Veröffentlicht von am 6. Mai 2013 0 Kommentare

Frage des Monats: »Warum beugen sich manche Juden beim Beten?«

Unsere aktuelle Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten« baut auf 30 Fragen auf, die an das Jüdische Museum Berlin oder dessen Mitarbeiter gerichtet wurden. In der Ausstellung haben unsere Besucherinnen und Besucher selbst die Möglichkeit, auf Post-its Fragen oder Kommentare zu hinterlassen. Einige dieser Fragen beantworten wir hier im Blog. Nach der Frage: »Wie hält die Kippa auf dem Kopf?«, kommt die Frage dieses Monats von Boris: »Warum beugen sich manche Juden beim Beten?«

Post it-Zettel mit der Frage des Monats und der Zeichnung eines sich bewegenden Mannes

»Warum Beugen sich manche Juden beim beten. Boris«
© Foto: Thomas Valentin Harb, Jüdisches Museum Berlin

Lieber Boris,
Deine Frage, warum sich religiöse Juden während des Betens hin und her bewegen, wird von vielen Menschen gestellt. Dieser sehr alte Brauch wird im Jiddischen »Schokln« genannt und bedeutet wackeln, schütteln oder schaukeln. Wie bei manchen Bräuchen ist es leichter zu beschreiben, wann und wo etwas ausgeübt wurde, als eindeutig zu beantworten, warum beim Lernen aus der Tora und beim Beten geschokelt wird.

Aufgefallen war diese Gewohnheit schon dem Propheten Mohammed, der seinen Anhängern geraten haben soll, sich beim Gottesdienst nicht hin und her zu bewegen.

Aus dem Spanien des 12. Jahrhunderts berichtet Rabbi Jehuda Halevi, dass oft zehn oder mehr Männer gleichzeitig aus einem Buch lesen mussten: Deshalb traten sie einzeln an das Buch heran, beugten sich zum Lesen darüber und traten wieder zurück, um für den nächsten Platz zu machen.

Auch der Psalm 35,10 »Alle meine Gebeine sollen sagen: Herr, wer ist dir gleich?« wird so gedeutet, dass sich der ganze Körper am Gebet beteiligen kann.

Eine Wand mit pinken Post-its beklebt, davor zwei liegende Vitrinen mit der Aufschrift »Noch Fragen?«

Fragenwand in der Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit«
© Foto: Thomas Valentin Harb, Jüdisches Museum Berlin

Eine andere Erklärung sieht das Schokeln als Weg, um sich auf das Studium oder das Gebet zu konzentrieren und durch Bewegungen ablenkende Gedanken abzuwehren.
Für den Sohar, ein mystisches Werk, stammt die Seele des Menschen vom göttlichen Licht ab. Jedes Mal, wenn sich ein Jude mit der Tora beschäftigt, entzündet sich das Licht seiner Seele, weshalb er sich wie die Flamme einer Kerze hin und her bewegt. Dieses eindringliche Bild veranschaulicht den Wunsch vieler religiöser Juden durch Lernen und Beten in eine direkte Verbindung mit Gott zu treten.

Zu allen Zeiten gab es auch Rabbiner, die das Schokeln nur zu bestimmen Gebeten zulassen wollten. Den deutschen Juden wurde es im 19. Jahrhundert sehr wichtig, sich angepasst zu benehmen, deshalb lehnte die Mehrheit das Schokeln eher ab. Heute wird das Schokeln von vielen als eine körperliche Begleitung des Gebetrhythmus verstanden oder als eine Methode, um sich besser auf das Gebet konzentrieren zu können.

Miriam Goldmann, Kuratorin der Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit«

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