_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Märkische Allgemeine vom 13. März 2009

Tödliche Medizin – Eine Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum dokumentiert die Untaten der Nazi-Ärzte.
 
Für den Wahn vom gesunden »Volkskörper« quälten und ermordeten Hitlers Doktoren Hunderttausende Kranke.


Von Frank Kallensee

BERLIN Die Idee war eine antike. Schon Platon ersann einen »Staat« als Fortpflanzungs- und Erziehungsgemeinschaft der Besten. Zwei Jahrtausende später hielt Thomas Morus den kontrollierten Beischlaf in seinem »Utopia« der Edelmenschen für erstrebenswert und in Thomas Campanellas »Sonnenstaat« sollten aus ähnlichen Erwägungen Sexualität und Fortpflanzung streng voneinander geschieden bleiben. Doch was hier noch Fantasie war, wendete sich ins Akademische, als Charles Darwin seine Theorie über die »Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« in die Welt gesetzt hatte. Warum sollte, was bei Tieren Gesetz war, nicht auch auf die Gattung Mensch übertragbar sein? Als »Wissenschaft vom guten Erbe« nahm die Eugenik jedenfalls für sich in Anspruch, bestimmen zu können, was »gutes Erbgut« war beziehungsweise wie dieses durch züchterische Eingriffe so aufzupeppeln sei, dass höhere Intelligenz, robustere Physis und reinere Schönheit herauskämen. Umgekehrt hieß das allerdings, den »negativen Genpool« zugunsten kommender Generationen auszumerzen. Womit wir bei der Ausstellung sind, die nun im Berliner Jüdischen Museum zu sehen ist.

Denn die »Tödliche Medizin«, die in Hitlers Reich zwischen 1933 und 1945 exekutiert wurde, baute sich ihre Legitimation aus biologistischen und sozialdarwinistischen Prämissen zusammen, die andere bereits vorgedacht hatten. Darwins Vetter Francis Galton zum Beispiel, der die Eugenik begründet hatte, oder deren deutscher Apostel Alfred Ploetz, der für die neue Forschungssparte den Terminus »Rassenhygiene« einführte. Von der Rassenhygiene war es dann nicht weit bis zum Rassenwahn – und der sollte zum Leitmotiv nationalsozialistischer Gesundheits- und Bevölkerungspolitik werden. Deren Ziel war die Befreiung von »Ballastexistenzen«, was in Zahlen 400 000 Zwangssterilisationen und europaweit 300 000 Krankenmorde bedeutete: Für einen erbgesunden arischen »Volkskörper« galten Behinderte, Unproduktive, »Artfremde« als unzuträglich und »Adolf Hitler als Arzt des deutschen Volkes« musste zu therapeutischen Gegenmaßnahmen nicht erst überredet werden.

Eine Ahnung von dem, was sich Nazi-Doktoren unter einem gesunden Volkskörper vorstellten, vermittelt der »Gläserne Mensch« im Entree der Schau. Zwar wurde dessen Prototyp schon 1930 in Dresden gefertigt, aber für ihre Propagandazwecke ging er in Serie. Anders als im Washingtoner Holocaust Memorial Museum, wo die Ausstellung erarbeitet und in gekachelten, kalte Klinikatmosphäre suggerierenden Räumen präsentiert wurde, wird in Berlin ganz auf die Wirkung der Objekte vertraut: Anthropologische Vergleichstafeln, Bestimmungsinstrumente für Augen-, Haut- und Haarfarben kommentieren sich also auf schreckliche Weise selbst. Vor allem jedoch sind es Fotografien, Filme und Archivalien, die den perfekt organisierten Horror belegen. Und den bruchlosen Übergang zu den Genoziden an Juden sowie Sinti und Roma. Man darf darum den Krankenmord durchaus als »Generalprobe« für den Holocaust verstehen.

Wie eng Ökonomie und Verbrechen ineinander verschränkt waren, zeigt die Beschleunigung des »Euthanasie«-Programms mit Kriegsbeginn: Die nach der Adresse der zentralen Planungsstelle für den Krankenmord in der Berliner Tiergartenstraße 4 benannte »Aktion T 4« kostete vom Januar 1940 bis zum August 1941 mehr als 70 000 Psychiatriepatienten das Leben. Sie wurden – unter anderem in Brandenburg-Görden – ins Gas geschickt. Jene, die sie dorthin schickten, sollten sich später wieder in Treblinka, Sobibor oder Belzec »bewähren«. Nach dem »T 4«-Stopp töteten die Heil- und Pflegeanstalten in Eigenregie weiter. Dass dafür nicht unbedingt »Luminal« gespritzt werden musste, beweist die »Hungerdokumentation« aus Eberswalde. Mit gezieltem Essensentzug ließen sich schließlich gleiche Ergebnisse erreichen.

Wo und wie gelitten, operiert, experimentiert, gestorben wurde, wird hier an und vor grau mäandernden Wänden augenfällig. Dass aber den oft nur in Listen und Akten erfassten Opfern auch Gesichter zurückgegeben werden, ist etwas, wofür das lauwarme Wort »verdienstvoll« kaum als Beschreibung taugt. Exemplarisch wird die Geschichte des Schuhmachermeisters Martin Bader erzählt, der in Folge einer Infektion mit der Spanischen Grippe Parkinson bekam, teils arbeitsunfähig und mehrfach eingewiesen wurde. Briefe, die er aus der Anstalt Bad Schussenried an die Familie sandte, und ein Tagebuch künden gleichwohl von unverstellter Daseinsfreude. Er wurde in die Tötungsanstalt Grafeneck transportiert.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Angesichts solcher Schicksale berührt seltsam, dass viele Täter nach 1945 ihre Karrieren nahtlos fortsetzen konnten. Ebenfalls Gesichter, die man sich merken sollte. Info: »Tödliche Medizin – Rassenwahn im Nationalsozialismus«: Jüdisches Museum, Lindenstraße 9-14, Berlin-Kreuzberg. Mo-So 10-20 Uhr. Bis 19. Juli.

In Kontakt bleiben über