Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums

1933

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Montag,
15. Mai 1933

Familienfest im Garten der Villa Sternberg

Eine vergnügte Gesellschaft hat sich für ein Gruppenfoto aufgestellt, in ihrer Mitte eine ältere Dame im Korbsessel: Rosa Sternberg (1853–1935) feiert mit Kindern und Enkeln im Garten des Familiendomizils ihren 80. Geburtstag. Ganz links im Bild ist ihr ältester Sohn Julius zu sehen, den rechten Arm energisch in die Seite gestemmt, neben ihm seine Frau Susanne. Die beiden lachenden Kinder rechts neben ihrer Großmutter sind Hans und Hannelore, die Julius zuweilen im Scherz als sein »gemischtes Sortiment« bezeichnet.

Julius Sternberg (1879–1971) führte in dritter Generation das »Kaufhaus M.K. Sternberg« in der Altstadt des Berliner Bezirks Spandau. Das Geschäft für Mode- und Textilwaren in der Breite Straße 21 hatte er nach dem Tod seines Vaters übernommen, modernisiert und erweitert. Er spielte eine aktive Rolle in der jüdischen Gemeinde Spandau und amtierte von 1922 bis 1935 als ihr Vorsteher.

Wenige Wochen bevor das Foto geschossen wurde, hatte der landesweite Aprilboykott gegen Juden stattgefunden. Auch der Bürgersteig vor dem Kaufhaus Sternberg wurde beschmiert, die Kunden beschimpft und fotografiert. SA-Männer verteilten Flugblätter in der Spandauer Altstadt, die zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufriefen. Für die Sternbergs war dies der Anfang der nationalsozialistischen Verfolgung.

1938 wurde Julius Sternberg zum Verkauf des Geschäftshauses gezwungen und ein Großteil der Familie wanderte nach Kolumbien aus. Seine Schwestern Paula und Fanny, die auch auf der Fotografie zu sehen sind (3. und 6. von links), wurden deportiert und ermordet.

Mitte der 1950er Jahre kehrte Julius Sternberg aus Bogotá in sein »geliebtes Berlin« zurück. Doch er war zu alt, um sein Geschäft wieder zu übernehmen. Vor Ort erinnert heute eine Gedenktafel an das Kaufhaus Sternberg und seinen letzten Inhaber.

Monika Flores Martínez

Kategorie(n): Berlin | Boykott | Kaufleute
Familientreffen der Sternbergs anlässlich des 80. Geburtstags von Rosa Sternberg, Berlin, 15. Mai 1933
Schenkung von Hans Sternberg
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