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Von der Theorie zur Praxis des Tora-Schreibens

Ein Interview mit Rabbiner Reuven Yaacobov

Während unserer Ausstellung Die Erschaffung der Welt mit illustrierten Hand­schriften aus der Braginsky Collection, arbeitete der Rabbiner und Tora-Schreiber Reuven Yaacobov in den Ausstellungs­räumen an einer Tora. Miriam Goldmann, Kuratorin der Ausstellung, hat ihn zu seiner Tätigkeit befragt.

„Nach dem jüdischen Gesetz muss eine Sefer Tora mit der schönsten Schrift und auf die beste und schönste Art und Weise geschrieben werden.“

Was muss man tun, um ein Tora-Schreiber, ein Sofer, zu werden?

Ein Sofer muss zuerst ein paar Jahre in einer Jeschiwa, einer orthodoxen Schule, lernen. Dort zeigt sich, ob der Mann religiös genug für diese Aufgabe ist. Dann fängt er an zu lernen, wie man eine Tora schreibt. Als erstes erlernt er die Theorie. Es gibt Gesetze, die darüber befinden, wer die fünf Bücher Mose, die Sefer Tora schreiben darf. Zum Beispiel darf eine Frau keine Tora schreiben, sondern nur ein Mann. Weiterhin muss diese Person ein orthodoxer Jude sein und ein orthodoxes Leben führen. Außerdem gibt es Gesetze, die bestimmen, auf welchem Untergrund und auf welche Art man eine Sefer Tora schreiben soll.

Tora Rolle in goldener Hülse mit filigraner Verzierung

Megillat Esther (Esther-Rolle): 18. Jh., Italien. Hülse: 17. Jh., Venedig oder Rom; Braginsky Collection, Zürich, Foto: Ardon Bar-Hama

Nachdem die Theorie erlernt wurde, fängt der Sofer an, die Buch­staben zu lernen, die man beim Schreiben der Tora verwendet. Es gibt eine besondere Art und Weise, wie man jeden Buchstaben schreibt. Nach dem Erlernen der richtigen Schreib­weise, schreibt der Sofer zuerst eine Megillat Esther (hebr.: Esther-Rolle), weil sie die leichteste von allen heiligen Schriften ist. Nachdem er die Megilla geschrieben hat, verfasst er die Schriften für Mesusot und Tefillim. Wenn er eine besonders schöne Handschrift erworben hat, fängt er an, eine Sefer Tora zu schreiben. Denn nach dem jüdischen Gesetz muss eine Sefer Tora mit der schönsten Schrift und auf die beste und schönste Art und Weise geschrieben werden.

Hier können Sie Rabbiner Reuven Yaacobov im Interview und bei seiner Arbeit sehen; Jüdisches Museum Berlin

Mit welchen Schrifttypen schreiben Sie?

Alle schreiben nach Ktav Ashuri, das bedeutet nach assyrischer Art und Weise. Nachdem die Juden aus Babylon zurück nach Israel gekommen sind, haben sie eine assyrische Schrift übernommen. Seitdem wird die Tora in dieser Schrift geschrieben. Es gibt eine aschkenasische und eine sefardische Schrift. Das Prinzip ist genau gleich, nur die Buchstaben sehen anders aus.

„Wenn man einen Text einmal schreibt, ist es, als ob man ihn zwölfmal gelesen hat.“

Können Sie den ganzen Text der Sefer Tora auswendig?

Wenn man zum ersten Mal eine Sefer Tora schreibt, hat man ein Exemplar als Vorlage, von dem abgeschrieben wird. Aber wenn man die Sefer Tora mehrere Jahre lang geschrieben hat, dann bleibt einem der ganze Text im Kopf. Man kann ein Buch zehnmal lesen, um einen bestimmten Text auswendig zu lernen. Aber wenn man diesen Text einmal schreibt, ist es, als ob man ihn zwölfmal gelesen hat. Nach zwei, drei Jahren hat ein Sofer deshalb auch die ganze Tora im Kopf.

Ich dachte um der Konzentration willen soll man Satz für Satz tatsächlich abschreiben nach einer Vorlage.

Ja, wir schreiben den Text von einer korrekten Vorlage ab. Bevor ich jedoch überhaupt mit dem Schreiben anfange, muss ich zuerst laut sagen, dass ich jetzt einen heiligen Text schreibe. Damit bereite ich mich für diese Prozedur vor. Wenn ich dann während des Schreibens zum Gottes­namen komme, sage ich, bevor ich den Gottes­namen schreibe: „Der Name des Herrn ist heilig.“ Dann wird das Wort geschrieben. Wenn man dies nicht vor jedem neu niederzu­schreibenden Gottes­namen sagt, ist die Tora nicht mehr verwendbar.

Das Interview führte Miriam Goldmann.

Zitierempfehlung:

Miriam Goldmann (2014), Von der Theorie zur Praxis des Tora-Schreibens. Ein Interview mit Rabbiner Reuven Yaacobov.
URL: www.jmberlin.de/node/7937

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