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Die Welt vom 4. September 2009

Als Chefredakteure noch aus dem Feuilleton kamen

Von Tilman Krause


Eine Berliner Ausstellung über Theodor Wolff
Es gab eine Zeit, da war das Feuilleton die Basis von allem. Schriftsteller-Karrieren wie die von Joseph Roth und Kurt Tucholsky begannen hier, aber auch die von Chefredakteuren. Emil Faktor, der den »Berliner Börsen-Courier« leitete, kam aus der Kultur. Vor allem aber der überragende politische Journalist des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik, Theodor Wolff (»T.W.«), der von 1868 bis 1943 lebte. In seiner Jugend schrieb er Theaterstücke. Und mit Gerhart Hauptmann blieb er ein Leben lang befreundet.

Überhaupt verkehrte er auf dem Duzfuß mit den Größen der naturalistischen Schule, wie ein bezaubernder Brief vom damaligen Lieblingslandschaftsmaler der Berliner, Walter Leistikow, belegt. Nach einem Zechgelage schrieb der dem Gleichaltrigen: »Darf ich nun ferner Du zu Ihnen sagen? Ich bin im Zweifel, sag ich: Du - Sie? Sagt er: Sie? Du? Nu, Sie! Was denkst Du nu?« Wir wissen nicht, wie die beiden dieses protokollarische Problem gelöst haben, aber privat erfahren wir trotzdem einiges Neue über den großen T.W., nach dem der renommierteste Journalistenpreis des Landes benannt ist. Und zwar durch eine liebevolle Kabinettausstellung, die jetzt in Berlins Jüdischem Museum eröffnet wurde.

Das hübsche Meißner Porzellan aus dem Haushalt von Wolffs Eltern gleich in Vitrine Nummer eins gibt die Linie vor: Hier werden Streiflichter auf das bildungsbürgerliche jüdische Milieu des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts geworfen. Nicht ohne Wehmut taucht man ein in diese Welt, die nicht mehr ist.

Wolff hat es von Haus aus leicht gehabt. Jedoch sah er Privilegien als Verpflichtung. Als er 1894 seinen Posten als Pariskorrespondent des hochrenommierten »Berliner Tageblatts« antrat, setzte er zunächst alles daran, die von Revanchegedanken für die Niederlage von 1871 erfüllten Franzosen zu charmieren und schrieb vor allem stimmungsvolle Feuilletons. Doch als der Dreyfus-Skandal das Nachbarland erschütterte, bezog er Position für den zu Unrecht degradierten jüdischen Hauptmann. Unbestechlichkeit kennzeichnet auch sein Schreiben auf der nächsten Sprosse der Karriereleiter, als er 1906 Chefredakteur beim »Tageblatt« wird, was er bis 1933 bleibt: Er kritisiert den Kaiser und die deutsche Großmannssucht. Doch als Wilhelm II., dieses »Fabeltier der Moderne«, 1918 abtritt, ruft Wolff ihm ein faires Lebewohl nach und hebt Wilhelms Gespaltenheit hervor sowie die Tatsache, dass er ein Opfer seiner Berater war.

Oder nehmen wir seinen Leitartikel zur Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles, den man, auf eine Schautafel aufgezogen, in voller Länge in der Ausstellung nachlesen kann: Der Demokrat hat keinen Zweifel daran, dass aus diesem »Diktatfrieden« Schlimmes erwachsen wird. Dazu der Historiker Bernd Sösemann, der sich bereits durch viele vorzügliche Veröffentlichungen um das Andenken Wolffs verdient gemacht hat und auch dieser Schau helfend unter die Arme griff: »Er war kein Hellseher, er konnte einfach eins und eins zusammenzählen.« Das Leben Theodor Wolffs nahm kein gutes Ende: Obwohl er sich 1933 ins Exil nach Frankreich rettete, wurde er nach der deutschen Okkupation des Nachbarlandes inhaftiert. Gesundheitlich schon sehr geschwächt, blieb ihm immerhin das KZ erspart. Er konnte 1943 noch in Berlins Jüdischem Krankenhaus sterben.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Er wird gewusst haben, wovon nun im Jüdischen Museum jeder Brief und jedes Foto, jedes Buch und jeder Artikel zeugt: Mit Theodor Wolffs Tod ging eine Ära zugrunde, die für uns noch immer der Maßstab ist für politische Kultur, Qualitätsjournalismus und urbane Zivilisation. Wir sind, mit Bernhard von Chartres gesprochen, Zwerge auf den Schultern von Riesen. Und neue Riesen sind nicht in Sicht.

Jüdisches Museum, Berlin-Kreuzberg, bis 31. Januar 2010

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