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Keine Kompromisse!

Die Kunst des Boris Lurie


Plakat zur Ausstellung »Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie« mit einem Ausschnitt aus Luries Arbeit »NO with Mrs. Kennedy«

Das Jüdische Museum Berlin widmet Boris Lurie und seiner radikalen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert eine große Retrospektive. Lurie forderte von der Kunst und dem Kunsthandel politische Relevanz ein. Mit seinen viel diskutierten und umstrittenen Arbeiten klagt er eine Gesellschaft an, die der Auseinandersetzung mit Menschheitsverbrechen aus dem Weg zu gehen schien, indem sie ihre Zeugnisse zwischen Werbung und Alltagsbanalitäten verpackte.

Luries Collagen konfrontieren den Betrachter mit dieser fragwürdigen Rezeption der Schoa und provozieren »Entsetzen und Faszination« (Volkhard Knigge). Denn Lurie verbindet den Ekel gegen eine Menschheit, die zu millionenfacher Vertreibung und Massenmord fähig war, mit dem Abscheu vor einem selbstgefälligen Kunstbetrieb, der mehr am finanziellen Gewinn als an der künstlerischen Aussage interessiert ist.

Wann

26. Februar – 31. Juli 2016

Wo

Altbau 1. OG

Eintritt

mit dem Museumsticket (8 Euro, erm. 3 Euro)

Seine Zeichnungen schlagen hingegen einen anderen Ton an. Mit ihnen schuf der Künstler in der »War Series« von 1946 eine erste Bestandsaufnahme seiner eigenen Erfahrung von Verfolgung und Lagerhaft während der NS-Herrschaft. Mit seiner »Dance Hall Series« aus den 1950er- und 60er-Jahren wiederum entwarf er poetische Bilder seiner Zeit.

Ein Ausstellungsrundgang in Bildern

Die folgende Bildergalerie gibt einen Überblick über die Ausstellungsräume sowie die verschiedenen Werkgruppen Boris Luries, die unsere Retrospektive zeigt:

Blick in einen weißen Ausstellungsraum mit Bildern an den Wänden

Blick in den ersten Ausstellungsraum mit Werken der »Dance Hall Series«, der »Saturation paintings« sowie der »Love Series«.
Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Gemälde eines fragmentierten weiblichen Körpers auf schwarzem Grund

»Dismembered Stripper«, 1956. Die obsessive Beschäftigung mit dem weiblichen Körper zieht sich durch das gesamte künstlerische Schaffen von Boris Lurie. Die überwiegend in den 50er-Jahren entstandenen »Dismembered Women« bezeichnet Lurie als seine »Reaktion auf New York und auf Amerika. Fette und zerstückelte Weiber. Fett und doch zerstückelt. All das nach dem Hunger und Krieg in Europa.« Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Ein mit Farbe übermaltes Portrait eines Mannes, dessen Gesicht über der Krawatte nun unkenntlich ist

Für die 1963 entstandene Serie »Altered Portraits« benutzte Lurie ein Wahlplakat des Politikers Henry Cabot Lodge, der als Botschafter in Vietnam in ein CIA-Komplott gegen den Präsidenten der Republik Vietnam, Jean-Baptiste Ngô Đình Diệm, verwickelt war. Lurie brandmarkt hier die Indifferenz und Charakterlosigkeit moderner Politiker. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Düsteres Gemälde, auf dem viele Menschen von hinten zu sehen auf eine kleine Tür zustreben

Dieses 1946/47 entstandene Gemälde mit dem Titel »Back From Work – Prison Entrance« gehört zu den zahlreichen Arbeiten, in denen Lurie seine Lagererfahrungen künstlerisch bearbeitete. Zu den »Saturation Paintings« zählte Lurie auch die Kollagen aus den 1960er Jahren, in denen er historische Fotografien mit Pin-ups konfrontiert. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Ein Gemälde von drei in Schwarz leichtbekleideten Frauen sowie eine Zeichnung von einem engumschlungenen Tanzpaar

