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art - das Kunstmagazin vom Dezember 2011

Mythenkitsch im Mixer
Anfängliches Misstrauen in Bezug auf Fragen nach nationaler Identität löst sich in der Ausstellung »Heimatkunde« in Wohlgefallen auf. Die Kunst ist nicht immer ein Werkzeug zur Identitätsbestätigung sondern auch augenzwinkernde Betrachtung von Ein- und Ausreise in einer globalen Welt


Von Kito Nedo

Es war der Kunstwissenschaftler Benjamin Buchloh, der Mitte der Achtziger anmerkte, dass es dem »dialektischen Potenzial der Kunst wesentlich« sei, »in der Sprengung der Identität diese neu zu konstitutieren«. Insofern schwingt immer ein wenig Misstrauen mit, wenn sich statt Soziologen und Meinungsforschern mal wieder eine Kuratorengruppe daran macht, Fragen der »nationalen Identität« mit Hilfe einer Gruppenausstellung zu überprüfen. Will sich in der progressiv daherkommenden Dekonstruktion nationaler Mythen nicht doch wieder die eigene Identität bestätigt sehen?

So verwundert es nicht, dass die Ausstellung »Heimatkunde« (englischer Titel: »How German is it?«) im Berliner Jüdischen Museum da am besten ist, wo sie die selbstbeauftragte Deutschlanduntersuchung vergisst oder zumindest einen Funken Selbstironie zulässt. Da ist etwa die Vier-Kanal-Projektion »Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land« von Julian Rosefeldt, der den ganzen Mythenkitsch um den deutschen Wald noch einmal durch den Mixer jagt, inklusive einer waldfegenden Joseph-Beuys-Figur – im blauen Hausmeisterkittel.

Kontakt

Katharina Schmidt-Narischkin
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 (0)30 259 93 419
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k.schmidt-narischkin[at]jmberlin.de

Zu den Höhepunkten zählt auch die Foto-Serie »Look at me I look at water« von Boris Mikhailov, der seltsame Straßenszenen aus Ost- und Westeuropa mit handgeschriebenen Kommentaren in Russisch und deren computerausgedruckten englischen Übersetzungen kombiniert. Interessant bleibt es auch da, wo die Kunst mit ihren Mitteln von der Freizügigkeit der freiheitlichen Bundesrepublik erzählt: Clemens von Wedemeyers Film- und Videoinstallation »Otjesd« handelt vom Stress russischer Einwanderer. Als Komplementär funktioniert Maria Thereza Alves’ internationale Obst- und Gemüsekunde »What is the Color of a German Rose?«, die deutlich macht, dass die internationalen Warenströme weit geschmeidiger organisiert sind als die Ein- und Ausreise für Menschen. Am Ende des Rundgangs steht man vor der unvermeidlichen Vitrine mit Deutschland-Devotionalen. Das Misstrauen ist verflogen: Wunderbar, die Kunst ist längst weiter.

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