_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Berliner Morgenpost vom 3. September 2010

Der Duft, der aus Berlin kam


Von Alexandra Kilian

Gerührt schaut Irene Scherk auf den Monitor. »Hallo, Papi«, sagt sie zu einem Foto, das auf dem Bildschirm aufflackert. Es zeigt ihren Vater, den 1995 gestorbenen Parfümeur Fritz Scherk. Wie er zum 75-jährigen Bestehen der Firma 1981 im Hotel Steigenberger ein Gedicht vorträgt, das er zu seinem Abschied, dem gleichzeitigen Ende des Unternehmens in Familienhand, verfasst hat.

Der Monitor, vor dem Irene Scherk steht, klemmt im Jüdischen Museum an der Kreuzberger Lindenstraße. Gestern eröffnete die Tochter von Fritz Scherk und Enkelin von Unternehmensgründer Ludwig Scherk die Kabinettausstellung »Du bist bei Parfümören angekommen« im Rafael Roth Learning Center des Libeskindbaus. Ein Großteil der Exponate zur Geschichte der Berliner Kosmetikfirma Scherk stammt von ihr, wie die Tagebücher der Großeltern und Fotos aus dem Familienarchiv. Sie lebt mittlerweile in Israel, ihr Bruder Peter Scherk ist aus der Nähe von Nürnberg zur Präsentation der Familiengeschichte angereist. Auch Regina Wenzel, eine ehemalige Mitarbeiterin, die von 1951 bis 1967 im Unternehmen wirkte, ist gekommen. Sichtlich bewegt erzählt die 77-Jährige von den Düften, den Flakons, den Puderdosen ihres damaligen Arbeitgebers. Und schaut immer wieder ungläubig zu den Geschwistern Scherk, die sie zuletzt im Kindesalter erlebt hat.

Erste Kosmetiklinien

Die Kosmetikfirma Scherk - ein Stück Berliner Unternehmensgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Duftbranche gewann nach ihrer Blütezeit in Frankreich um die Jahrhundertwende auch im deutschen Kaiserreich an Bedeutung. Unternehmer wie Moritz Albersheim, der 1892 die Frankfurter Parfümerie Dr. Albersheim gründete, und der ehemalige Albersheim-Angestellte Ludwig Scherk, bauten Duft- und Puderimperien auf, die erste einheitliche Parfüm- und Kosmetiklinien Deutschlands entwarfen und Dependancen im Ausland schufen. Trotz Krieg und Inflation führte Ludwig Scherk das Unternehmen zum Erfolg. In seinen Verkaufsläden am Kurfürstendamm 231, wo heute das Karstadthaus, ehemals Wertheim, steht und in der Joachimstaler Straße rechts vom Café Kranzler gingen Verkaufsschlager wie das Gesichtswasser im durchsichtigen Rundflakon über die Theke - ebenso in den Filialen in New York, Paris und London. Bekannte Produktdesigner wie Franz Karl Delavilla schufen das Design der Tuben und Dosen. In seinen Tagebüchern von 1918 bis 1931 schrieb Ludwig Scherk gemeinsam mit Frau Alice die Geschichte des Hauses nieder, erzählte vom Leben eines Parfümeurs, von seinen Reisen, Festen, der Musik der Zeit.

Seine Enkel Irene und Peter Scherk haben diese Tagebücher nun dem Jüdischen Museum vermacht - sie dokumentieren den Weg der Firma und das Schicksal einer gutbürgerlichen, deutsch-jüdischen Familie. Einer Familie, die um die Jahrhundertwende im Kaiserreich ein erfolgreiches Unternehmen aufbaut und nach seiner Blütezeit in den 20er-Jahren zu Zeiten des Nationalsozialismus die Fabrik, ihr Lebenswerk, notgedrungen verkaufen und emigrieren muss. »Wir waren schon einige Male so deprimiert, dass wir ans Auswandern dachten, aber man hängt ja mit jeder Faser an diesem deutschen Boden«, schrieb Alice ins Tagebuch. Infolge der Arisierungsmaßnahmen musste Ludwig Scherk seine Firma 1938 an die Schering AG verkaufen. In der amerikanischen Dependance wurden weiter Scherk-Produkte hergestellt - die Filiale war nicht Bestandteil des Kaufvertrages zwischen Schering und Scherk. Ludwig emigrierte nach England, starb 1946. Sein Sohn Fritz diente fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion, absolvierte eine Ausbildung im Zentrum der Parfümherstellung im südfranzösischen Grasse.

Doch im Gegensatz zum Vater, der Deutschland nie mehr wiedersehen sollte, kehrte Fritz Scherk zurück. 1959 kaufte er die Firma auf Drängen ehemaliger Mitarbeiter für 1,7 Millionen D-Mark von der Schering AG zurück und ließ den expressionistischen Backsteinbau des Architekten vom Chilehaus in Hamburg, Fritz Höger, an der Kelchstraße in Südende renovieren. Er startete mit 22 Mitarbeitern, wie auch mit Regina Wenzel, und nahm Verkaufsgaranten wie das Gesichtswasser, den Körperpuder wieder ins Sortiment. Bis 1969 führte Fritz Scherk das Traditionshaus fort. Dann musste er die Firma in wirtschaftlichen Nöten an ein amerikanisches Unternehmen namens Alberto-Culver verkaufen. Der Backsteinbau in Südende wurde vom pharmazeutischen Institut der Freien Universität übernommen.

Doch die elf Millionen D-Mark Kaufpreis kommen nie auf seinem Konto an. Jahrelang führte er Prozesse gegen die »Mafiafirma«, wie Regina Wenzel sagte, bis ihm letztlich das Unternehmen per Gerichtsbeschluss 1979 zugesprochen wurde. Längst heruntergewirtschaftet und Fritz selbst schwer herzkrank, schaffte er es nicht, an den Erfolg des Vaters anzuknüpfen. 1981 verkaufte er an das Unternehmen Lingner + Fischer, Produzent von Uhu und Odol. Und verfasste das Gedicht, das er zum Abschied vor seinen Mitarbeitern im Steigenberger Hotel vortrug.

Mit diesen Worten des Vaters vor Augen gehen Irene und Peter Scherk durch die Ausstellung. Sie führen den Besucher an Fotografien, Dokumenten, Werbeplakaten, Zeitungsartikeln und Produkten des Unternehmens entlang.

»Dass er das wieder aufgebaut hat«, sagt Irene Scherk und tippt ans Vitrinenglas. »Ja, richtige Scherkianer waren wir«, sagt Regina Wenzel. Fritz Scherk sei sehr großzügig gewesen, mehr Vater und Freund denn Chef der Angestellten. Jedes Jahr zu Nikolaus seien sie beschenkt, mit Sonderurlaub und Weihnachtsgeld bedacht worden. Auch zu den persönlichen Jubiläen, wie Frau Wenzels Zehnjährigem. Eine Uhr habe sie bekommen, filigranes schwarzes Lederband. Auch außerhalb der Firma sei der Chef sehr engagiert gewesen, 1958 gründete er das erste Montessori-Kinderhaus in Berlin. Und auf Betriebsfeiern habe er musiziert - und Gedichte vorgetragen.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Die flackern nun über den Monitor im Jüdischen Museum. Dank Tochter Irene Scherk, die dem Vater und Großvater ein Denkmal gesetzt und Berlin ein Stück Unternehmensgeschichte geschenkt hat.

Helfen Sie uns, ...

... unsere Website zu verbessern, indem Sie an unserer Online-Umfrage teilnehmen!
(Zeitaufwand: 1 Minute)

In Kontakt bleiben über