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Im Augenblick

Fotografien von Fred Stein


Im Augenblick. Fotografien von Fred Stein © Jüdisches Museum Berlin

Ein Augenblick kann entscheidend sein – im Leben wie in der Fotografie. Für den Fotografen Fred Stein waren es diese kurzen Momente, die sein Leben bestimmten, persönlich wie beruflich.

Fred Stein, im Profil, hält sich eine Kamera vors Auge

Fred Stein, fotografiert von Lilo Stein (1910–1997), Paris 1937
© Estate of Fred Stein

Als Sohn eines Rabbiners 1909 in Dresden geboren, wurde der überzeugte Sozialist Fred Stein nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gezwungen, seine Position als Jurist aufzugeben und Deutschland zu verlassen. 1933 konnte er unter dem Vorwand einer Hochzeitsreise mit seiner Frau Lilo nach Paris fliehen. Dort stand er vor der Herausforderung, aus dem Nichts eine neue Existenz aufbauen zu müssen. Eine Kleinbildkamera der Marke Leica, die sich Fred und Lilo Stein gemeinsam zur Hochzeit schenkten, gab den entscheidenden Impuls: Die Fotografie wurde seine neue Profession.

In Paris konnte Fred Stein nach kurzer Zeit ein eigenes Fotostudio einrichten. Bereits ab 1935 beteiligte er sich an mehreren Ausstellungen, zusammen mit namhaften Fotografen wie Brassaï, Man Ray, Dora Maar und André Kertész. Nach Ausbruch des Krieges gelang dem Ehepaar, nun mit gemeinsamer Tochter, erneut die Flucht.

Eine Frau sitzt auf einer Parkbank und hat eine in hebräischen Buchstaben geschriebene Zeitung auf dem Kopf

Zeitungshut, New York 1946
© Estate of Fred Stein

1941 erreichten sie mit einem der letzten Schiffe New York. Dort nahm Fred Stein die Fotografie wieder auf und nutzte, neben der Leica, eine Mittelformatkamera der Marke Rolleiflex. Die einfache Handhabung dieser Kameras ermöglichte es ihm, durch die Straßen zu flanieren und die Stadt und ihre Menschen in kurzen aber entscheidenden Augenblicken festzuhalten. Zeit seines Lebens konzentrierte er sich auf Straßenansichten und Porträts.

Die Ausstellung zeigt das Werk Fred Steins erstmalig umfassend in Deutschland. In mehr als 130 Schwarz-Weiß-Fotografien werden Straßenansichten aus Paris und New York sowie Porträts präsentiert. Darüber hinaus veranschaulichen private Dokumente sowie Original- und Kontaktabzüge Biografie und Werk des Fotografen.

Soziologie der Straße

»Du hast nur diesen einen Moment. Wie ein Jäger, der sein Ziel anvisiert, wartest du auf den Augenblick, der aussagekräftiger ist als alle anderen.« (Fred Stein)

Fünf Kinder sitzen auf dem Bürgersteig und lesen in einer Zeitung

Kinder lesen Zeitung, Paris 1936
© Estate of Fred Stein

Fotografie: Blick auf den Eifelturm, im Vordergrund ein Brunnen

Eiffelturm, Paris 1934
© Estate of Fred Stein

Eine Hochbahn, im Hintergrund Wolkenkratzer

Hochbahn in der Water Street, New York 1946
© Estate of Fred Stein

Ein mit hebräischen Buchstaben beschriftetes Schaufenster, davor Gemüse und ein Mann in Schürze

Geschäft, New York 1947
© Estate of Fred Stein

Eine Gruppe rauchender Damen auf der Straße, die in die Kamera schauen

Little Italy, New York 1943
© Estate of Fred Stein

Reklamewand am Times Square

Reklamewand, New York 1948
© Estate of Fred Stein

Ein Mann auf einer Parkbank, mit dem Rücken zum Betrachter

Mann auf Bank, New York 1941
© Estate of Fred Stein

Ein Mann mit Mütze und Stock vor einem großen Werbeplakat »Le Gaz« an einer Hauswand

Le Gaz, Paris 1935
© Estate of Fred Stein

Zwei Männer an einem Früchtewagen am Straßenrand

Früchtewagen, New York 1947
© Estate of Fred Stein

Ein Paar in Mantel und Hut, abends vor einer Confiserie

Abend in Paris, Paris 1934
© Estate of Fred Stein

Abend in Paris, Paris 1934
© Estate of Fred Stein

In den Städten seiner Emigration – in den 1930er Jahren in Paris und ab den 1940er Jahren in New York – fotografierte Fred Stein unzählige Straßenansichten, darunter auch Aufnahmen der jüdischen Viertel.

