»Spannend, ernst, leidenschaftlich und kontrovers«

Ein Interview mit Barbara Rösch über »Lesenswerte Bücher zu Nationalsozialismus und Holocaust«

Vier Frauen sitzen um einen Tisch, auf dem mehrere Bücher liegen

Die Lesegruppe in einer Diskussion © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Christine Marth

Seit kurzem gibt es auf unserer Website ein PDF zum Download, das »Lesenswerte Bücher zu Nationalsozialismus und Holocaust« empfiehlt. Zusammengestellt wurde diese Liste von Kolleg*innen aus dem Museum, die über mehrere Jahre hinweg Bücher gelesen, sich ausgetauscht und schließlich auf diese Auswahl geeinigt haben. Ich habe mich darüber mit Dr. Barbara Rösch aus der Bildungsabteilung unterhalten. Sie war Teil der Lesegruppe und hat zudem einige Zeit an den Universitäten Potsdam und Leipzig in der Ausbildung von Grundschulpädagog*innen gearbeitet. Neben ihrer Museumsarbeit schreibt sie zurzeit an einem Buch über Alltagsrassismus in der Grundschule.

Liebe Barbara, auf dem Markt gibt es unzählige Kinder- und Jugendbücher, die Nationalsozialismus und Holocaust thematisieren. Wie habt ihr daraus eine Auswahl getroffen?

Unsere Arbeit orientiert sich vorwiegend an den Bedürfnissen von Lehrkräften, die von uns regelmäßig Buchempfehlungen wünschen, fast schon erwarten. Daher nahmen wir uns sogenannte »Klassiker« vor, die in deutschen Klassenzimmern gelesen werden, aber auch Neuerscheinungen, Bücher aus nicht-deutscher Perspektive und Bücher, die bislang übersehene Themen berühren, wie die Hachschara-Bewegung. [Anm.: In Hachschara-Lagern bereiteten sich jüdische Jugendliche in den 1920er und 30er Jahren auf eine Auswanderung nach Palästina vor.]

Wir lesen nach strengen Kriterien, z.B. nach historischer Korrektheit, literarischer Qualität, Erkenntnisgewinn und Zumutbarkeit. Außerdem haben wir uns gefragt, ob die Geschichte vorwiegend für ein spürbar pädagogisches Ziel konstruiert worden ist (hoffentlich nicht), ob die Figuren glaubwürdig sind, ob das Buch in Sprache und Illustration frei von Vorurteilen, Klischees und Diskriminierungen ist und ob es darüber hinaus auch noch unterhaltsam ist … um nur einige unserer Kriterien zu nennen. Wenn ein Buch von mindestens drei Personen gelesen wurde und dabei diesen Kriterien standhält, freuen wir uns.

Unsere Diskussionen über einzelne Bücher sind spannend, ernst, mitunter leidenschaftlich und kontrovers. Unser Leseprozess ist auch noch nicht abgeschlossen, wir prüfen und ergänzen unsere Liste weiter.

Über einen so langen Zeitraum hinweg regelmäßig Bücher über Nationalsozialismus und Holocaust zu lesen, kann extrem belastend sein. Wie ging es dir damit, gab es einen Zeitpunkt, zu dem du nicht mehr konntest?

Porträt von Barbara Rösch

Barbara Rösch © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Ernst Fesseler

Da es einerseits sehr viele Bücher zu prüfen gab und wir andererseits jedes Buch sehr aufmerksam und intensiv nach zahlreichen Kriterien gegenlasen, gab es bei nahezu jeder Teilnehmerin unserer Gruppe ein oder mehrmals den Zeitpunkt, eine Lesepause einzulegen. Spätestens dann, wenn wir von der Thematik nachts in den Träumen heimgesucht wurden. Das ist natürlich auch abhängig von der eigenen Familiengeschichte.

Bei mir persönlich war es die Biografie über Ernst Lossa, einen jenischen Jungen, der seine Kindheit und Jugend in Institutionen der Euthanasie verbringen musste und 1944 in der berüchtigten Allgäuer »Heil- und Pflegeanstalt« Irsee getötet wurde. [Robert Domes: Nebel im August, cbt 2008]

Ihr empfehlt Bücher für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren. Ab wann kann man mit Kindern überhaupt über den Nationalsozialismus und den Holocaust sprechen? Gibt es Themen, die sich besser für den Einstieg eignen? Hast du eine Empfehlung für Eltern und Lehrende, wann und wie man Kinder an dieses Thema heranführen sollte?

Wenn ein Kind Fragen stellt, sollten diese auch beantwortet werden – die Präzision und Ausführlichkeit der Antwort hingegen sollte auf den individuellen kognitiven und emotionalen Entwicklungstand des/der Fragestellenden abgestimmt sein – hier gibt es keine allgemeingültigen und einfach zu handhabenden Empfehlungen. Der wissenschaftliche Diskurs über das Für und Wider einer Thematisierung von Nationalsozialismus und Schoa mit Grundschulkindern besteht ja seit den 1990er Jahren und beinhaltet neben dem deutlichen »Für« noch viele ungeklärte didaktische Fragen.

