Konversion & Kontroverse

Warum ein bestimmtes Thema zu einem bestimmten Zeitpunkt das Interesse der Öffentlichkeit entfacht, ist nicht immer gleich ersichtlich. Das Thema Konversion, beispielsweise, ist derzeit Gegenstand von Konferenzen, Vorlesungen und Ausstellungen im deutschsprachigen Raum, ohne dass sich an seiner sozialen Relevanz oder im religiösen Gefüge vorab bemerkenswerte Veränderung ergeben hätten.

Bild in der aktuellen Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit« zur Frage: Jude oder nicht? Marilyn Monroe auf dem Cover des Modern Screen Magazine, November 1956 © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Bild in der aktuellen Sonderausstellung »Die ganze Wahrheit« zur Frage: Jude oder nicht? Marilyn Monroe auf dem Cover des Modern Screen Magazine, November 1956
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Zum Judentum konvertieren nur wenige. Laut Erhebungen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland werden jährlich in den deutsch-jüdischen Gemeinden durchschnittlich 64 Konversionen durchgeführt, und an dieser Zahl hat sich seit dem Jahr 2000 wenig verändert. Auch die Größe der jüdischen Gemeinde bleibt relativ stabil: Seit über einem Jahrzehnt bewegt sich die Zahl ihrer Mitglieder um die 105.000. Im Vergleich zur Gesamtgemeinschaft stellt der Anteil aller Konvertierten seit 1990 – insgesamt genau 1.366 Menschen – weniger als ein Prozent der jüdischen Gemeinschaft dar. Dagegen stehen etwa 100 Juden im Jahr, die aus der Gemeinde austreten, wobei diese Zahl wenig aussagekräftig ist, da sie Menschen mit den verschiedensten Motiven, unter anderem auch finanziellen, mitberücksichtigt. Alles in allem handelt es sich bei den jüdischen Konvertiten also um eine kleine und exotische Minderheit.

Und doch wird das Thema mit großem Enthusiasmus diskutiert. Weiterlesen

Der unfreiwillige Elch – und andere religiöse Verwandlungen

Anhänger in Form der Buchstaben Chet und Jod

Der unfreiwillige Elch

Im Sommer letzten Jahres ging ein globales Kichern durch die jüdische Onlinegemeinde, als ein eBay-Händler einen Navajoanhänger in Form eines Elchs zum Verkauf anbot. Dieses als »einzigartiger, originaler Navajo Elchanhänger, 925 Silber, 0,8 Gramm« beschriebene Schmuckstück war  eigentlich ein jüdisches Amulett in Form des hebräischen Worts »chai«. Das Motiv, das übersetzt »Leben« bedeutet, ist beliebt und unter jüdischem Schmuck häufig zu finden. Es besteht aus den zwei Buchstaben Chet und Jod, die eigentlich kaum mit einem Tier zu verwechseln sind. Doch bei diesem Anhänger waren die Buchstaben schematisch und miteinander verbunden dargestellt, so dass sie tatsächlich wie ein Tier mit Hörnern im typisch indianischen Stil aussahen.  Weiterlesen

Die lange Nacht des Tikkun oder was wir von liebenden Frauen lernen können

Vor Kurzem entdeckten wir beim Stöbern im Netz, dass drei junge Jüdinnen eine Gruppe gegründet haben, die sich »für die Vielfalt an unterschiedlichen Facetten jüdischer Identität und … ein sinnstiftendes jüdisches Leben in Berlin« einsetzen möchte. Sie nennt sich Hamakom (hebräisch: ›der Ort‹) und will unter anderem die Begegnung von Israelis und jüdischen Deutschen fördern. Als erste Veranstaltung führt diese Gruppe nun einen Tikkun lel Schawuot zum Thema »Frauen & Liebe« durch. Der Veranstaltungsname ist Programm: Er knüpft an die Tradition an, in der Nacht zu Schawuot bestimmte biblische Texte und deren Auslegungen zu studieren und zu diskutieren. Diese Wahl zeigt, welche Bedeutung das Fest in diskursiv angelegten jüdischen Selbstverständigungsprozessen hat.

Holzschnitt: Rut und Noomi im Feld

Jakob Steinhardt, Illustration zum Buch Rut, 1955-1959, Holzschnitt
© Jüdisches Museum Berlin, Schenkung von Josefa Bar-On Steinhardt, Naharyia, Israel

Schawuot beginnt dieses Jahr am Abend des 14. Mai und endet zwei Tage später. Es ist ein Feiertag von ungewöhnlich vielfältiger Bedeutung, der in jeder Epoche neu entdeckt und definiert wurde. Ursprünglich war er dem Beginn der Erntezeit gewidmet, die eine Pilgerreise in den Jerusalemer Tempel umfasste. Dort brachte man Erstlingsfrüchte und zwei Weizenbrote dar. Im Talmud gilt Schawuot als das Fest, an dem das Volk Israel die Tora empfing. Um sich auf diese Gabe vorzubereiten, wird  der Feiertag hier auch als Azeret beschrieben, eine feierliche Versammlung, die vor allem eine Nacht des gemeinsamen Nachdenkens und Diskutierens währt. Das Tikkun lel Schawuot, wie dieses nächtliche Symposium im Hebräischen heißt, bedeutet wörtlich übersetzt: ›die Verbesserung in der Nacht des Wochenfests‹. Es wurde zum ersten Mal im kabbalistischen Sohar-Buch erwähnt und gewann im 16. Jahrhundert an Bedeutung.

Die jüdische Version des gemeinsamen Studierens und Diskutierens unterscheidet sich von ihrem griechischen Pendant, Weiterlesen