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Die Welt vom 10. November 2009

Sehnsucht nach dem Exzess

Von Josef Engels


Das Berliner Jazzfest feiert den 70. Geburtstag des Blue-Note-Labels und macht Lust auf Unanständiges. Es ist gewissermaßen das Bernsteinzimmer des Jazz, das derzeit im Jüdischen Museum in Berlin zu besichtigen ist. Sagenumwobenes wird zum ersten Mal im Rahmen einer Ausstellung präsentiert: Bilder aus dem Archiv des Fotografen Francis Wolff, der 1939 mit einem der letzten Passagierschiffe Nazi-Deutschland verlassen hatte und in New York mit seinem Berliner Schulfreund Alfred Lion das Label »Blue Note Records« gründete.

Wolff dokumentierte in seinem Selbstverständnis bloß die Aufnahme-Sessions der Plattenfirma. Wenn man diese Fotos, darunter viele berühmte, aber auch genauso viele unbekannte, nun im Originalabzug sieht, muss man natürlich sagen: Der bescheidene Wolff erschuf den Jazz geradezu - als Lebensgefühl, Statement und Heimat für die künstlerisch Obdachsuchenden der Moderne.

Hier der heilige Ernst des John Coltrane, da der verschmitzte Schalk eines Horace Silver, der Trompeter Clifford Brown, kurz vorm Explodieren, nicht zu vergessen der Free-Jazz-Neuerer Ornette Coleman mit Mitstreitern kauzig im Schnee - zu diesem imaginären Staat freier, munterer und mutiger Geister möchte man unbedingt dazugehören. Gerade heute, wo schwer angesagte TV-Serien wie »Mad Men« die swingenden Sixties, das todschicke goldene Zeitalter des reuelosen Zigarettengenusses, wiederauferstehen lassen.

Dem empfehlenswerten, im Jazzpresso-Verlag erschienenen Prachtband zur Ausstellung (Francis Wolff/Jimmy Katz: Blue Note Photography, hrsg. v. Rainer Placke und Ingo Wulff, 204 S., 2 CDs, 70 Euro) lässt sich das hübsche Detail entnehmen, dass Wolffs Haltung beim Fotografieren - am Bauch die Rolleiflex, in der rechten Hand den Blitz - unter Eingeweihten den Namen »Freiheitsstatue« trug. Besser lässt sich Wolffs Arbeit, aber auch seine Emigranten-Biografie kaum auf den Punkt bringen.

Es ist ohnehin eines der offenen Geheimnisse des Jazz, dass es immer wieder die Zugewanderten, Unterschätzten, Unwahrscheinlichen sind, die dieser Musik stets aufs Neue Impulse geben. Das wurde auch beim diesjährigen Berliner Jazzfest deutlich. Das frische Blut kommt aus der Peripherie. Etwa aus dem westafrikanischen Benin, woher der Gitarrist Lionel Loueke stammt. Der trat zwar mit einem Schlagzeuger und einem Bassisten auf, hätte die Unterstützung aber eigentlich nicht nötig. Denn Loueke macht alles auf einmal. Er singt, dank Vocoder mehrstimmig, benutzt seine Zunge als Perkussions-Instrument und spielt Gitarre, wie es an keiner Jazzhochschule der Welt gelehrt wird. Afrikanische Folklorismen und amerikanisches Jazzrock-Nerdtum - beides für sich eher schwer erträglich - finden bei Loueke zu einer feinen Balance.

Auf einem ähnlichen Sonderweg befindet sich auch der US-Klavierspieler Vijay Iyer. Der Sohn indischer Einwanderer definiert das Piano-Trio-Genre ein Stück weit neu; da verbandeln sich Monksche Knarzigkeit, der Minimalismus eines Philipp Glass und Steve Reich sowie der dreckige Funk New Yorks mit pianistischen Morsezeichen zu einem anregend andersartigen Vokabular. Selbst ein herkömmliches Blues-Schema wird wieder interessant. Und der Westside-Story-Heuler »Somewhere« entpuppt sich als bizarr ausfransende klangliche Utopie von Drogensüchtigen.

