_
Jüdisches Museum Berlin vor Ort Kinder, Schüler, Lehrer Online-Schaukasten Der Museumsblog »Blogerim«

Welt am Sonntag vom 24. Juli 2011

Jüdisches Museum wird größer
Auf dem Areal der einstigen Blumengroßmarkthalle in Kreuzberg entsteht ein Gebäude für die Museumsakademie
Eröffnung soll Mitte 2012 sein


Von Dirk Westphal

Wie ein riesiger Torso aus Beton, Glas und Stahlträgern steht sie da, die ehemalige Blumengroßmarkthalle in Kreuzberg. Die Rampen, an denen einst Lastwagen zum Be- und Entladen andockten, sind abgerissen, Türen aus ihren Angeln gesprengt. In der Halle ist nichts mehr von dem Treiben zu entdecken, das diesen Ort einst prägte. Wenn frühmorgens gegen vier Uhr die ersten Lastwagen von Tulpen, Chrysanthemen oder Rosen eintrafen und junge vietnamesische Blumenhändler bereits darauf warteten, diese zu ihren Läden weiterzutransportieren.

Nun ist die Halle leer geräumt. An einigen Stellen laufen Arbeiter umher. Hin und wieder ist das Kreischen von Kreissägen zu hören und das Schlagen schwerer Hämmer. Die Halle wird für das benachbarte Jüdische Museum umgebaut. »Wir wollen, dass dies ein Ort der Begegnung wird«, sagt Vize-Museumsdirektor Börries von Notz.

Das Bauvorhaben ist ambitioniert. Auf dem rund 6900 Quadratmeter großen Hallenareal werden drei große Kuben aus Holz errichtet. »Haus in Haus«-Konzept nennen das die Architekten, weil die Kuben unter dem Dach der Halle entstehen. Einer von ihnen sprengt buchstäblich alle Maßstäbe. Er wird direkt in die östliche Wand der ehemaligen Blumenhalle »geschoben«, sodass ein Teil künftig aus der Halle heraus- und in sie hineinragt.

Um Platz dafür zu schaffen, wurde ein Teil der Hallenwand herausgefräst. Durch den Kubus werden die Besucher des Museums später in die Halle gelangen. In ihr werden zwei weitere Kuben errichtet, die eine Bibliothek und einen Vortragssaal aufnehmen. Außerdem entstehen in der Halle Flächen für das Archiv des Museums, das bislang in recht beengten Verhältnissen in dem von Daniel Liebeskind Ende der 90er-Jahre errichteten Bau an der Lindenstraße untergebracht ist.

Das Archiv wächst stetig, weil immer wieder Nachlässe von Exilanten und Emigranten hinzukommen, die dem Museum oder Leo-Baeck-Institut gestiftet wurden, das mit dem Museum kooperiert. In dem Erweiterungsbau sollen auch Räume für das Fellowship-Programm entstehen. Akademiker können dort recherchieren, »wie ein fortschrittliches Land im 21. Jahrhundert damit umgeht, dass viele Menschen dort leben, die aus einer anderen Kultur stammen oder eine andere Religion haben«, sagt Direktor Michael Blumenthal.

Die Entwürfe für die spektakulären Kuben stammen von Daniel Libeskind. Den riesigen kistenähnlichen Bauten schreibt der Architekt eine doppelte Bedeutung zu. Sie sollen ein Symbol sein für die in aller Welt lebenden Juden und für das Archiv. Die aus Holz gefertigten Kuben hat der Architekt scheinbar willkürlich in die ehemalige Blumenhalle hineingesetzt. Der sich jedem rechtwinkligen Grundriss entziehende Entwurf ist typisch für den Stararchitekten.

Schon den vor zehn Jahren eröffneten Bau gegenüber der ehemaligen Blumenmarkthalle hatte Libeskind mit einem starken symbolischen Gehalt versehen. Aus der Luft ähnelt das silberfarbene Gebäude einem zickzackförmigen Pfeil oder einem »gesprengten Davidstern«, wie es Libeskind einmal bezeichnete. Auch er soll an die Diaspora erinnern.

Wer künftig als Museumsbesucher vom Hauptgebäude kommend durch den Eingangskubus in die Halle tritt, wird in ihr auch viel Grünes entdecken. Die Museumsmacher planen dort in Zusammenarbeit mit Gartenarchitekten eine mehrere Hundert Quadratmeter große begrünte Fläche. Welche Blumen und Sträucher gepflanzt werden, ist noch nicht abschließend geklärt. »Die Lichtverhältnisse und die fehlende Bewitterung und damit für die Gartenplaner eine Herausforderung«, sagt Projektleiterin Ulrike Filter.
Die Fenster in der Decke sind nach Norden ausgerichtet. »Diese Atelierlichtsituation garantiert für die Besucher der Bibliothek und des Archivs tagsüber ein gleichmäßiges Licht«, sagt Vize-Direktor Börries von Notz. Den Hallengarten sollen Besucher auch schon von außerhalb sehen können. Ein breiter Spalt teilt den Eingangskubus. Durch ihn hindurch kann man bis ins Innere des Gebäudes blicken.
 
