Frage des Monats:
»Warum müssen die Frauen die Haare nach der Hochzeit entweder mit Perücke oder mit Kopftuch bedecken?«

Wand voller rosa Notizzettel

Fragemauer, Ausstellung „Die ganze Wahrheit“ © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Thomas Valentin Harb

Vor über einem Jahr endete am Jüdischen Museum die Sonderausstellung mit dem Titel »Die ganze Wahrheit…was Sie schon immer über Juden wissen wollten«. Übrig blieben – neben regen Diskussionen und leeren Schaukästen – Tausende pinkfarbener Post-its, die wir aufbewahrt und sorgfältig gelesen haben. Einige der Fragen, Kommentare und Eindrücke, die Besucher uns hier hinterließen, wollen wir in den kommenden Monaten in diesem Blog beantworten, so auch diese:
Orthodoxe Frauen zeigen nach der Hochzeit ihre Haare nicht mehr in der Öffentlichkeit.

Farbfotografie mit drei rosafarbenen Notizzetteln

Fragen und Kommentare zur Kopfbedeckung © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Thomas Valentin Harb

Durch ein Kopftuch oder eine Perücke, auf Jiddisch Scheitel genannt, signalisieren sie ihrer Umwelt, dass sie verheiratet sind und sich nach den traditionellen Vorstellungen der Schicklichkeit richten.

Die erste Begegnung zwischen Rebekka und Isaak liefert den biblischen Ursprung: »Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.« (1.  Buch Mose 24, 64f)
Als Brauch setzte sich das Bedecken der Haare im 15. Jahrhundert durch und wird seither vom orthodoxen Judentum befolgt.

Farbfotografie mit 4 Frauen, die jeweils unterschiedliche Kopfbedeckungen tragen

Ordination an der Yeshivat Maharat in New York (von links nach rechts): Rabbinerin Sara Hurwitz (Vorsitzende der Yeshivat Maharat), Maharat Ruth Balinsky Friedman, Maharat Rachel Kohl Finegold und Maharat Abby Brown Scheier, Foto: Joan Roth mit freundlicher Genehmigung der Yeshivat Maharat.

 

In den strenggläubigen chassidischen Gemeinden, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstanden, war es sogar üblich, dass Frauen sich zur Hochzeit alle Haare abschnitten und danach das Tichel, ein Kopftuch, trugen. Dennoch gab es zwischen den verschiedenen orthodoxen Strömungen immer graduelle Unterschiede in der Auslegung, ob nach der Hochzeit alles Haar verhüllt bleibt oder wie viel von ihrem Haar eine Frau zeigt. Heute bedecken orthodoxe Frauen ihre Haare mit Scheitel, Tuch, Barett (einer Baskenmütze) oder Haarnetz.

Egal für welche Variante sich eine verheiratete Frau entscheidet, sie kann aus einem vielfältigen modischen Angebot wählen. Eine Anleitung zum Binden attraktiver Tichel stellt etwa die Website www.wrapunzel.com vor; wie ansprechend ein Scheitel sein kann, lässt sich auf www.sheitel.com herausfinden.
Viele Frauen lehnen es heutzutage hingegen grundsätzlich ab, ihre Haare aus Gründen der Schicklichkeit vollständig zu bedecken.

Miriam Goldmann, Wechselausstellungen

Kommentiert von Sonia am 31. August 2016, 02:44 Uhr

Das Tragen von Kopftüchern ist in orthodox-jüdischen Kreisen absolut üblich. Bei meinen Besuchen in Israel sehe ich regelmäßig sehr viele orthodoxe Frauen in der typischen Kleidung (lange Röcke, lange Ärmel, Kopftuch). Nur in Deutschland scheint das nicht so bekannt zu sein.

Kommentiert von Boris am 6. Oktober 2016, 11:04 Uhr

Ich finde diesen Beitrag sehr interessant. So etwas hätte ich nun nicht erwartet. Perücken gibt es im Internet und bei anderen Händlern genug zu finden.

Kommentiert von Chris Kellar am 19. November 2016, 11:20 Uhr

Die interessantere Frage lautet immernoch für mich: Warum sind Perücken überhaupt eine Alternative zum eigenen Haar!?
So wie es auf einem Post-It ebenfalls zu lesen ist…
Denn, wenn es unschicklich ist, weil das Haar als symbolisch aufgeladen empfunden wird (etwa als sexuell-intim wie im Hohelied), dann macht ein Kopftuch viel mehr Sinn, als eine möglichst echt-aussehende Echthaar-Perücke, die für mich den Sinn einer Kopfbedeckung ad absurdum führt…
Oder verstehe ich die Absicht der Kopf-Bedeckung als Haar-Abdeckung falsch?

Kommentiert von Miriam Goldmann am 4. Januar 2017, 10:28 Uhr

In der Tat, schon mit dem Aufkommen der Perücken im 16. Jahrhundert, war ihre Zulässigkeit als Kopfbedeckung umstritten. Einige Rabbiner lehnten den Scheitel ab, denn die Verwechslungsmöglichkeit mit dem natürlichen Haar liegt auf der Hand. Andere Rabbiner werteten hingegen das Recht der Frauen sich vorteilhaft zu präsentieren so hoch, dass sie die Perücken als Kopfbedeckung akzeptierten. Auch die Sitten der Umgebung beeinflussen Entscheidungen der Rabbiner, denn jüdischen Frauen wird es zugestanden, sich an die Gepflogenheiten des Landes so weit anzugleichen, dass sie nicht ungewöhnlich auffallen. Manche orthodoxe Frauen tragen sicherheitshalber noch einen Hut oder ein Tuch auf ihrer Perücke und schließen so jeden Zweifel an ihrem ehelichen Status aus.

