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Berliner Zeitung vom 22. März 2011

Wie die Spitzen von Eisbergen
 
Gewalt und ihre Folgen: die Skulptur »Unten« des Israelis Micha Ullman im Jüdischen Museum Berlin


Von Ingeborg Ruthe

Micha Ullmans »Erinnerungslandschaften« benötigen nie viel Platz, umso mehr Begriffe wie Zeit, Sprache, Erde, Stille, Leere. Und Erinnerung. Die ist für den 70-jährigen Israeli nicht zu trennen von der Zukunft. Der Denkmalsbegriff des Bildhauers aus Ramat HaSharon bei Tel Aviv kennt nichts Monumentales. »Ich will den Betrachter einbeziehen, ohne erhobenen Zeigefinger Geschichte lehren, Haltungen anmahnen«, sagt der Künstler, der vor Jahren das stille, bestürzende Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung der Nazis 1933 auf dem Berliner Bebelplatz geschaffen hat - als leere unterirdische Bibliothek.

Das Jüdische Museum nahm jetzt Ullmans Installation »Unten« in seine Sammlung auf. Zusammen mit den schon vorher angekauften Sandzeichnungen ist das Ensemble seit Wochenende in der lichten Eric F. Ross Galerie ausgebreitet - und es kommt zu einem spannenden Dialog mit der Libeskind-Architektur, genau dort, wo sich am Ende des Ganges das begehbare »Memory-Void« befindet. Wenn das Thema des Juden Daniel Libeskind immer die Leerräume sind, so hat sich der Jude Ullman - welch künstlerische und seelische Verwandtschaft - dem Unsichtbaren, dem Abwesenden, dem Unzugänglichen verschrieben. Damit soll im Kopf »eine Räumlichkeit entstehen«.

»Unten«, letztes Jahr zum erstem Mal überhaupt öffentlich gezeigt in der Berliner Galerie Ochs, hat nun viel mehr Raum. Auf dem hellen Steinboden der Halle lagern zwölf eckige Skulpturenteile aus mit rotem Sand überzogenem, korrodiertem Stahl: Fragmente von Möbeln: Tische, Stühle, Hocker. Diese Reste einer Behausung oder vielleicht einer Schule, eines Büros, eines Restaurants markieren die schräg, im Winkel von 32 Grad förmlich im Boden steckenden Fragmente. Der karmesinrote Sand ist »Erdstoff« aus Micha Ullmans Heimat, von den Mittelmeerstränden und den Hügeln von Jaffa bis Haifa - diesen roten Sand gibt es sogar noch in Beirut. So schlicht dieses Material ist, so stark ist die Symbolik.

Sand und Rost werden zu einer Einheit von rotem Pigment. Die Eisenteile werden zu Zeugen einer Zerstörung. Eine gewalttätige Kraft hat sie durch den Raum geworfen und aufgeschlagen. Vielleicht wurde das Treibgut auch von einem mächtigen Wasser herangeschwemmt, einst Hab und Gut von Menschen, die es nicht mehr gibt.

Wer auf diesen Stühlen saß, wer an diesen Tischen schrieb und aß, ist fort und vergessen. Melancholisch wirkt diese formal so reduzierte Skulptur. Und sie erzählt von Schicksalen, die so konkret wie übertragbar sind, so vergangen wie heutig. Eine Katastrophe oder ein Verbrechen muss diesem heillosen Bild vorausgegangen sein. Die Assoziationen purzeln: Der Holocaust ist erinnert. Aber dieser Tage ist der Anblick auch von neuer beklemmender Aktualität, denken wir nur an die Bilder nach dem Erdbeben und dem Tsunami an der Ostküste Japans. An die Trümmer der Ortschaften und des zerstörten Atomkraftwerkes. Es ist ein Anblick wie im Land der letzten Dinge.

Eben das ist das Große, Gedanken- und Emotionsstarke an Micha Ullmans immer aus simplen Mitteln geformter Kunst: Sie erinnert in völlig unpathetischer Weise ganz konkrete Geschehnisse. Aber sie hat zugleich eine übergreifende Aussage. Ullmans Bilder und Skulpturen fassen das Bild einer Vergangenheit, die mit unscheinbaren Resten in die Gegenwart ragt, frappierend universell. Selbst die Wüste und das Meer werden bei ihm zu Orten, die viele Geheimnisse bergen, viele Geschichten verschluckt haben.

Ullman spricht vom Sichtbarwerden, aber von »nur der Spitze des Eisbergs«. Denn aller Zerstörung ging immer eine Gewalt voraus - ausgeübt von Menschen gegen Menschen und wider die Natur. Oder verursacht von der Natur, die zurückschlägt.

Das aber ist nun nicht mehr genau zu sehen. Ullman arbeitet mit Licht und Schatten, Veröffentlichtem wie Verschwundenem, mit Innen und Außen, wobei er die Gegensätze im Material harmonisiert: Das Innere der Skulptur wird zur äußeren Fläche, die Drei-Dimensionalität erscheint flach, Rost und Sand unterscheiden sich in ihrer Farbigkeit überhaupt nicht mehr.

Alles ist Rot. Mit Symbolik zu arbeiten, schafft Dimensionen: Rot, sagt Ullman, stehe für Leben, Leidenschaft, Energie, Berührung mit der Erde. Vor mehr als 70 Jahren kam der Bildhauer nahe diesen roten Sandstränden auf die Welt, als Sohn jüdischer Migranten aus Süddeutschland, die von da vor den Nazis nach Thüringen, von da nach Palästina geflohen waren. Seit ihn der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ausgerechnet 1989, im Jahr des Mauerfalls, nach West-Berlin einlud, er dann ab 1991 sogar an der Kunstakademie Stuttgart eine Professur hatte, ist ihm das Land, aus dem seine Eltern vertrieben wurden, beinahe zweite Heimat geworden. Immer wieder kommt er her, um hier Kunst zu schaffen. "Unten" hat er, wie die unterirdische Bibliothek, ganz und gar für Berlin gemacht.

In Korrespondenz mit dieser Installation im Libeskind-Bau entstanden Zeichnungen: Mit Sand geformte Motive von Stuhl, Tisch und Glas. So simpel die Dinge und Mittel sind, die Ullman dafür benutzte, wurden es doch gleichsam sakrale Hoffnungsbilder aus rotem Sand und Licht.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14 (Kreuzberg). Bis 1. Mai. Mo 10-22 Uhr, Di-So 10-20 Uhr. Micha Ullman wurde kürzlich mit dem höchsten israelischen Staatspreis, dem Israel-Preis, für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Die Skulptur »Unten« wird ab Juni auch im Jerusalemer Israel-Museum zu sehen sein.

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