Was ist koscher für ein Inhaltsstoff?

Über Hindernisse und Hürden beim Versuch, in Deutschland schicke Chanukka-Artikel zu besorgen

Michaela Conen

Alle Jahre wieder stehen Jüdinnen*Juden in Deutschland vor der Frage, wo sie ihre Chanukka-Utensilien herbekommen. In den Kaufhäusern lachen uns Weihnachtmänner an, die Regale quellen über mit mannigfaltigen Köstlichkeiten in glitzernden Verpackungen, und natürlich gibt es überall Adventskalender. Selbst die Pakete, die wir bekommen, sind lange vor dem Fest weihnachtlich geschmückt, doch weit und breit keine Chanukka-Artikel. Bei den üblichen „Verdächtigen“, den Geschäften mit jüdischer Literatur oder koscheren Lebensmitteln, gibt es wie immer die gleichen Pappteller und Dekoartikel mit dem Design von vor fünf Jahren. Da höre ich innerlich schon die Kinder sagen, „nicht schon wieder den gleichen Kram“. Also, was tun?

Erst einmal wird der große Chanukka-Leuchter blitzblank geputzt, dann noch schnell die Chanukka-Leuchter der Kinder aufpolieren, koschere Kerzen kaufen und den Computer hochfahren. Dann begebe ich mich im World Wide Web auf Spurensuche, um den Kindern neben all dem Weihnachtszauber das Chanukkawunder schmackhaft zu machen.

Fündig werde ich in Amerika. Dort ist man uns nicht nur im Chanukka-Entertainment meilenweit voraus, sondern hat auch jede Menge Kitsch zu bieten: Teddybären mit Chanukka-T-Shirts, koschere Schokoladenlollies mit Chanukkaleuchter-Dekor, elektronische Lichterspiele für das heimische Fenster.

Bunter Pappteller mit der Inschrift: "HAPPY HANUKKAH", drumherum Dreidels, Latkes und Magnej David

Party-Teller „Happy Hanukkah“; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2005/173/0, Foto: Jens Ziehe. Weitere Informationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen.

Nach zwei Monaten und einem Brief vom Deutschen Zollamt ist dann gewiss, dass ein Paket zur Abholung bereit liegt. Also geht es nach der Arbeit mit dem Brief in der Hand noch schnell zum Zollamt in der Kufsteinerstraße. Eine Dame am Anmeldetresen schaut gelangweilt auf die immer größer werdende Schlange, und es drängt sich die Frage auf, ob das heute noch was wird mit dem Paket. Das übliche „der Nächste bitte“, und schon liegt mein Brief direkt vor ihrer Nase. „Was ist denn in dem Paket? Was erwarten Sie?“ – „Chanukka-Utensilien“, sage ich. „Was ist das?“, erwidert sie erstaunt. Ich überlege, was ich ihr am besten antworte, schließlich ist es eine lange Geschichte über ein Wunder, über den Überlebenskampf und den Willen der Jüdinnen*Juden, ihren Glauben zu behalten. Ich beschränke mich auf das Wesentliche: „Chanukka ist ein jüdisches Fest“. „Ach so. So was wie Weihnachten?“, erwidert sie. „Nicht ganz.“ – „Ach das macht nichts, ich schreibe einfach Chanukka in das Formular und darunter Weihnachtsartikel.“

Das wäre wohl nicht ganz im Sinne der Makkabäer*innen (aramäisch Makkaba, der Hammer), die sich als jüdische Freiheitskämpfer*innen in Jerusalem gegen das Religionsedikt des Herrschers Antiochos IV. zur Wehr setzten. Doch als ich zur Erklärung ansetzen will, beginnt die Schlange unruhig zu werden. Immer noch über das Formular gebeugt, bittet sie mich, an den Computer vor Ort zu gehen, die Artikel aufzurufen, die ich online bestellt habe, und das Blatt auszudrucken, damit sie die Zollgebühren berechnen kann. Also bringe ich die Sache schnell hinter mich, denke ich, erhalte aber stattdessen eine Wartenummer und warte. Zwei Stunden später leuchtet die Nummer 284 auf, und ich begebe mich in den „Packraum“. Eine freundlich lächelnde Frau nimmt meinen Ausdruck entgegen und schaut mich neugierig an. „Sie haben Weihnachtsartikel bestellt?“ Ich verdrehe die Augen ein wenig und überlege, wo ich anfangen soll. Fange ich überhaupt an?

Chanukkia auf einem Tisch mit Geschenken, Luftballon und Teddybär

Chanukka-Utensilien; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Michaela Conen

Bevor ich etwas sagen kann, erklärt mir die Frau im Packraum: „Eigentlich sind es ja Lollies und deshalb müssen die Zollgebühren für Lebensmittel berechnet werden. Was ist denn in den Lollies drin? Ich meine, welche Inhaltsstoffe?“ Ich antworte, dass die Lollies koscher sind und ich nicht weiß, ob sie einen Beipackzettel haben. Als sie mich daraufhin fragt, was „koscher“ für ein Inhaltsstoff sei, damit sie nachschauen könne, wie der zu berechnen ist, gebe ich auf. „Chag Sameach!“ Das ist hebräisch und bedeutet sinngemäß „frohes Fest“.

Michaela Conen, Corporate Performance Management

Zwei Lollies mit Chanukkia-Motiv

Chanukka-Lollies; Jüdisches Museum Berlin, Foto: Michaela Conen

Zitierempfehlung: 
Michaela Conen (2012), Was ist koscher für ein Inhaltsstoff?. Über Hindernisse und Hürden beim Versuch, in Deutschland schicke Chanukka-Artikel zu besorgen.
URL: www.jmberlin.de/node/6649
Feiertage (12) Alte Riten, neue Bräuche Alle anzeigen

Alte Riten, neue Bräuche

Mitarbeiter*innen des Museums erzählen von besonderen Traditionen zu einzelnen jüdischen Feiertagen.

Taschlich-Schiffchen statt Brotkrumen

Shlomit Tripp über einen alten Neujahrsbrauch, neu praktiziert

Das Kol Nidre und die „bürgerliche Verbesserung der Juden“

Haim Mahlev über einen jahrhundertelangen Streit

Äpfel in Honig und Gefilte Fisch

Wie Museums­mitarbeiter*innen die Hohen Feiertage verbringen und was sie persönlich damit verbinden

Das Fest des Fahrrads

Avner Ofrath über Jom Kippur in Israel

Jüdisches Halloween

Naomi Lubrich über Süßigkeiten an Simchat Tora

„8 Facts“ rund um Chanukka

David Studniberg über den Tempel, die Makkabäer, Dreidel, Leuchter und Öl

Menurkeys für Thanksgivukka?

Signe Rossbach liefert Gedankenfutter und Rezepte für den außergewöhnlichen Fall, dass Thanksgiving und Chanukka zusammenfallen.

„If I were a rich mouse ...“

Michal Friedlander über Micky, Minnie und das Chanukkageld

Mit zehn Klappmaulpuppen und einer Reise-Chanukkia im Schlafwagen

Shlomit Tripp über ihre Chanukka-Tage mit der bubales-Familie

Was ist koscher für ein Inhaltsstoff?

Michaela Conen über Hindernisse und Hürden beim Versuch, in Deutschland schicke Chanukka-Artikel zu besorgen

Israelische Traditionen zu Tu bi-schwat

Avner Ofrath über Bäume, Obst und einen Hauch von New Age

Das große Putzen

Dana Akrish über Pessach in Jerusalem

Chanukka

Mehr zum Thema ...

Kaschrut

Mehr zum Thema ...