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Kontroversen und Widersprüche


Die vereinbarten Konzepte enthielten in der Frage der organisatorischen Eigenständigkeit des Jüdischen Museums im Berlin Museum und in Bezug auf die konkrete Umsetzung des »integrativen Konzepts« viele vage Formulierungen und Kompromissformeln. Durch die Architektur Daniel Libeskinds hatten sie eine weitere neue Interpretation erfahren. Im Laufe der 1990er Jahre spitzten sich die Konflikte zwischen den verschiedenen Parteien immer mehr zu. Verschiedene Faktoren spielten dabei eine Rolle: 1.) die Rezeption des architektonischen Entwurfes, 2.) die Frage der Umsetzung der Konzeption und der Nutzung der Räume im Libeskind-Bau, sowie 3.) der Zusammenschluss des Berlin Museums mit dem Märkischen Museum im Ost-Teil Berlins zur Stiftung Stadtmuseum.

Daniel Libeskinds Entwurf:
Erweiterungsbau des Berlin Museums oder Jüdisches Museum?

Der Berliner Senat beabsichtigte, den Entwurf von Daniel Libeskind zu realisieren und gleichzeitig an dem festgelegten »integrativen Konzept« festzuhalten.
 

Innenansicht des Jüdischen Museums Berlin, 2. Obergeschoss mit Fensterschlitzen

Innenansicht des Jüdischen Museums Berlin, 2. Obergeschoss mit Fensterschlitzen, 1999
© Silke Helmerdig

Die meisten der 1988/89 für den Wettbewerb eingereichten Architekturentwürfe teilten die zu nutzende Fläche auf und wiesen, wie in der Ausschreibung vorgesehen, etwa ein Drittel dem zukünftigen Jüdischen Museum zu. Daniel Libeskinds Konzept hingegen arbeitet mit der symbolischen Einschreibung der durch den Nationalsozialismus ausgelösten Traumata in die Berliner Stadtgeschichte.

Inspiriert durch Walter Benjamins Essay »Einbahnstraße«, das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer des Holocaust, das unsichtbare Beziehungsgeflecht zwischen Juden und Deutschen und den unvollendeten letzten Akt von Arnold Schönbergs Oper »Moses und Aron« schuf er mit den »Voids« Hohlräume, die dem Haus eine besondere Atmosphäre geben. In der missverstandenen Rezeption des Holocaust als »jüdischer Geschichte« wurde der Entwurf Libeskinds denn auch als Symbol für ein »jüdisches« Museum verstanden.

Zahlreiche Veröffentlichungen aus den frühen 1990er Jahren bezeichneten den Entwurf bereits verkürzt als »Jüdisches Museum«. Im Kontext der Debatte um das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas wurde das Gebäude verstärkt als ein Holocaust-Denkmal wahrgenommen.

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Helmuth F. Braun, Leiter der Wechselausstellungen, über die Architektur des Libeskind-Baus vor der Museumseröffnung

Kompetenzstreit

Zu Beginn der 1990er Jahre fusionierte der Berliner Senat im Zuge der Wiedervereinigung auch die stadtgeschichtlichen Museen Berlins: Aus dem West-Berliner Berlin Museum, dem Ost-Berliner Märkischen Museum und weiteren Institutionen aus beiden Teilen der Stadt entstand im Juni 1995 die Stiftung Stadtmuseum Berlin. Generaldirektor der Stiftung Stadtmuseum wurde der für Museen zuständige Senatsreferent Reiner Güntzer.

Cover der Broschüre zum Richtfest des Jüdischen Museums Berlin

Broschüre zum Richtfest des Jüdischen Museums Berlin, 1995

Durch die Vereinigung der stadtgeschichtlichen Sammlungen zur Stiftung Stadtmuseum Berlin 1995 verschob sich auch das Gewicht des Jüdischen Museums im Verhältnis zu den übrigen Sammlungsbereichen. Das Jüdische Museum war nun eine von fünf »Hauptabteilungen« mit zwei von insgesamt 23 »Abteilungen« dieses Museumsverbundes. Die ursprüngliche Idee des »integrativen Konzepts«, eines gleichberechtigten Nebeneinanders von jüdischer und Berliner Geschichte, Minderheits- und Mehrheitsperspektive geriet in Schieflage. Die Ausstellungs- und Depoträume des Erweiterungsbaus sollten nun nicht nur Bestände des Berlin Museums sondern auch Teile der wesentlich umfangreicheren Sammlungen des Märkischen Museums aufnehmen.