Das Sprießen eigentümlicher Improvisations-Blüten jenseits des US-amerikanischen Mutterbodens kann man beim Jazzfest öfters beobachten: Der israelische Pianist Yaron Herman mit seinem eklektischen Mix aus Gegenwarts-Popbearbeitungen, Standards und eigenen, virtuos pulsierenden Stücken; das Lighthouse Trio des britischen Saxofonisten Tim Garland mit seiner melodiösen Weltkammermusik; nicht zuletzt die Samúel Jón Samúelsson Big Band, die mit ihrem Karnevals-Party-Funk vor Augen führte, dass man in Island aufgrund der Krise nun zwar anscheinend benutzte Kleidung und gebrauchte Musik auftragen muss - aber dennoch den Spaß nicht verloren hat.

Bei all dem könnte man glatt vergessen, dass das Berliner Jazzfest den 70. Geburtstag von »Blue Note« zum Schwerpunkt hatte - was einerseits eine schöne Geste gen Himmel zu den aus Berlin vertriebenen Gründern Lion und Wolff darstellte, andererseits aber auch die Gefahr nostalgischer Belanglosigkeit barg. Denn »Blue Note« war immer hörerfreundlich (»It must schwing!«, wie Alfred Lion zu sagen pflegte), selten Avantgarde und nie Provokation. Dass das vom Posaunisten Nils Landgren kuratierte Jazzfest ein wenig zu kuschelig, zu berechenbar, aber alles in allem dann doch jazzpolizeilich nicht zu beanstanden war (bis auf einen unpassenden Konzertblock mit Stammes- und Allerwelts-Pop-Musik aus Südafrika), kann man so gesehen als Erfolg verbuchen. That's Blue Note.

Will also heißen: Unterhaltung wird groß geschrieben. Aber mit einem gewissen Niveau. Trompeter Terence Blanchard pustet sich bei seiner benutzerfreundlichen Katastrophen-Bewältigungs-Musik im Gedenken ans überschwemmte New Orleans mit Filmorchester die Seele aus dem Leib, die NDR Big Band huldigt mit Gast-Pianisten Jacky Terrasson dem »Blue Note«-Zugpferd Horace Silver auf jazzorchestral fein getupfte Weise. Der Gitarrist John Scofield entdeckt seine Liebe zu Gospel, Blues und Effektgeräten, der Soul-Veteran Booker T. wuchtet Schweineorgel-Rock im Playalong-Format auf die Bühne. So weit, so nett.

Den starken Akzent auf 68er-Kaputtmachmusik, den das Berliner Jazzfest in den vergangenen Jahre hatte, gibt es bei Landgren ohnehin nicht mehr. Wenn nun etwa das Barry Guy New Orchestra seinen dirigierten Free-Jazz mit Elliot Sharps Gitarren-Sounds aus dem Bastel- und Folterkeller auf der Festspielhaus-Bühne kombiniert, wirkt das eher wie eine pflichtschuldige Verbeugung vor der Vergangenheit des Festivals.
Allerdings wünscht man sich schon fast wieder, dass jemand irgendetwas total Anstößiges auf der Bühne vollführen möge, wenn man beispielsweise den Muster-Post-Bop des Overtone Quartet von Dave Holland gewahrt. Da hat alles Hand und Fuß, da kennt Saxofonist Chris Potter sehr viele Skalen, aber man langweilt sich trotz des um Eigenwilligkeit bemühten Pianisten Jason Moran fast zu Tode.

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Es sind zwei viel geprüfte Männer, die beim Berliner Jazzfest letztendlich alle Herzen gewinnen. Zum einen der an den Folgen eines Schlaganfalls leidende Bassist Eberhard Weber, dem der Deutsche Jazzpreis verliehen wurde und der in seiner Dankesrede ein Feuerwerk an herrlich respektlosen Bemerkungen über gewisse Jazz-Glaubenssätze zündete. Zum anderen der 91-jährige Pianist Hank Jones, der ohne den mit einem beidseitigen Schulterbruch im Krankenhaus liegenden Joe Lovano das Blaue, Samtene und Ewigschöne aus dem Jazzhimmel auf die Erde herabholte. »Round Midnight«, »Oleo« oder »Nica's Dream« spielte Jones, schon tausend Mal gehörte Standards. Bei ihm aber möchte man sich die Stücke rahmen lassen und an den besten Platz im Herzen hängen - direkt neben die Fotos von Francis Wolff.

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