»Three Women«, 1955, und »Dance Hall Series 11«, 1963–67. Zu Beginn seiner New Yorker Zeit besuchte Lurie häufig Tanzhallen, wo sich Frauen für 50 Cent als Tanzpartnerinnen anboten. Sein Freund, der Beat-Poet Jack Micheline, berichtete: »Als Beobachter der wahnsinnigen Leidenschaften saß Boris Lurie an diesem Abend mitten unter diesen Menschen der Städte und zeichnete die Geschöpfe der Nacht.« Boris Lurie Art Foundation, New York, USA bzw. Privatsammlung, New York

Ein Raum mit verschiedenen Bildschirmen und an den Wänden eine Fototapete der Wände in Boris Luries Atelier

Im Medienraum, der Boris Luries Atelier imitiert, werden fünf Dokumentarfilme über seine Persönlichkeit und Arbeitsweise gezeigt.
Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Ein besprühter und beklebter Koffer mit Davidstern und Aufschriften wie »NO«, »Adieu Amerique!«, »Anti-Pop«

»Suitcase«, 1964. Davidsterne sind im Werk Luries ein stets wiederkehrendes Element, das in allen möglichen Formen auftaucht: in Beton gegossen, auf die Leinwand geritzt oder gemalt, aufgeklebt, genäht und in die Bildfläche gebrannt. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Bearbeitete Schwarz-Weiß-Fotografie eines gefesselten Menschen auf rotem Grund

»Love Series: Bound On Red Background«, 1962. In dieser Bildserie setzt sich Lurie mit körperlichem Zwang, Unterwerfung und Folter sowie der Verknüpfung von Voyeurismus und Kommerzialisierung von Erotik auseinander. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Ein schwarz-weiß gehaltener Ausstellungsraum mit Bildern an den Wänden und einem Tisch mit Fotos in der Mitte

Blick in den Ausstellungsraum mit Werken der »No«- und der »Pin-up«-Serie.
Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Collage mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Pin-ups

»Large Pinup #4«, 1960–70. Luries Atelier war raumgreifend mit Zeitungsausrissen halbnackter Frauen behängt. Er behauptete, seine Pin-up-Serie habe damit begonnen, dass versehentlich Schnipsel auf eine Leinwand herunterfielen. 1975 schrieb er in einem Essay über »die Kultur, deren Wahrheit sich in der Pornographie ausdrückte: Hart, hässlich, schmutzig, ekelhaft.« Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Über dem Bild eines liegenden Pin-ups stehen die Buchstaben SLAVE, das L ist etwas nach unten versetzt.

Dieses Werk von 1972 gehört zur Serie »Hard Writings«, die zwischen Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre entstand. Über historische Fotografien, Bilder aus der zeitgenössischen Berichterstattung oder aus Männermagazinen malte Lurie Worte, die verschiedene Bedeutungsmöglichkeiten aufrufen. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

In Rot steht »NO« auf schwarz-orangem Grund.

»No (Red and Black)«, 1963. Gemeinsam mit seinen Künstlerfreunden Sam Goodman und Stanley Fisher gründete Boris Lurie im Jahre 1959 die NO!art-Bewegung. Das NO! wurde Anfang der 60er-Jahre ein dominierendes Motiv in Luries künstlerischem Werk. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Ein Ausstellungsraum mit orangen Wänden, an denen viele gerahmte Zeichnungen und Ölbilder hängen.

Blick in Ausstellungsraum, der Luries Familie und seiner »War Series« gewidmet ist.
Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Gerahmtes Ölgemälde einer Frau mit Kopftuch

»Portrait Of My Mother Before Shooting«, 1947. Lurie gelang es, während seiner vierjährigen Lagerhaft eine Mappe mit Familienfotos zu retten, die er aus der verlassenen Rigaer Wohnung mitgenommen hatte. Zwischen Papieren, Zeitungsausschnitten und Zetteln hing an den Wänden seines New Yorker Ateliers dieses Porträt seiner Mutter, das kurz nach Luries Ankunft in New York aus der Erinnerung entstand. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Eine Graphit- und eine Tuschezeichnung mit Szenen aus Konzentrationslagern, auf letzterer steht »The way of liberty?«