Kommentiert von Maria am 24. Januar 2017, 16:46 Uhr

Heute bin ich wieder Mal auf was interessantes gestoßen, ich lese gerne und oft über das Judentum, aber ich wusste nicht, dass verheiratete Juden (also bei den orthodoxen) nicht mehr ihr Haar zeigen dürfen. Deshalb habe ich ein paar Fragen, die vielleicht nicht oft gestellt werden.
Warum rasieren sich viele orthodoxe Frauen ihre Haare, wenn sie nachher einen Scheitel tragen? Ich nehme an, zu Hause tragen die Frauen den Scheitel, das Tuch oder den Hut sicher nicht.
Vor dem eigenen Mann möchte man doch auch nicht ohne Haare stehen, deshalb verstehe ich nicht, warum sie in der Öffentlichkeit den Scheitel tragen und zu Hause dann eine Glatze? Da wäre dann doch das Tuch oder ein Hut sinnvoller?

Kommentiert von Max am 9. Juni 2017, 10:28 Uhr

Die Kopfbedeckung bei Frauen zeigt mir folgendes auf:
Das Tragen der Perücke ist reiner Selbstbetrug, Dummheit, und nur der Versuch, das AT auszutricksen.
Wie kann man sich so einem Unsinn hingeben?

Schon die Notwendigkeit das Verschleiern der Haare ist sehr fraglich. Wo ist die direkte Aufforderung dazu? Aus der Geschichte mit Rebekka geht es NICHT unmittelbar hervor.
Wie ein Beispiel dafür, daß Chassiden im 15. Jahrhundert nichts besseres zu tun hatten als sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen.
Hatten die alten Israeliten vor 2000 Jahren AUCH solche Sitten?

[Anmerkung der Redaktion: Da sich dieser Kommentar aus unserer Sicht nicht immer an den in unserer Netiquette geforderten »respektvollen Umgang miteinander« hält, haben wir betreffende Stellen schwerer lesbar gemacht.]

Kommentiert von Miriam Goldmann am 21. Juni 2017, 15:32 Uhr

@Max:
Ja, diese Sitte reicht weit zurück: Frühe Hinweise auf eine Verschleierung des weiblichen Haars stammen aus den Mittelassyrischen Gesetzen. Schon um 1300 vor der Zeitenwende wurde privilegierten Frauen aus der Region von Euphrat und Tigris vorgeschrieben, sich im öffentlichen Raum die Haare zu bedecken. Übrigens bewahrte diese Verschleierung Frauen vor Übergriffen, denn sie signalisierte den Schutz einheimischer Familien. Alle nachfolgenden Gesellschaften übernahmen den Brauch: um 500 u. Z. bedeckten arabische, römische und byzantinische Frauen rund um das Mittelmeer ihr Haupt: Jüdinnen, Christinnen und etwas später auch Musliminnen.
Dabei unterscheiden sich konkrete Form der Kopfbedeckung und auch die jeweilige religiöse Interpretation nach Region, Kultur und Religion. Im Judentum zählt die weibliche Kopfbedeckung zwar nicht zum Kanon der verpflichtenden Gesetze. Doch versteht das orthodoxe Judentum auch die nachbiblischen religiösen Bräuche als verpflichtende Norm. Als Selbstverpflichtung werden die rabbinischen Auslegungen bis heute von streng religiösen Juden und Jüdinnen sehr ernst genommen.
Kulturelle Bräuche führen in traditionellen Gesellschaften oft ein sehr langes Weiterleben. Moderne religiöse Frauen in Judentum – und auch im Islam – versuchen, traditionelle Vorschriften und zeitgenössische Mode für sich in Einklang zu bringen. Wie man an der Perücke sehen kann, war das auch schon vor Jahrhunderten ein Thema, bei dem sich Frauen bei den Rabbinern durchsetzen konnten (zur Entstehung siehe meine Antwort vom 4. Januar hier oben). Inzwischen sind Perücken nicht mehr der letzte Schrei. Das kulturelle Phänomen der Anpassung zwischen Tradition und Mode nennen wir heute Modest Fashion.

@ Maria:
Wie viele religiöse Frauen eine Perücke aufsetzen wissen wir nicht. Unter ihrer Perücke tragen Frauen aus praktischen Gründen meist eher kurze Haare. Zuhause wird die Perücke oft gegen ein Kopftuch ausgewechselt oder im Kreis der Familie der unbedeckte Kopf gezeigt. Die Rasur der Kopfhaare ist auch unter orthodoxen Frauen eine seltene Ausnahme. Frauen dieser Gruppierungen tragen häufig ein Tichel. An ihren eng um den Kopf geschlungenen Ticheln lässt sich schon erkennen, dass diese Frauen ihr Haar sehr kurz tragen oder rasiert haben.
Den Maßstab für soziale Normen setzt ja die Gesellschaft, in der wir uns bewegen. Für fromme Juden ist die jeweilige halachische Auslegung der Rabbiner maßgeblich, denen ihre Gemeinde folgt. In der strengen Orthodoxie gilt Haar als nackt, als intim, weshalb dem Ehemann der Anblick vorbehalten bleibt. Diese Selbstverpflichtung, nach der Hochzeit das Haar zu bedecken oder auch zu rasieren, wird von Männern und Frauen als sinnvoll bewertet, mitgetragen bzw. gelebt.

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