Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

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Freitag,
17. März 1933

Brief von Carl Friedrich von Siemens an Flora Meyer

Dieser Brief von Carl Friedrich von Siemens (1872–1941), Chef eines der größten Unternehmen in Deutschland, erfüllt den Leser mit Unbehagen. Er ist das Antwortschreiben an Flora Meyer (1887–1965), die Witwe eines ehemaligen führenden, jüdischen Mitarbeiters der Firma. Der Ingenieur Dr. Georg Meyer war im Dezember 1916 an der Front gefallen. Carl Friedrich von Siemens äußert seine Sympathie für die deutschen Juden und ihre Leistungen und zeigt sich empört über den antijüdischen Aufruhr der vorangegangenen Wochen.

Gleichzeitig aber bescheinigt er »de(m) Schaffer und Führer« der nationalsozialistischen Bewegung das »grosse Verdienst (…), das Deutsche Volk aufgerüttelt zu haben und sein Nationalbewusstsein geweckt zu haben«. Zudem bemüht er ausgeprägte Stereotypen, indem er in der »grossen Zuwanderung fremder Juden nach dem Kriege« den Ursprung der antijüdischen Hetze sieht, die durch »die Auswüchse in der Presse und Kunst, an denen das jüdische Element stark beteiligt ist«, noch verstärkt worden sei.

In ihren Lebenserinnerungen beschreibt Flora Meyer, wie Carl von Siemens ihrem Sohn den Zugang zum Hochschulpraktikum in der Firma ermöglichte und sich 1933 persönlich an den Rektor der Technischen Hochschule wandte, um gegen dessen Ausschluss aus der Deutschen Studentenschaft zu protestieren. Auch der Tochter von Flora Meyer stand von Siemens bei und verschaffte ihr eine Stelle, nachdem sie im Sommer 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft bei der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau AG entlassen worden war.

Flora Meyer betont aber auch, dass er – wie die meisten Menschen – fest davon überzeugt war, dass »dieser Spuk (…) in Kuerze verschwinden« würde. Sein Brief endete folgerichtig mit den beschwichtigenden, fast unwirschen Zeilen: »Ich verstehe auch nicht Ihre Befürchtung, dass nach Erteilung eines Ermächtigungsgesetzes die jetzige Hetze sich auswirken könnte, im Gegenteil, ich glaube, dass dann eine allgemeine Beruhigung eintreten wird.«

Carl Friedrich von Siemens war gewiss kein Nationalsozialist. Von den meisten seiner öffentlichen Ämter trat er 1933 zurück. Dennoch: Unter seiner Leitung entwickelt sich der Siemens-Konzern Mitte der 1930er Jahre zu einem der größten Waffenproduzenten des Landes. Und noch zu seinen Lebzeiten wurden Juden bei Siemens zur Zwangsarbeit verpflichtet. Flora Meyer konnte erst im April 1941 aus Deutschland entkommen und zu ihren Kindern nach Brasilien fliehen.

In der 1960 erschienenen, umfangreichen Biografie von Carl Friedrich von Siemens wird aus unserem Brief ausführlich zitiert – jedoch bloß aus dem ersten Abschnitt.

Aubrey Pomerance

Kategorie(n): Berlin | Frontsoldaten | Unternehmer
Brief von Carl Friedrich von Siemens an Flora Meyer (Abschrift), Berlin, 17. März 1933
Schenkung von Georgina I. Meyer Düllmann und Ronaldo Meyer
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