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Die Zeit vom 6. Mai 2010

Rauch in der Luft
Eine Ausstellung über die große jüdische Lyrikerin Nelly Sachs
  
Von Alexander Cammann


Zart sieht sie aus, die ältere Dame, die da vor dem Publikum im glanzvoll erstrahlenden Festsaal zierlich knickst. Hier in Stockholm, im Dezember 1966, beginnt das Bankett zu Ehren der Nobelpreisträger; der Hofknicks der nur 1,53 Meter großen Frau gilt dem schwedischen Königspaar. Zerbrechlich und würdevoll zugleich wirkt dieser Auftritt von Nelly Sachs; sie lächelt ebenso anmutig wie schüchtern.

Die Filmsequenz in Schwarz-Weiß, die diese Szene zeigt, kann man am Ende der bemerkenswerten Ausstellung sehen, die momentan im Berliner Jüdischen Museum der Dichterin gewidmet ist. Und spätestens angesichts dieser festlichen Augenblicke dürfte sich beim Besucher innere Bewegung einstellen. Denn nichts scheint in diesem Leben unwahrscheinlicher als dieser Augenblick des höchsten Ruhms: der Literaturnobelpreis, der ihr in jenem Jahr als erster deutschsprachiger Dichterin zugesprochen wurde.

Die Verleihung an sie wirkt wie ein Akt höherer Gerechtigkeit für diese 1891 geborene Berliner Jüdin, die am 16. Mai 1940 mit ihrer Mutter in einer der letzten Linienmaschinen vom Berliner Flughafen Tempelhof nach Schweden entkommen konnte, die erst dort im Exil in den vierziger Jahren unter dem Eindruck der Shoah zu einem unverwechselbaren lyrischen Ton fand, die immer nachts in ihrer nur wenige Quadratmeter großen Wohnung dichtete und die in den sechziger Jahren, als die öffentliche Anerkennung einsetzte, bereits von Verfolgungswahn heimgesucht wurde. Es ist eine tragische Paradoxie: Das Werk der Dichterin und ihr Erfolg beruhten nicht zuletzt auf jenen Schatten der düsteren Vergangenheit, die sie jagten und sie schließlich phasenweise in die Psychiatrie brachten. Vor vierzig Jahren, am 12. Mai 1970, starb Nelly Sachs, just an dem Tag, an dem ihr Dichterfreund Paul Celan in Paris beerdigt wurde.

Flucht und Verwandlung heißt die vom schwedischen Autor und Übersetzer Aris Fioretos kuratierte Ausstellung, die dem Besucher die fragile Dichterexistenz der Nelly Sachs in Erinnerung ruft. Zu sehen sind da also beispielsweise die Kette aus Mondsteinen, die sie zur Nobelpreisverleihung trug, Privatfotos, auf denen sie zusammen mit einer Freundin das Festkleid für den Anlass anprobiert – aber eben auch die ängstlichen Briefe an Celan, in denen sie von einer »Nazi-Spiritist Liga« berichtete, von der sie verfolgt werde. Fioretos gelingt eine Gratwanderung: Die Schau spürt der Person hinterher und zeigt Privatestes, ohne sie posthum zu verletzen. Gefallen hätte es der Dichterin wohl dennoch kaum. Denn dass Nelly Sachs diskret sein wollte, verdeutlicht das Zitat an der Wand aus einem Brief, den sie 1959 an den Germanisten Walter A. Berendsohn schrieb: Sie wolle »hinter meinem Werk verschwinden«; sie wünsche sich, »daß man mich gänzlich ausschaltet – nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen«.

Heimgesucht von inneren Dämonen wurde die sensible Nelly Sachs früh. Behütet aufgewachsen als Tochter des Gummifabrikanten William Sachs, trifft die Siebzehnjährige den »großen Anonymen« ihres Lebens. Wegen dieser unbekannten, vergeblichen Liebe – die sie angeblich in den dreißiger Jahren wiedertraf – verweigert sie die Nahrungsaufnahme; im Sanatorium, in dem sie sich deswegen von 1908 bis 1910 aufhält, ermutigt sie dessen Leiter Richard Cassirer, weiter zu dichten. Doch Nelly Sachs bleibt im Verborgenen, auch wenn 1929 ihr erstes Gedicht in der Vossischen Zeitung erscheint. Die Bindung zur Mutter wird nach dem Tod des Vaters 1930 zu einer Symbiose, die erst endet, als die Mutter 1950 stirbt; gemeinsam erleben sie unter der Naziherrschaft den sukzessiven Verlust des Vermögens. Buchstäblich in letzter Sekunde gelingt ihnen die Flucht; eine Freundin hatte von der greisen Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf eine Empfehlung erwirkt: »Es liegt mir daran, dass Fräulein Nelly Sachs Aufnahme in Schweden findet.« Das dürre, lebensrettende Schreiben findet sich ebenso in der Ausstellung wie die Postkarte, die ihr die berühmte Schriftstellerin 1921 schickte, nachdem sie von der jungen Frau ihr erstes, in kleiner Auflage erschienenes Büchlein erhalten hatte; Nelly Sachs hütete diesen »Schatz« ihr ganzes Leben.

