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Berliner Zeitung vom 21. Oktober 2009

Wie viel Religion steckt im Essen?
Eine Ausstellung, die Hunger macht: Das Jüdische Museum zeigt »Koscher und Co.«

Barbara Weitzel


Bagel sind von den Karten großstädtischer Frühstückscafés nicht mehr wegzudenken. Die Falafel hat einen stabilen Platz in der Imbiss-Infrastruktur zwischen Currywurst und Döner. Dass Juden kein Schweinefleisch essen, ist bekannt, und von gefillte Fisch hat man auch schon gehört. Der Begriff »koscher« ist, dank eines reichhaltigen Angebots an Filmen und Kochbüchern gängig, bleibt aber dennoch für viele ein Synonym für ein undurchsichtiges Regelgestrüpp, mit seltsamen Vorgaben, wie, dass in jüdischen Küchen Milchiges und Fleischiges getrennt gekocht und gegessen werden. Eine neue Ausstellung im Jüdischen Museum bringt nun Licht in die jüdischen Speisegesetze, genannt die »Kaschrut«.

»Koche nicht ein Böcklein in der Milch seiner Mutter«, dieses Bibelwort, dass in den Büchern Mose dreimal ohne weitere Erklärungen auftaucht, sorgt dafür, dass in vielen jüdischen Haushalten vom Geschirr über die Handtücher alles zweimal vorhanden ist. Mit Nachweisen wie diesem und mehr als 700 Exponaten wirft »Koscher & Co.« Licht ins Dunkel eines religiösen Rätsels und kulturellen Kuriositätenkabinetts, in dem Bilder herumgeistern von Küchen mit zwei Spülmaschinen, Diskurse über das rituelle Schächten und Streit darüber, ob die Giraffe koscher ist oder eben nicht (sie ist es). »Koscher & Co.« zeigt vor allem eins: Religion und Essen, das greift viel weiter, umfasst, nun ja, die ganze Welt, indem es sie zugleich trennt und verbindet. Nicht zufällig verweist Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums, auf den religiösen Eifer, mit dem heute über Ernährung geredet und geschrieben wird: »Die Frage, was, wie und wie viel wir essen, ist zu einer Ersatzreligion geworden. Zeit, sich anzusehen, wie viel Religion tatsächlich im Essen steckt«, sagt Kugelmann. Um es vorwegzunehmen: Man staunt.

In zehn thematisch abgegrenzten und zugleich ineinander greifenden Räumen schlagen die Kuratoren inhaltlich wie künstlerisch einen Bogen durch Jahrhunderte und einmal um die Erde. Der Wechsel von einem Raum in den nächsten bedeutet dabei immer auch einen atmosphärischen Schritt in eine andere Welt, die doch stets Teil des großen Ganzen bleibt. Sah sich der Besucher im Raum der »Schöpfung« von verspieltem Gedränge der Kreaturen umgeben, empfängt ihn im Bereich »Gesetz« Strenge und Klarheit in Form alter Schriften, Gefäße und Utensilien.
Die Zimmer »Fleisch«, »Brot« und »Wein« präsentieren Informationen und Sinnenfreuden im Zusammenhang mit diesen drei Nahrungs- und Genussmitteln von hoher Symbolik und Schlüsselfunktion in Ritus, Fest und Alltag - das regt Neugier wie Appetit gleichermaßen an. Und während der Besucher noch schmunzelt über den betrunkenen Noah nach seiner ersten Begegnung mit dem Saft der Reben, breiten die Räume »Mahl« und »Genuss und Verzicht« schon ihr buntes Tuch heiliger Opferregeln, liebenswürdiger Sitten und fremder Rituale aus. Es folgt ein Raum schlichter Stille mit dem Titel »Brot des Elends«, der die Jahre 1939-1945 mit respektvoller Zurückhaltung beleuchtet. In dieser Zeit waren die jüdischen Speisegesetze vom täglichen Kampf um Lebensmittel und vom fantasievollen Einsatz unzureichender Essensmarken geprägt.

Bunt und alltäglich lädt schließlich das letzte Kapitel ein: Im Raum »Identitäten« geht es um die moderne jüdische Welt. Ikea-Küche, koschere Cornflakes und eine Skulptur aus Falafeln und Pitabroten erzählen von der erleichterten Einhaltung der Kaschrut im letzten Winkel der Erde durch die industrielle Fertigung koscherer Nahrungsmittel - aber auch davon, wie wichtig Rituale, Regeln und religiöse Gesetze für die Abgrenzung einerseits und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft andererseits in einer globalisierten Welt geworden sind.

Der Blick auf das Ganze offenbart sich auch darin, dass das Jüdische Museum nicht nur eine Brücke von den Ursprüngen des Judentums in die Moderne baut, sondern auch zwischen den Religionen - und den Künsten. Die heilige Kuh des Hinduismus begegnet dem Besucher ebenso wie das christliche Abendmahl in Gestalt der Hostie und das Alkoholverbot für Muslime. Da hängt der monumentale Kampf Jakobs mit dem Engel des französischen Salonmalers Alexandre Louis Leloir von 1865 neben den Fotografien des israelischen Künstlers Adi Nes aus diesem Jahrtausend. Eine Parade Schleichtiere wandert über die Wand, geheimnisvolle Lichtinstallationen säumen den Weg des Besuchers. Flüsterndes Geschirr kommentiert Jahrtausende alte Festrituale, und in jedem Raum steht ein Teller, von dem sich der Besucher elektronische Rezepte auf einen Löffel laden kann. Bei aller Vielfalt ist kein Raum überfrachtet. Auf ausschweifende Informationstafeln haben die Kuratoren verzichtet, sie lassen die Schriften sprechen, die Menschen und Dinge.

Man verlässt den Libeskindbau in jeder Hinsicht hungrig - nach noch mehr Wissen, nach Speis und Trank. Deswegen sollte man den Heimweg nicht antreten ohne den außergewöhnlichen Katalog: Elegant geschrieben und liebevoll gestaltet, bieten die dicht bebilderten Aufsätze und Anekdoten eine Art All-in-One. »Koscher und Co. Über Essen und Religion« ist ein von Gedanken und Fakten sattes Geschichtsbuch, eine humorvolle Geschichtensammlung, ein farbenprächtiges Bilderbuch, und ein kundiges Kochbuch in einem.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Vieles vergisst man nicht, etwa, dass um die Falafel ein Streit zwischen Arabern und Israelis entbrannte, weil beide die Kichererbsenbällchen als ihr Nationalgericht beanspruchten. Und, warum Bagel früher kleiner und leckerer waren: 85 Gramm legte die New Yorker Bagelbäckergewerkschaft »Local 338« um 1900 als Standardgewicht fest. Die Kringel waren etwa halb so groß wie heute üblich, aber eben auch fester und knuspriger.

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