»Zu dieser Zeit sah ich Gepeinigte vor ihren Peinigern stehn«

… vor 50 Jahren begann der Auschwitz-Prozess

Am 20. Dezember 1963 wurde im Plenarsaal des Frankfurter Römers die bis dato größte und längste bundesdeutsche Gerichtsverhandlung über die Verbrechen in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern eröffnet. Vor Gericht standen 22 ehemalige Angehörige der Lagermannschaft, die zwischen 1941 und 1945 im KZ Auschwitz gearbeitet hatten. Der ranghöchste Angeklagte und letzte Kommandant des Lagers Richard Baer war unmittelbar vor Beginn des Prozesses verstorben; gegen viele andere Personen wurde gar nicht erst Anklage erhoben – nicht zuletzt, weil fast alle Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus, wie etwa Totschlag, bereits als verjährt galten.

Ein Mann in Anzug und Krawatte an einem Schreibtisch

Hans Hofmeyer
© Schindler‐Foto‐Report

Da die bundesdeutsche Gesetzgebung die juristische Grundlage der alliierten Nachkriegsprozesse nicht in bundesdeutsches Recht überführt hatte, musste sich das Verfahren in Frankfurt am Main – ebenso wie die darauf folgenden NS-Prozesse – auf das Reichsstrafgesetzbuch aus dem Jahr 1871 berufen. Dies hatte zur Folge, dass sich die Anklage auf Mord und Beihilfe zum Mord beschränkte und das Gericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters Hans Hofmeyer abschließend beurteilen musste, ob die Angeklagten persönlich an Mordtaten beteiligt waren und damit gegen geltendes Recht verstoßen hatten.  weiterlesen


Veröffentlicht von am 31. Oktober 2013 0 Kommentare

Bedrohlich und lebenslustig

– warum Lilith unsere Besucherinnen fasziniert

Bilder von Glikl von Hameln

Raumansicht aus unserer Dauerausstellung
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe

Ich biete regelmäßig Führungen zum Thema »Frauen im Judentum« durch unsere Dauerausstellung an. Dafür interessieren sich meistens Frauengruppen oder Personen, die mit den Grundlagen des Judentums und der jüdischen Geschichte bereits vertraut sind. Ich mag die lebhaften Diskussionen mit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Die Gespräche über das Leben von Glikl von Hameln, Dorothea Schlegel und Albertine Mendelssohn-Bartholdy, über Else Lasker-Schüler, über Lilith und Eva sind immer auch Gespräche über die Gleichberechtigung der Frauen, über unsere Gleichberechtigung!
Von Lilith haben viele die unterschiedlichsten Dinge gehört: »Kommt die nicht auch in Goethes Faust vor?«, »Beim Kartenlegen ist Lilith wichtig.«, »Die erste Frau von Adam, vor Eva«. Manche denken bei Lilith an ein bedrohliches Nachtgespenst, andere haben ihrer Tochter den Namen gegeben, denn Lilith steht auch für Selbstbestimmtheit, Unabhängigkeit, ungezügelte Wildheit und lebensfrohe Sinnlichkeit. Ein Lebenskonzept, das dem traditionellen Frauenbild widerspricht, eigentlich ein Gegenkonzept zu Eva. Kein Wunder also, dass der Name Lilith vor allem in feministischen Kreisen bekannt ist (vgl. das feministische Magazin Lilith).  weiterlesen


Liebesgrüße vom Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz!

Am Tag der offenen Akademie am kommenden Sonntag, dem 27. Oktober, feiern wir auch die Namensgeber des neuen Stadtplatzes an der Lindenstraße. Fromet Gugenheim, verheiratete Mendelssohn, wird nach einer längeren Entscheidungsfindung nun neben ihrem Ehemann Moses Mendelssohn im Stadtbild Berlins verewigt. Grund genug, das außergewöhnliche Paar etwas besser kennenzulernen!

Tora-Vorhang

Dieser Tora-Vorhang wurde (so die hebräische Inschrift) 1774/75 von Moses und Fromet Mendelssohn einer Berliner Synagoge gestiftet. Dieses und weitere Objekte zu Moses Mendelssohn finden Sie in den Sammlungen des Jüdischen Museums Berlin

Als der Philosoph Moses Mendelssohn im Frühjahr 1761 bei einem Besuch in Hamburg die Kaufmannstochter Fromet Gugenheim kennenlernt, ist es um ihn geschehen. In einem Gartenhäuschen gesteht er ihr seine Liebe und stiehlt »einige Küsse von ihren Lippen«. Wie berauscht kehrt er nach Berlin zurück und schreibt an seinen Freund, Gotthold Ephraim Lessing:

»Ich habe die Thorheit begangen, mich in meinem dreißigsten Jahr zu verlieben. … Das Frauenzimmer, das ich zu heirathen Willens bin, hat kein Vermögen, ist weder schön noch gelehrt, und gleichwohl bin ich verliebter Geck so sehr von ihr eingenommen, daß ich glaube, glücklich mit ihr leben zu können.«

Die beiden heiraten im Juni 1762. Dass es sich um eine Liebesheirat handelt, ist durchaus ungewöhnlich, denn die meisten Ehen wurden damals von Heiratsvermittlern geschlossen – »so brauchen wir auch keine Ceremonien zu unserer Correspondenz«, schreibt Moses an Fromet in dem allerersten Brautbrief vom 15. Mai 1761, »…das Herz wird antworten.«  weiterlesen