Veröffentlicht von am 23. Juli 2015 1 Kommentar

Unsere schönsten »Muskeljuden«

In einer leidenschaftlichen Rede beim zweiten Zionistischen Kongress am 28. August 1898 in Basel prägte Max Nordau den Begriff des Muskeljudentums. Der Arzt, Publizist und Mitbegründer der jungen zionistischen Bewegung sagte:

Portrait eines Mannes mit nacktem Oberkörper von hinten

Herbert Sonnenfeld: Boxer-Porträt, Berlin 1935 © Jüdisches Museum Berlin, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin

»Der Zionismus erweckt das Judentum zu neuem Leben. Das ist meine Zuversicht. Er bewirkt dies sittlich durch Auffrischung der Volksideale, körperlich durch die physische Erziehung des Nachwuchses, der uns wieder das verloren gegangene Muskeljudentum schaffen soll.«

Damit sollte nicht nur das verbreitete Bild des körperlich schwachen Juden ersetzt, sondern die Schaffung eines neuen, physisch starken »Judentums« gefördert werden. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Drei Monate nach seiner Ansprache wurde der erste jüdische Sportverein unter dem Namen Bar Kochba in Berlin gegründet, benannt nach dem Anführer des jüdischen Aufstands gegen die Römer in Judäa in den Jahren 132 bis 135. Unter der Überschrift »Muskeljudentum« bezeichnete Nordau ihn in einem Beitrag für die neue Vereinszeitung »Jüdische Turnzeitung« als »letzte weltgeschichtliche Verkörperung des kriegsharten, waffenfrohen Judentums«. Er rief den Juden zu, »wieder an unseren ältesten Ueberlieferungen an[zuknüpfen]: [Dann] werden wir wieder tiefbrüstige, strammgliedrige, kühnblickende Männer«.  weiterlesen

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Restaurierung mit Brief und Siegel

Briefbogen aus dem 19. Jahrhundert adressiert an Emanuel Mendel

Das restaurierte Begleitschreiben zur Verleihungsurkunde des Roten Adler Ordens IV. Klasse an Emanuel Mendel © Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Wolfgang Schönpflug, Foto: Ulrike Neuwirth

Jedes Jahr kommen zahlreiche neue Objekte in die Sammlungen des Jüdischen Museums Berlin, die inventarisiert und wissenschaftlich bearbeitet werden. Viele dieser Objekte haben eine lange Geschichte hinter sich, oft sind sie einmal rund um den Erdball gereist. Durch Flucht, Emigration und jahrzehntelange Aufbewahrung sind manche Dokumente in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht benutzt werden können, ohne weitere Schäden zu verursachen. Unsere Aufgabe als Papierrestauratoren ist es dann, diese Objekte so zu konservieren und gegebenenfalls zu restaurieren, dass man sie wieder gefahrlos in die Hand nehmen kann.  weiterlesen


Veröffentlicht von am 15. März 2015 0 Kommentare

»Es wäre aber in diesem Falle die beste Lösung, wenn ein Mädel käme.«
Einblicke in eine innerjüdische Beschneidungsdebatte aus dem Jahr 1919

Kurz nach Eröffnung der Wechselausstellung »Haut ab!« wurde dem Jüdischen Museum Berlin der Nachlass von Fritz Wachsner (1886-1942) geschenkt. Das darin überlieferte Konvolut von Briefen ist so umfangreich, dass ich bei der Inventarisierung nicht immer genügend Zeit habe, um mich in die einzelnen Schriftstücke zu vertiefen. Bei einem Brief bleibe ich jedoch hängen. »[…] Dein Gutachten über die Frage der Beschneidung […]«, schrieb Wachsner am 24. Juli 1919 an Anselm Schmidt (1875-1925), den Onkel seiner – damals hochschwangeren – Ehefrau Paula. Ich lese mich fest und befinde mich plötzlich inmitten einer innerjüdischen Beschneidungsdebatte, die vor fast einhundert Jahren geführt wurde.

Atelier-Fotografie von einem Paar mit einem ca. vierjährigen Kind

Fritz Wachsner mit seiner Frau Paula und seiner erstgeborenen Tochter Charlotte, Atelieraufnahme, ca. 1916 © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jörg Waßmer, Schenkung von Marianne Meyerhoff

Fritz Wachsner, seinerzeit Lehrer im brandenburgischen Buckow, legt in dem fünfseitigen Brief die Gründe für seine ablehnende Haltung gegenüber der Brit Mila dar. Er war ein assimilierter deutscher Jude und gehörte der Jüdischen Reformgemeinde an. Gegenüber seinem Onkel erklärte der 33-Jährige, dass er »ziemlich orthodox erzogen« worden sei, dann aber im Verlauf seines Studiums an den Universitäten in Berlin und Jena sowie an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu Berlin, »den Geist des Judentums frei von allem undeutschen Beiwerk kennen und schätzen« gelernt habe. Er sei dabei zu der Überzeugung gelangt, dass der religiöse Kultus sich ständig weiter entwickeln und »zeitgemäss weiterbilden« müsse. Wachsners Maxime: »Werdet Deutsche, auch im Kultus« bekommt insbesondere dann  weiterlesen