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Berliner Zeitung vom 18. Oktober 2011

Verloren und angekommen
Das Jüdische Museum Berlin betreibt »Heimatkunde« und erforscht mit Werken von 30 Künstlern die nationale Identität.


Von Barbara Weitzel

Zu seinem 10-jährigen Jubiläum lässt das Jüdische Museum 30 Künstler auf Deutschland blicken. Nicht nur der Fremde, der Neue und andere, blickt bisweilen befremdet auf Deutschland. Unsicher, irritiert, mal abgestoßen, dann wieder fasziniert ergeht es auch denen, die schon lange in diesem Land sind. Den Deutschen, die »es kennzeichnet, dass ihnen die Frage Was ist deutsch? nie ausgeht«. Der Satz stammt von Nietzsche, und das Jüdische Museum lässt sie anlässlich seines 10-jährigen Bestehens 30 Künstler beantworten.

Ekel und Faszination, Verlorenheit und Ankunft sprechen aus den Antworten, gegeben in allen Sprachen der Kunst. »Heimatkunde« zeigt Objekte, Installationen, Filme, Musik, Gemälde und Fotos aus vielen Teilen der Welt – und doch stammen sie alle von hier. Mit diesem Ansatz richtet das Museum mehr noch als in bisherigen Ausstellungen den Blick weit über das Stammthema des Hauses hinaus.

Es ist kein leichter Spaziergang, Kopf und Brust sind schwer danach, voll von Bildern und Tönen, Gegenständen und Fragen. Doch auch gelacht hat man, kopfschüttelnd Vertrautes begrinst, wohlig geschaudert. Der deutsche Wald etwa, ein gleich mehrfach künstlerisch seziertes und neu arrangiertes Motiv der Schau, löst in der Darstellung von Lilly Engel und Raffael Rheinsberg zunächst Belustigung aus.
Die »Naturkunstzelle«, ein akkurat in die Schau hineingepflanztes Eibenheckenquadrat, kichert offensichtlich des Deutschen Liebe zum Schrebergarten heraus und überspitzt diese ins Groteske, indem ein Gedicht von Hans Arp das kleine Grün kommentieren darf: »Im Wald! Im Wald! Wo die großen grünen Bäume rauschen / ewig rauschen.« Hier passt nichts zusammen, und doch sehen wir Heimeliges und oft Besungenes, mit dem Lineal gezogene Empfindsamkeit.

Julian Rosenfeldt führt diese Heiterkeit zwar in seiner Filminstallation einerseits fort, indem er einen Waldarbeiter mit der Motorsäge Luftgitarre spielen und einen anderen den Boden fegen lässt, doch bringen die nebeneinander laufenden Zerstörungsszenen und der brutale Sound das Lachen schnell zum Gefrieren.
»Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land« nennt er seine Arbeit, nach einem Wort des deutsch-jüdischen Philosophen und Publizisten Theodor Lessing, der 1933 von Nazi-Attentätern im tschechischen Exil erschossen wurde. Seit an Seit mit den viel beredeten und beschriebenen Migrationshintergründen durchdringen die deutsche Vergangenheit, Krieg und Nachkriegszeit, Teilung und Vereinigung, Flucht und Vertreibung, Terror und Versöhnung wie Geflüster aus dem Off die ganze Schau.

Prozess der Ankunft
Auf einer ganzen Wand mit dem Titel »Das Leben, das Universum und der ganze Rest« ballt sich dann die jüngere deutsche Geschichte zu einem persönlichen Panoptikum der Geschwister Anny und Sibel Öztürk, geboren in Istanbul und Frankfurt am Main. Verspielt, mit Bedacht und chaotischer Sorgfalt lassen die Künstlerinnen eine deutsch-türkische Jugend aufblühen und erzählen neben der großen Geschichte viele kleine vom Ankommen und Bleiben. Eine bunte, heitere Geschichte.

Anders der in Teheran geborene Fotograf Maziar Moradi. Auch er bebildert den langwierigen und oft nie endenden Prozess der Ankunft, doch die eben noch empfundene Leichtigkeit wird in seinen großflächigen Porträts von einer kolossalen Einsamkeit und Ratlosigkeit erstickt. Die unsicher und trotzig vor einem rohen Hühnchen sitzende Frau, der Chirurg im nächtlich ausgeleuchteten Operationssaal, der seinen Personalausweis in der Hand hält, die unten herum entblößte Frau im Hinterhof, sie alle demonstrieren auf diesen meisterhaften Fotografien ihr »Ich werde Deutsch« – reglos, konfrontativ, eindringlich, ohne Klage.
Doch dass Vorläufigkeit und Ausgeliefertsein Erfahrungen sind, die nicht nur Menschen in einer neuen Heimat machen, das zeigt die Arbeit von Via Lewandowsky und Durs Grünbein auf geniale, da alltägliche Weise. Es ist ein Warteraum, wie ihn jeder kennt. Uniforme Stuhlreihen, Neonlicht, Stimmensummen, eine Anzeigentafel. »Windhauch, Windhauch« nennen die Künstler ihre betretbare Installation, und der poetische Titel verhöhnt förmlich die klaustrophobische Einsamkeit, die einen hier binnen Minuten eiskalt umarmt. Lähmende Angst ist nicht der Dunkelheit vorbehalten.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
Fax: +49 (0)30 259 93 400
k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Die genannten Beispiele und überhaupt die Schau zeigen: Die Frage nach dem Deutschen muss nicht in Ausgrenzung oder verbissene Selbstbespiegelung münden. Alle Arbeiten sind bedeutungsschwanger und unaufdringlich zugleich, produzieren Fragen statt Antworten, weiten den Blick, statt ihn zu verengen. Dafür sorgt schon die Erfahrung, selbst auf schwankendem Grund zu laufen: Die Architektur der Schau, ein weißer Boden über dem Boden, zackig und schräg der Gestalt des Libeskind-Baus nachempfunden, verwirrt Motorik und Sinne – und leuchtet die Begegnungen mit der (neuen) Heimat elegant und gnadenlos aus.

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