Im Exil dann die Verwandlung. Nach dem Trauma der unerwiderten Liebe waren es nunmehr die Nachrichten von der Shoah, die den dichterischen Impuls auslösten: »O Schornsteine / Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes, / Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch / durch die Luft – «. Der erste Gedichtband der neuen Nelly Sachs erschien 1947 unter dem Titel In den Wohnungen des Todes im Berliner Aufbau-Verlag. Der Weg zum Ruhm führte über das jüdische Erbe; sie las Martin Buber und Gershom Scholem. Ein nicht begehbarer, kreisrunder Miniraum, darin die schwarze Schreibmaschine und Telefon, Hocker, Tisch und Liege: So wird in der Ausstellung jener »Urpunkt« symbolisiert, um den die Dichterin kreiste. Der Begriff stammt aus Scholems Übertragung des Sohars, eines Zentraltextes der jüdischen Mystik; Sachs hatte sich das Wort angestrichen.

Die junge Bundesrepublik wird in den fünfziger Jahren auf sie aufmerksam, Preise kommen in die kleine Wohnung, sie lernt Hans Magnus Enzensberger kennen. »Sie arbeitete immer«, erzählte »Mang«, der bei Suhrkamp ihr Lektor wurde, über »Li« bei der Ausstellungseröffnung. »Die Zeit der Verfolgungen hat für Nelly Sachs nie ein Ende gefunden.« Diese Einschätzung Enzensbergers gilt ebenso für Paul Celan, mit dem die dreißig Jahre ältere Dichterin eine nicht unproblematische Freundschaft aufrechterhielt. Beide empfanden sich als »Bruder« und »Schwester«; Bruder Paul ist Nellys Tröster, schickt ihr eine Rinde vom Platanenbaum und beruhigende Zeilen, wenn sie sich von Nazigeistern verfolgt fühlt, die er für machtlos erklärt: »Ich weiß es, weil ich spür, daß das Böse, das Dich heimsucht, das auch mich heimsucht –, wieder fort ist, ins Wesenlose zurückgewiesen, in das es gehört.« Jedoch sollte bei beiden die böse Heimsuchung nie verschwinden.

Parallel zur Ausstellung erscheinen die ersten zwei einer auf vier Bände angelegten, ebenfalls von Aris Fioretos verantworteten Werkausgabe, die Sachs Lyrik erstmals vollständig präsentieren (Gedichte 1940–1950, hrsg. v. Matthias Weichelt, 344 S.; Gedichte 1951–1970, hrsg. v. Ariane Huml und Matthias Weichelt, 426 S.; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2010; je 44 Euro); die noch fehlenden Bände werden ihrer Prosa, ihren Übersetzungen und szenischen Dichtungen gelten.

Dass ihr epigonal-romantisierendes Frühwerk hier keine Berücksichtigung findet, entspricht auch dem Wunsch von Nelly Sachs. Wiederzuentdecken ist eine Dichterin, deren singendes Tremolo heute vielleicht fremd klingt. Doch es ist das Pathos zäher Beharrlichkeit und des Weiterlebens, mit dem sich die gefährdete Nelly Sachs auf so unwahrscheinliche Weise neu erfunden hat.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Bis zum 27. Juni im Jüdischen Museum in Berlin, anschließend in Stockholm, Zürich und Dortmund. Der hervorragende Begleitband von Aris Fioretos ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro. Deutschlandradio Kultur sendet am Samstag, dem 15. Mai, von 0 bis 3 Uhr eine »Lange Nacht« zu Nelly Sachs (Wh. Deutschlandfunk, 16. Mai, 23 Uhr)

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