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Neue Zürcher Zeitung vom 20. Juli 2010

Mit Superman auf Nazi-Jagd
Berlins Jüdisches Museum geht der »jüdischen Farbe des Comics« nach
 
Von Joachim Güntner


Vor der Tür der Ausstellung »Helden, Freaks und Superrabbis« empfängt Superman die Besucher. Mehr als mannshoch ist die Statue im typischen blau-roten Dress, und grosse Wucht strahlt sie aus. Allerdings hat das Jüdische Museum in Berlin die Figur auf den Kopf gestellt, was den Anschein erweckt, als sei Superman, anstatt wie gewohnt die Welt zu retten, gerade dabei, sich nach vollendetem Sturzflug unangespitzt in den Boden zu rammen. Die Prise Ironie, welche die Ausstellungsmacher auf diese Weise der legendären Gestalt beigegeben haben, ändert aber nichts an dem Stolz, der in der Botschaft der Berliner Schau liegt: Superman und ebenso seine Nachfolger, Batman und die Fantastic Four, entstammen der Feder jüdischer Zeichner. Wer weiss das schon?

Patriotismus und Satire

Muss also das Genre der Superhelden, welches bis heute den amerikanischen Comic dominiert, endlich als »rundum jüdisch« erkannt und gewürdigt werden? Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Supermans Schöpfer, Jerry Siegel und Joe Schuster, verarbeiteten eine bunte Vielzahl mythologischer Einflüsse, und als ihr Held 1938 die Comic-Szene betrat, betrachteten sie dessen durchschlagenden Erfolg als Resonanz des amerikanischen Publikums auf die Arbeit zweier amerikanischer Künstler. Man sollte daher den Untertitel der Berliner Schau genau lesen. Er verweist auf »die jüdische Farbe des Comics« und behauptet keineswegs, Comics seien jüdischen Geistes oder Ursprungs. Eine solche Pauschalisierung wäre Unsinn. An den Strips in den Zeitungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts von New York aus dem modernen Comic den Weg bereiteten, beteiligten sich Juden nur schwach.

Umso stärker waren sie als Künstler und Verleger dabei, als Comics – »Superman« gab dafür den Startschuss – eigenständig wurden, sich von der Publikation in Presseerzeugnissen lösten und als Heft herauskamen. Stösst der Ausstellungsbesucher anfangs auf Vitrinen-Tische, die an europäische Ursprünge erinnern, weil die dort ausgelegten Bilderbögen Max-und-Moritz-Geschichten für Ausgewanderte erzählen, so führt der zweite Raum der Berliner Schau mitten hinein in die eigentliche Comic-Industrie, die mit dem Boom des Mediums Comicheft einherging. Jüdische Zeichner schufen mit Superman, Batman und Captain America patriotische Helden, die Adolf Hitler im Comic schon bekämpften, als die USA noch gar nicht in den Krieg eingetreten waren. 1952 dann machte der Patriotismus der Satire Platz. Im Unternehmen des jüdischen Verlegers Bill Gains, der sein Geld mit Horror-, Kriegs- und Science-Fiction-Comics verdiente, erhielt Redaktor Harvey Kurtzman freie Hand für ein neues Produkt: »MAD« erschien, das Magazin mit dem sehr speziellen Humor und dem ewig grinsenden Helden Alfred E. Neumann. Natürlich erfährt »MAD« in Berlin eine ausgiebige Würdigung.

Ungefähr in der Mitte der Ausstellung wird es psychedelisch: Projektoren lassen Lichtspiele über die Wände wandern, aus Lautsprechern ertönt Musik von Jefferson Airplane, und auf den präsentierten Comicstrips frönen schmuddelige Helden ihrer Paranoia und ihren sexuellen Obsessionen. Drogenexzesse, Gewaltphantasien, Selbstmorde, krude philosophische Gespräche rücken ins Bild. Willkommen in der schamlosen Welt von Robert Crumb, willkommen beim Underground-Comic! Auf Crumb, die Ikone der Gegenkultur von 1968 ff., antwortete als feministische Antipodin Trina Robbins. »Girl Fight« hiess Robbins erstes eigenes Comicheft, ein wütender Gegenentwurf zum oft brutalen Sexismus Crumbscher Prägung.

Nobilitierung

Underground blieb Underground, jedoch fächerten sich seine Themen auf. Nicht allein, dass das 1972 in San Francisco gegründete »Wimmen's Comix Collective« den Comic als Medium nutzte, um über Abtreibung, Missbrauch, lesbische Liebe oder Menstruation zu sprechen. Zudem begannen jüdische Künstler, offensiver als zuvor ihre Herkunft zu thematisieren. So fallen auch Art Spiegelmans Anfänge als Comiczeichner in jene Zeit. Sein später preisgekröntes Werk »Maus«, das die Verfolgung der Juden durch die Nazis als Genozid der Katzen an den Mäusen erzählt, befand sich 1973 noch im Stadium einer Kurzgeschichte, und ihr Personal trug deutlicher tierische Züge, als dies in der breiten, ausgereiften Version der Fall ist.

Die Phase, da Comics für Schund galten, deren Konsum der Jugend ernsthaft schade, gehört der Vergangenheit an. Die Berliner Schau legt es sogar nahe, dem Comic-Roman als neue Ausdrucksform jüdischer Literatur zu huldigen. Will Eisners Bildergeschichte »Ein Vertrag mit Gott« (1978) steht dabei für die Zäsur zwischen hoch und niedrig. Um den Unterschied zu kommerziellen Publikationen zu markieren, spricht man von der Graphic Novel oder davon, dass sich die »sequenzielle Kunst« besonders gut für Ausstellungen eigne, weshalb Museen dem Comic endlich die Türen öffnen sollten. Zur Nobilitierung des Genres haben jüdische Kreative ersichtlich beigetragen, wobei es zu den Ironien der Entwicklung gehört, dass sich, anders als in den USA und Europa, in Israel eine eigenständige Comicszene erst sehr spät, 1998, etablierte.

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Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics. Jüdisches Museum Berlin, bis 8. August 2010. Katalog 19.80 Euro.

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