Kinder haben spätestens im Alter von 9/10 Jahren oft umfangreiche, aber auch fragmentarische Kenntnisse zu Nationalsozialismus und Schoa. Diese beziehen sich nach Studien von Andrea Becher auch auf die Strukturen von Verfolgung und Vernichtung, nicht aber darauf, wie es zur Schoa kam. Von nichtjüdischen Kindern werden »Juden« dabei vorwiegend nach wie vor als »die anderen« und als »nicht deutsch« wahrgenommen. Daher ist die Vermittlung von historischer Sach- und Methodenkompetenz an Kinder und Jugendliche und der Versuch einer historischen Einordnung erforderlich.

Es gibt mittlerweile auch eine Vielzahl von Unterrichtskonzeptionen zum Thema, doch sind ihre Wirkungen bislang nicht erforscht. Soweit sich dezidierte Aussagen über den Unterricht und die dahinterliegenden pädagogischen Intentionen machen lassen, wird das Thema Nationalsozialismus häufig mit dem Thema Schoa verknüpft und nicht selten darauf reduziert, zum Teil auch mit dem Ziel moralischer Betroffenheit.

Für einen Einstieg ins Thema bietet sich der Bezug zur Lebenswelt der jungen Lesenden an, in der Kinder- und Jugendliteratur ja oft umgesetzt durch jugendliche oder kindliche Protagonist*innen. Grundsätzlich lohnenswert könnte dabei eine Beschäftigung mit den Täter*innen sein, mit dem Thema Verführbarkeit und Unterwerfung, aber auch mit dem Thema Widerstand. Zudem ist eine allgemeine Auseinandersetzung mit Judentum und Juden und Jüdinnen als historischen Akteur*innen wünschenswert – allerdings nicht als dezidierte »Hinführung« zum Thema NS und Schoa.

Was können Bücher wie die Romane, Graphic Novels und autobiographischen Texte, die in dieser Broschüre zusammengestellt sind, gegenüber anderen Formen der Vermittlung leisten, z.B. gegenüber dem Sach- oder Geschichtsunterricht, aber auch gegenüber einem Museum?

Ich kann das Buch, das Comic jederzeit beiseitelegen, nach Wochen wieder zur Hand nehmen, selbstbestimmt im eigenen Tempo lesen, Bilder entstehen lassen an Orten und zu Zeiten, die mir entsprechen. Ich bin nicht beaufsichtigt und zunächst frei von didaktischen und pädagogischen Intentionen meiner Lehrkräfte … und der Museumspädagog*innen. (lacht)

Buchrücken von 16 Büchern

Die Buchauswahl © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Am Ende der Broschüre steht ein kurzer Text von dir mit ausdrücklichen »Nicht-Empfehlungen«. Darunter finden sich der Klassiker Damals war es Friedrich, das zurzeit im Schulunterricht sehr beliebte Buch Der Junge im gestreiften Pyjama sowie der Besteller Die Bücherdiebin. Warum genau ihr von diesen Büchern abratet, kann man in der Broschüre nachlesen – aber warum habt ihr euch entschlossen, das so ausdrücklich zu thematisieren und es nicht bei positiven Empfehlungen belassen?

Die genannten Bücher sind beim erwachsenen Lesepublikum überaus bekannt und auch populär. Es würde unserer Ansicht nach irritieren, diese Literatur in der genannten Broschüre nicht wiederzufinden, und es gibt ja tatsächlich allerhand über diese Bücher zu sagen, nur eben nach unseren Kriterien wenig Empfehlenswertes.

Nachdem wir jetzt darüber gesprochen haben, wovon du abrätst, möchte ich dich zum Schluss noch fragen, welches Buch aus der Broschüre dir persönlich am besten gefallen hat?

Die Graphic Novel Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie gesagt habe des 1954 in Belgien geborenen Künstlers Michel Kichka.

Vielen Dank für das Interview!

Mariette Franz, Digital & Publishing, war zu Beginn auch Teil der Lesegruppe und ist irgendwann ausgestiegen, weil sie die Lektüre auf Dauer zu belastend fand.

Das PDF »Lesenswerte Bücher zu Nationalsozialismus und Holocaust« finden Sie auf unserer Website.

Kommentiert von Nico A. Grubel am 27. Mai 2020, 14:33 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Barbara Rösch,

mir wurde zugeteilt, dass Sie im Rahmen meiner Verwandtschaft in Verbindung mit der verstorbenen Margrit Bärbel Binek recherchieren.

Ich, Nico A. Grubel, bin ein Ur-Großenkel von Otto und Erna Grubel.

Ich interessiere mich sehr für meine Wurzeln und bitte Sie mich diesbezüglich auf den Laufenden zu halten.

Ich bitte um Rückmeldung!

Viele Grüße
Nico A. Grubel

Kommentiert von Mirjam Bitter am 28. Mai 2020, 12:56 Uhr

Sehr geehrter Herr Grubel,
Frau Rösch arbeitet mittlerweile nicht mehr bei uns im Museum, wir bemühen uns aber, sie zu kontaktieren und Ihr Anliegen an sie weiterzuleiten.
Mit freundlichen Grüßen aus der Blog-Redaktion
Mirjam Bitter

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