Die Halle wurde zu Beginn der 60er-Jahre von dem Architekten Bruno Grimmek entworfen. Er hat auch das Amerikahaus an der Hardenbergstraße entworfen. »So wie dieses Haus verströmt auch die Blumenmarkthalle einen Hauch der Sixties, und das wollen wir auch so erhalten«, sagt von Notz.
 
Die Akademie soll auch in ökologischer Hinsicht Akzente setzen. Sie wird überwiegend natürlich belichtet und belüftet. Lediglich Archiv, Veranstaltungsraum und Bibliothek erhalten eine Klimatisierung. Im Keller stehen riesige alte Öltanks. Längst sind sie entleert. Nun stehen sie dort wie U-Boote in einem U-Boot-Bunker. Künftig sollen die Tanks als Reservoir für Regenwasser genutzt werden. Das spart Energie.
Neben der Halle sind zwei Stadtplätze geplant, die künftig von Wohn- und Geschäftshäusern umsäumt werden. Die Entwicklung des Areals betreibt die Blumenmarkt GmbH, der die Grundstücke rund um die Halle gehören. »Es soll ein lebendiges Quartier werden, das zum Hindurchflanieren animiert«, sagt Börries von Notz. Die Plätze würden begrünt, Bänke sollen zum Verweilen einladen.

Weil die Halle von den gegenüberliegenden Bestandsbauten des Museums durch die Lindenstraße abgetrennt ist, könnte die Straße möglicherweise mit übergroßen Fußgängerstreifen markiert werden. »Das hätte den Charme, dass das Quartier noch attraktiver für Fußgänger wird. Dass es etwas gut tuende Langsamkeit verliehen bekommt, dass Museumsbesucher entspannt zwischen den Bestandsgebäuden des Museums und der neuen Halle flanieren könnten, ohne Angst zu haben, von einem Raser umgefahren zu werden«, so von Notz. Solche »Shared Space«-Zonen hätten sich auch andernorts bewährt, etwa in Frankfurt zwischen der Zeil und der Hauptwache.

Noch führt um das ehemalige Blumengroßmarktgelände eine Mauer herum. Sie soll abgerissen werden, um Menschen in das Quartier zu locken. Das neue Museumsareal soll zur Belebung der südlichen Friedrichstadt beitragen. Das wünschen sich auch die Stadtplaner von Senat und Bezirk.

Tatsächlich gehörte die Gegend einst zu den belebtesten in Preußens. In dem Altbau des heutigen Jüdischen Museums war im 18. Jahrhundert das Kammergericht untergebracht. Justizbeamte aus Berlin und Brandenburg gingen dort ein und aus, Verteidiger und Ankläger. Gegenüber, auf der westlichen Seite der Lindenstraße, waren die Planetenforscher zugange. Dort lag eine der ersten Sternwarten Preußens.
Das Observatorium auf dem Areal zwischen Encke-, Bessel-, Markgrafen- und Lindenstraße sorgte für wissenschaftlich bedeutsame Ergebnisse. Der Astronom Johann Franz Encke entdeckte von dort aus mit seinem Mitarbeiter Johann Gottfried Galle und einem der modernsten Teleskope seiner Zeit die nach ihm benannte Teilung des Saturnrings und einen weiteren dunklen Ring rund um den Planeten.

Im Mai 1835 bezog Friedrich Wilhelm Bessel, der aus Königsberg nach Berlin berufen worden war, auf dem Gelände der Sternwarte Quartier. Bessel betrieb dort während eines dreimonatigen Aufenthaltes Pendelbeobachtungen für die Herstellung eines neuen preußischen Urlängenmaßes. Ein Hort der Spitzenforschung – damals. Heute erinnert an die Sternwarte nichts mehr.

Der Etat für die Erweiterung des Museums liegt bei rund elf Millionen Euro und wird vom Bund sowie aus privater Hand finanziert. Dass das Museum neu bauen konnte, hatte es auch seinen »American Friends« zu verdanken, großzügigen Spendern und Mäzenen, die sich dem Museum verschrieben haben. Der neue Museumsbau soll Mitte 2012 fertig werden und an allen Tagen des Jahres geöffnet sein.

Ursprünglich war die Fertigstellung bereits für Ende dieses Jahres geplant. Doch die Termine waren nicht zu halten. »Auf die ursprünglichen Ausschreibungen meldeten sich zum Teil gar keine Bieter. Zum Teil erfolgte zwar die Abgabe von Angeboten, die aber so wesentlich über den geplanten Kosten lagen, dass wir diese nicht annehmen konnten«, sagt Börries von Notz.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Ungeachtet dessen können die Museumsmacher auf eine erfolgreiche Bilanz zurückblicken. Das Jüdische Museum in Berlin hat in den knapp zehn Jahren seit seiner Eröffnung mehr als sieben Millionen Besucher gezählt. Ursprünglich seien pro Jahr 300.000 Besucher einkalkuliert worden, es wurden 750.000 – Tendenz steigend. Ihre erste große Aufgabe wird die Halle bald erfüllen.

Am 24. Oktober ist in ihr ein Festakt mit Dinner und 800 Gästen geplant. Das Museum ehrt Angela Merkel mit einem Preis für Verständigung und Toleranz. Zuvor lädt Daniel Barenboim in der Philharmonie. Ein fulminanter Start für eine Akademie.

In Kontakt bleiben über