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Berliner Zeitung vom 28. September 2010

Zwangsarbeit, von der Volksgemeinschaft akzeptiert
Eine Ausstellung im Jüdischen Museum zeigt erstmals eine umfangreiche Darstellung über Arbeitsdienste als Instrument der NS-Gewaltpolitik


Von Harry Nutt

In der Villa des ehemaligen Verlegers Bernd Lunkewitz kam es im Jahr 2000 zu einer bemerkenswerten Begegnung zwischen dem jüdischen Historiker Arno Lustiger und dem Architekten Albert Speer. Schon nach wenigen Sekunden berichtete Lustiger, wie er als junger Mann in einem Lager für Zwangsarbeiter eingepfercht war, das Speers Vater, Hitlers Baumeister und Reichsminister für Kriegswirtschaft, errichtet hatte. Das keineswegs spannungsarme Aufeinandertreffen der beiden Frankfurter löste sich bald in eine Atmosphäre gegenseitigen Wissenwollens auf. Was sich in diesem Gespräch auf eindrucksvolle Weise vollzog, stand der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung erst noch bevor.

Zehn Jahre nach der Verabschiedung eines Gesetzes für die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft«, in dem der Deutsche Bundestag die Entschädigungsregelung für die Zwangsarbeiter des NS-Regimes formulierte, widmet sich nun erstmals eine umfangreiche Ausstellung diesem zentralen Kapitel deutscher Gewaltpolitik. Für Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum in Berlin, wo die Fotodokumentation auf rund 1000 Quadratmetern gezeigt wird, ist es die wichtigste Schau seit der so heftig umkämpften Wehrmachtsausstellung.

Wurde Zwangsarbeit bislang eher als Nebenaspekt der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wahrgenommen, so wird hier bewusst, dass es sich beim Einsatz von Zwangsarbeitern in Deutschland und in dessen besetzen Gebieten um einen genuinen Bestandteil der NS-Herrschaft handelt. Über 20 Millionen Menschen wurden zu Arbeitsdiensten gezwungen, und fast alle konnten es sehen.

Zwangsarbeit, so Volkhard Knigge von der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora, die die Ausstellung konzipiert hat, war ein öffentliches Verbrechen. Sie war staatlich organisiert und von der Volksgemeinschaft akzeptiert. Überall wurden Zwangsarbeiter eingesetzt: in Rüstungsbetrieben, beim Straßenbau, in der Landwirtschaft, im Handwerk und in Privathaushalten. Dabei war Zwangsarbeit keineswegs ein Abfallprodukt des 1939 entfesselten Kriegsgeschehens. Von Beginn an war sie Teil der rassistischen NS-Ideologie. Jeder Deutsche war aufgerufen, durch Arbeit seinen Beitrag zur Volksgemeinschaft zu leisten. Auf freiwilliger Basis wurde dies als Ehrendienst fürs Volk propagiert und gratifiziert. Im Gegensatz dazu wurden insbesondere die Juden als Arbeitsscheue stigmatisiert. Die rassistische Leistungsideologie bereitete so die gezielte Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik insbesondere über die Verbreitung eines segregierenden Arbeitsbegriffes vor. Anhand von Einzelfallstudien arbeitet die Ausstellung eine chronologische Entwicklung der Zwangsarbeit heraus, die nach der ideologischen Umcodierung ab 1939 im besetzten Europa radikalisiert wurde. Zwangsarbeiter waren nicht gleich. Es gab Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, Strafgefangene, Juden, Sinti und Roma sowie KZ-Häftlinge. Fast immer wurde der Tod der Arbeitssklaven in Kauf genommen.

Dieses düstere Kapitel der Vernichtungspolitik wird in der Ausstellung am Beispiel der so genannten Durchgangsstraße IV gezeigt. Die durch Ostpolen und die Ukraine führende Verbindung wurde als wichtige Nachschubstraße für die Wehrmacht von jüdischen Zwangsarbeitern ausgebaut, deren massenhaftes Sterben explizit geplant war. Die Arbeitskräfte wurden von den Wachmännern und Vorarbeitern brutal misshandelt, ausgezehrte Häftlinge erschossen.

Die Ausstellung macht auch auf widersprüchliche Entwicklungen aufmerksam, die mit den Versuchen einhergingen, den Qualen zu entgehen. In jüdischen Ghettos wie Litzmannstadt (Lodz) wurde das Bestreben, sich über Arbeit zu retten, schließlich zur Falle. Nährte die gesteigerte Produktivität im Ghetto zunächst die Hoffnung, den wilden Zwangsrekrutierungen entgehen zu können, wurde die Arbeitsleistung schließlich zu einem Instrument der Selbstselektion.

Kontakt

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Der zähe Prozess, der ab 2001 schließlich zur Entschädigung von Überlebenden der Zwangsarbeit führte, wurde vielfach als Erfolgsgeschichte bundesrepublikanischer Aufarbeitung aufgefasst. Die als internationale Wanderausstellung konzipierte Schau will indes das Bewusstsein dafür stärken, dass man allenfalls von einer sehr eingeschränkten Gerechtigkeit ausgehen darf. Viele Zwangsarbeiter standen gleich nach der Rückkehr in ihren Ländern unter Kollaborationsverdacht. Tausende sowjetische Zwangsarbeiter kamen aus den Lagern der Nazis und landeten kurz darauf im stalinistischen Gulag. Die Geschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit hatte aber bald nach 1939 eine europäische Dimension, deren Erschließung eine bedeutende Aufgabe für die Geschichtswissenschaft ist. Die Ausstellung im Jüdischen Museum leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

Zwangsarbeit. Jüdisches Museum, bis 30. Januar 2011. www.jmberlin.de

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