Nach seiner Ankunft in New York im Juni 1946 begann Lurie mit einer Serie von Zeichnungen, Tuschearbeiten und kleinen Aquarellen, auf denen der 22-Jährige die Erinnerungen an seine Odyssee durch Ghettos, Arbeits- und Konzentrationslager sowie die Zeit nach seiner unmittelbaren Befreiung festhielt. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Collage mit Davidstern und den Worten »A Jew Is Dead«

»A Jew is dead«, 1964. Ende der 50er-Jahre stand Lurie kurz davor, New York den Rücken zu kehren, um sich in Italien oder Frankreich niederzulassen. Nach Beendigung einer zehnjährigen Beziehung hielt ihn nichts mehr in einem Land, dessen Gesellschaft und Politik er immer abgeneigter gegenüberstand. Seine Wort-Bild-Collagen der Serie »Adieu Amerique« ziehen Bilanz. Boris Lurie Art Foundation, New York, USA

Skulpturen wie etwa Äxte in Holzklötzen auf weißen Säulen spiegeln sich in einem großflächigen Spiegel an der Wand

Die Ausstellung zeigt auch verschiedene Skulpturen Luries, z.B. aus der »Axt Series«. Bereits 1964 hatte er in der »NO!Sculpture Show« Shit-Skulpturen ausgestellt, um dem New Yorker Kunstbetrieb zu zeigen, was er von ihm hielt. Seine Serie »Knives in Cement« aus den frühen 70er-Jahren nahm mit der Unbeweglichkeit und Unbrauchbarkeit der Macheten Bezug auf das Ende aller revolutionären Impulse in Kuba. Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Die Ausstellung zeigt auch verschiedene Skulpturen Luries, z.B. aus der »Axt Series«. Bereits 1964 hatte er in der »NO!Sculpture Show« Shit-Skulpturen ausgestellt, um dem New Yorker Kunstbetrieb zu zeigen, was er von ihm hielt. Seine Serie »Knives in Cement« aus den frühen 70er-Jahren nahm mit der Unbeweglichkeit und Unbrauchbarkeit der Macheten Bezug auf das Ende aller revolutionären Impulse in Kuba. Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff


Luries Leben
Schwarz-weiß Fotografie eines Mannes mit Schnurrbart, Hut und Lederjacke in einem Atelier

Boris Lurie im Sixth Street Studio, 1977
Foto: Joseph Schneberg

Boris Lurie, der 1924 als Sohn einer jüdischen Familie in Leningrad geboren wurde und in Riga aufwuchs, überlebte gemeinsam mit seinem Vater mehrere Ghettos und Konzentrationslager, unter anderem Stutthof und Buchenwald. Seine Mutter, Großmutter, jüngere Schwester und seine Jugendliebe wurden 1941 bei einer Massenerschießung ermordet. Diese Erfahrungen haben Boris Luries Leben nachhaltig geprägt.

1946 wanderte er mit seinem Vater nach New York aus. Mit einer Gruppe befreundeter Künstler gründete er 1959 die »NO!art«-Bewegung, die sich dem Abstrakten Expressionismus und der Pop-Art, vor allem aber der Ökonomisierung der Kunst entgegenstellte und sich politischen Themen wie etwa Rassismus, Sexismus und Konsumkultur widmete.
Boris Lurie starb am 7. Januar 2008 in New York.

Begleitpublikation
Führungen durch die Ausstellung
Begleitprogramm

Aus der Eröffnungsveranstaltung am 25. Februar 2016: Begrüßung durch Cilly Kugelmann, Programmdirektorin unseres Museums; Worte zur Ausstellung von Anthony Williams, Boris Lurie Art Foundation © Jüdisches Museum Berlin

Die Ausstellung wird von einem Veranstaltungsprogramm begleitet:

Über die Kunst des Boris Lurie
Filmpremiere am 21. März 2016
Der Holocaust und das Problem der visuellen Repräsentation
Vortrag von Peter Weibel am 30. Mai 2016
Shoah & Pin-ups: Der NO!-Artist Boris Lurie
Montagskino mit anschließendem Gespräch am 6. Juni 2016
Annäherungen an Boris Lurie: NO!art und die Verweigerung des Kunstmarkts
Podiumsdiskussion am 13. Juni 2016
A Quiet Place in the Country
Montagskino am 4. Juli 2016
The Grey Zone
Montagskino am 11. Juli 2016
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