, ihre Herkunft ist kaum mehr zu verifizieren.

Fünfzehn exemplarische Fälle sind zwischen den Wänden dargestellt. Sie machen Mut, zeigen sie doch zwangsläufig Beispiele erfolgreicher Restitution, wenn auch oft erst nach jahrzehntelangen Bemühungen. Corinths wunderbares Gemälde »Römische Campagne« hängt da. 1933 musste sich der Besitzer Curt Glaser, bis dahin Direktor der Berliner Staatlichen Kunstbibliothek, von dem Bild trennen, um seine Emigration finanzieren zu können. Das Auktionshaus Perl übernahm die Versteigerung, einer der vielen Profiteure von Raub und Diebstahl. Erzielt wurde nur ein Spottpreis. Nach dem Krieg kaufte die Gemäldegalerie im Niedersächsischen Landesmuseum das Bild von einem Händler - in voller Kenntnis seiner dubiosen Herkunft. Schließlich wolle man damit »die empfindliche Lücke wenigstens zum Teil schließen, die die sinnlose Aktion gegen die ,entartete Kunst' im Jahre 1937 gerissen hat«, wie deren Leiter Ferdinand Stuttmann damals schrieb.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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Die Witwe Curt Glasers erhielt 1963 von der Bundesrepublik Deutschland eine Globalentschädigung von 5.000 Mark, aber keines der Bilder aus der Sammlung ihres verstorbenen Manns. Erst vor einem Jahr, 64 Jahre nach dem Tod von Curt Glaser, ging das Bild an die rechtmäßigen Erben zurück.

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