Kurz vor der Museumsfusion, im Sommer 1994 war der israelische Kunsthistoriker und Kurator Amnon Barzel zum Leiter der »Abteilung Jüdisches Museum« als Direktor berufen worden. 1995 erläuterte er seine Interpretation des »integrativen Konzepts«. Er vertrat die Auffassung, dass das Jüdische Museum die Geschichte der Mehrheitsgesellschaft aus der Perspektive der jüdischen Minderheit erzählen sollte und nicht umgekehrt, wie bisher vorgesehen.
Damit erhob er den Anspruch, die in der Öffentlichkeit bereits geläufige Deutung des Erweiterungsbaus als Jüdisches Museum ernst zu nehmen und als Konsequenz daraus dessen Nutzung sowie die Konzeption der Ausstellung und den administrativen Status des Museums neu zu überdenken. Eine öffentliche Diskussion der von Barzel formulierten Kritik am »Integrationsgedanken« war von der Kulturverwaltung jedoch nicht gewollt.

Reiner Güntzer und die Berliner Kulturverwaltung hielten daran fest, die jüdische Sammlung lediglich im Untergeschoss des neuen Gebäudes unterzubringen, während die Räume der Obergeschosse den Abteilungen Mode und Theater sowie der stadtgeschichtlichen Ausstellung vorbehalten wurden. Letztere sollte auch einen Teil »Juden in der Gesellschaft« enthalten, über den keine konzeptionelle Einigung erzielt werden konnte.

Amnon Barzel hält eine Ansprache vor Publikum

Amnon Barzel eröffnet eine Fotoausstellung im Rohbau des heutigen Jüdischen Museums Berlin, 30.4.1995
© ullstein

Amnon Barzel hingegen forderte, inzwischen auch unterstützt von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, nicht nur die kulturelle, sondern auch die finanzielle und administrative Eigenständigkeit des Jüdischen Museums.

Der Konflikt mündete in der Kündigung Amnon Barzels im Sommer 1997. Dieses Vorgehen sorgte international für Aufsehen und wurde auch von der Jüdischen Gemeinde heftig kritisiert.

Unvereinbare Sammlungskonzepte

Im November 1992 präsentierte das Märkische Museum eine Auswahl seiner Objekte zur jüdischen Geschichte in den Räumen des Jüdischen Museums im Martin-Gropius-Bau. Diese wurden als Ergänzung der Bestände der »Jüdischen Abteilung« im Berlin Museum verstanden.

Ausstellungsplakat

Plakat zur Ausstellung »Die andere Hälfte« im Martin-Gropius-Bau, November 1992, Stiftung Jüdisches Museum Berlin
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Doch die 1874 als »Märkisches Provinzial Museum« gegründete Sammlung enthielt nicht nur Ankäufe und Stiftungen jüdischer Bürger aus der Zeit vor 1933, sondern auch Erwerbungen, die während der NS-Zeit und unter Zwang gemacht worden waren. Darunter zählte beispielsweise das sogenannte »Judensilber«. Die Reste dieses Bestandes und die Umstände seiner Erwerbung wurden 1992 in der Ausstellung »Die andere Hälfte« präsentiert: Als Juden 1939 im Rahmen der NS-Raubpolitik gezwungen wurden, ihre Silberbestände bei den Städtischen Pfandleihen abzuliefern, erwarb der damalige Direktor des Märkischen Museums, Walter Stengel, daraus Objekte zum Materialpreis, der den Wert der Gegenstände bei weitem unterschritt.
 

Karteikarte zu einem Objekt (Schiffspokal) der Silbersammlung im Märkischen Museum
© Stiftung Stadtmuseum - Märkisches Museum, Foto: Jens Ziehe

Die geplante Zusammenlegung der Sammlungsbestände aus dem Berlin Museum und dem Märkischen Museum hatte zur Folge, dass sich die »Jüdische Abteilung« fortan in der prekären Lage befand, einem Museum zugeordnet zu sein, das am NS-Kunstraub beteiligt gewesen war und in dessen Beständen enteignetes jüdisches Kulturgut bewahrt wurde.

Die »Jüdische Abteilung« hingegen hatte Stiftungen und Leihgaben häufig nur mit dem ausdrücklichen Hinweis erhalten, dass das Berlin Museum erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden war. Diese Ethik und Legitimität des Sammelns schien durch die Fusion mit dem Märkischen Museum in Frage gestellt.

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Inka Bertz, Leiterin der Sammlungen, über Aufbau und Konzept der Sammlungen des Jüdischen Museums vor seiner Eröffnung

Weiter zum nächsten Kapitel der Museumsgeschichte »Politische Entscheidungen«

Hier finden Sie die Entstehungsgeschichte des Jüdischen Museums Berlin in einer ausführlichen Version als pdf-Datei zum Herunterladen.

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