Neben klassischen Motiven der beiden Metropolen, entstanden zahlreiche Milieustudien und Charakterbilder. Sie stehen in einem soziologischen Kontext von Armut und einfachem Leben in der Stadt und zeigen Straßenarbeiter, Verkäufer, Obdachlose und Familienszenen. Fred Steins Blick verbindet das Alltägliche mit einem Sinn für den außergewöhnlichen Moment. Ebenso fällt sein Humor ins Auge, den er in seinen Bildern häufig aufblitzen lässt.

Psychologie des Porträts

»Die Kamera unterscheidet nicht zwischen Berühmtheiten und einem Niemand, zwischen einem guten Freund und einem völlig Fremden, wenn sich der Verschluss öffnet.« (Fred Stein)

Porträts von Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Joan Miró und Salvador Dalí

Bertolt Brecht (1898-1956), Paris 1935; Marlene Dietrich (1901-1992), New York 1957; Joan Miró (1893-1983), New York 1965; Salvador Dalí (1904-1989), New York 1963
© Estate of Fred Stein

Fred Stein bemühte sich die Personen, die er porträtierte, vor der Aufnahme kennenzulernen. Er setzte sich mit deren Werken und Denken auseinander. Nicht selten trat das Foto zugunsten hitziger Diskussionen in den Hintergrund. Oft wurde erst am Ende eines Treffens das Negativ belichtet. Viele Porträts enthalten so noch Spuren der Gespräche.

Zwei Fotos: Martin Buber auf einem Stuhl an einem Tisch, dahinter ein Bücherregal; und Thomas Mann, vom Schreibtisch aufblickend, die Brille in der Hand

Martin Buber (1878-1965), New York 1951; Thomas Mann (1875-1955), New York 1943
© Estate of Fred Stein

Wann

22. November 2013 bis 4. Mai 2014

Wo

Libeskind-Bau EG, Eric F. Ross Galerie

Eintritt

mit dem Museumsticket (8 Euro, erm. 3 Euro)

Über 1200 Porträts entstanden auf diese Weise. Sie lesen sich heute wie ein Who’s who prominenter Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Fred Stein verzichtete auf dramatische Lichteffekte oder nachträgliche Retuschen. Sinn der Porträtfotografie war für ihn »einen Ersatz (im Wege der Fotografie) für den lebenden Menschen zu schaffen, ein Bild, das über den äußeren und inneren Menschen aussagt«, wie er selbst in einem Brief beschreibt.

Peter Steins Eröffnungsrede am 21 November 2013 (in englischer Sprache) © Jüdisches Museum Berlin

Erfahren Sie mehr über ausgewählte Porträts:

Hannah Arendt
Albert Einstein
Willy Brandt
Arnold Zweig
Egon Erwin Kisch
Begleitpublikation
Buchcover »Fred Stein. Paris New York« mit dem Foto »Littly Italy«

Buchcover
© Fred Stein/Kehrer Verlag Heidelberg Berlin

Fred Stein. Paris New York,
hrsg. von Dawn Freer,
Heidelberg/Berlin: Kehrer Verlag 2013.

Festeinband mit Schutzumschlag,
24 x 31 cm,
200 Seiten, 128 Duotonabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-429-4
49,90 Euro

Hier können Sie sich das Vorwort von Cilly Kugelmann sowie den Beitrag der Kuratorin Theresia Ziehe herunterladen:

Biografie
Begleitprogramm zur Ausstellung

Ausschnitte aus der Ausstellungseröffnung am 21.11.2013 © Jüdisches Museum Berlin

30. Januar 2014, 18 Uhr
»Dresden vertrieb mich; so wurde ich Fotograf« - Kuratorenführung
13. Februar 2014, 19 Uhr
Poesie und Soziologie der Straße – Das Werk Fred Steins im Kontext der Fotografie seiner Zeit
13. März 2014, 18 Uhr
Making of »Im Augenblick. Fotografien von Fred Stein« – Führung durch die Sonderausstellung
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