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Die Tageszeitung vom 29. September 2010

Der blonde Fensterputzer
  
Späte Aufarbeitung. »Nichtarbeitende haben zu verhungern«: Das Jüdische Museum Berlin zeigt die erste umfassende Ausstellung über Zwangsarbeiter im NS-Regime


Von Klaus Hillenbrand

Das Foto aus dem Jahre 1935 zeigt einen jungen blonden Mann mit nacktem Oberkörper bei der Arbeit. Er putzt ganz offensichtlich mit Hingabe die Scheiben eines Sprossenfensters. Darunter prangt ein riesiges Hakenkreuz, darüber zwei Worte: »Arbeit adelt«.
 
Auf einer Bildfolge von 1942 sind Frauen mit Kopftüchern zu sehen, viele Frauen. Sie tragen Kopftücher und schleppen einfache Koffer. Sie erreichen in Kolonnen eine Baracke. Andere junge Frauen sind mit ihrer Registratur beschäftigt. Ein Bild zeigt die Frauen, nun ohne Kopftuch, und wenige Männer, wie sie in einem Zimmer auf und an hölzernen Doppelstockbetten sitzen.

Die Fotos sind Bilder ein und derselben Medaille. Gezeigt werden sie auf der allerersten umfassenden Ausstellung in Deutschland über Zwangsarbeit im NS-Regime, die noch bis zum Januar im Jüdischen Museum Berlin gastiert. Das erste Bild, zu Beginn der Schau, symbolisiert die mythische Erhöhung des Arbeitsethos im Nationalsozialismus und entstand in einem Lager des Reichsarbeitsdienstes, den alle jungen Männer noch vor Ableistung ihres Wehrdienstes durchlaufen mussten. »Ehrendienst am deutschen Volke« nannte man so etwas.

Damals, 1935, hatte die Nazi-Zwangsarbeit ihre ersten Opfer bereits gefunden: Es waren zehntausende politische Gegner, die in Konzentrationslagern einsaßen und deren Widerstand dort mit stumpfsinniger, oft sinnloser körperlicher Arbeit gebrochen werden sollte. Oder die »Moorsoldaten«, wie sie sich selbst nannten, KZ-Insassen, die im Emsland Sumpfgebiete entwässern mussten. Ein grausames, doch im Nachhinein geradezu harmloses Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte.

20 Millionen Zwangsarbeiter

Denn die Frauen auf den Bildern von 1942 zeigen Zwangsarbeiterinnen aus Polen und der Sowjetunion, angekommen im Durchgangslager Berlin-Wilhelmshagen. Die Sklavinnen und Sklaven arbeiteten in der deutschen Rüstungsindustrie genauso wie auf dem Bauernhof, bei der Reichsbahn, auf Großbauten. Überall. Wer aus Russland kam und nicht mehr arbeiten konnte, verhungerte. Wer in Verdacht geriet, Widerstand zu leisten, den hängten sie auf. Wer schwanger wurde, dem nahmen sie das Kind und brachten es um. Sie zählten in die Millionen.

Auf 20 Millionen Menschen wird die Zahl der Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime geschätzt, etwa 13 Millionen arbeiteten in Deutschland, sieben in den besetzten Gebieten. Im Gegensatz zum Massenmord an den Juden, dieser »geheimen Reichssache«, war der Sklaveneinsatz sichtbar, das Leben und Arbeiten der Menschen so öffentlich wie eine Straßenbahnhaltestelle. Die gesamte deutsche Gesellschaft war einbezogen - und machte, in aller Regel, mit.

Die Nazis hatten lange gezögert, die »Fremdarbeiter« aus dem Osten ins Land zu lassen, aus Furcht vor einer »rassischen« und sittlichen Gefährdung des deutschen Volkes. Doch im Krieg fehlten immer mehr Arbeitskräfte. Die Zwangsarbeiter mussten die Lücken stopfen und helfen, den Krieg gegen ihre eigenen Völker zu verlängern.

Dabei unterlagen die Zwangsarbeiter, das macht diese sorgfältige Ausstellung deutlich, selbst einer perfiden Hierarchie. Ganz oben standen entsprechend der Rassen-Ideologie der Nazis die Frauen und Männer aus Frankreich, Belgien oder den Niederlanden. Am untersten Ende rangierten die »slawischen Untermenschen«: Polen, Ukrainer, Russen. Sie erhielten oft Essensrationen, die einen langsamen Tod herbeiführten. Sie bekamen bei kleinsten Vergehen drakonische Strafen. »Nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern«, schrieb Generalquartiermeister Eduard Wagner 1941. Darunter standen nur noch die Juden, eingepfercht in deutsche »Judenhäuser« und polnische Ghettos. Die meisten von ihnen wurden ohne Ansehen einer möglichen industriellen Nutzung ermordet. Wenige kamen etwa in der Rüstungsindustrie in den besetzten Ländern zum Einsatz, für die Nazis eine bedauernswerte Folge von Engpässen, ihre Vernichtung zum nächstmöglichen Zeitpunkt war fest geplant - und wurde, auch gegen ökonomische Logik, exekutiert.

Die Ausstellung, initiiert von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« - gemeinhin als Zwangsarbeiterstiftung bekannt -, verzichtet dankenswerterweise auf jedwede Knalleffekte und unangebrachte Inszenierungen. Sie lässt Dokumente sprechen, Zwangsarbeiter reden - und sie zeigt immer wieder Fotos, Fotos, Fotos. Es war für die Ausstellungsmacher von der Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora selbst überraschend, welch große Zahl an fotografischen Dokumenten bei ihren Recherchen zu Tage kamen. Das liegt wohl auch daran, dass Zwangsarbeit so öffentlich war. Doch die Bilder, in ihren historischen Kontext eingeordnet, wahren die Würde der Opfer.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Die Ausstellung ist auch ein Vermächtnis der Zwangsarbeiterstiftung. Von den 20 Millionen Betroffenen konnte sie noch 1,7 Millionen Menschen entschädigen. Alle anderen waren verstorben. »Die wichtigste Ausstellung nach der Wehrmachtsausstellung« nennt Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums, die Schau. Sie hat recht. Denn sie öffnet den Blick auf ein verschwiegenes Verbrechen, das doch unter aller Augen stattfand.

»Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg«. Bis 30. Januar 2011, Jüdisches Museum Berlin, Katalog 19,80 Euro.

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